Nachbarschaftshilfe wächst in Sachsen-Anhalt Von Dörthe Hein und Klaus-Dietmar Gabbert , dpa

Eine Ruheständlerin denkt an den Zusammenhalt in der
DDR-Hausgemeinschaft zurück und will auch heute ein gutes
Miteinander. Sie engagiert sich wie Tausende weitere als
Nachbarschaftshelferin.

Magdeburg (dpa/sa) - Sie tragen dazu bei, dass Pflegebedürftige
länger in ihren eigenen vier Wänden leben können und Sozialkontakte
haben: Über 4.000 Menschen haben sich in Sachsen-Anhalt schon als
Nachbarschaftshelfer schulen und registrieren lassen. Sie kaufen für
die Hilfebedürftigen ein, helfen im Haushalt oder begleiten sie zum
Arzt oder Behörden. 

Seit drei Jahren werden in Sachsen-Anhalt Nachbarschaftshelferinnen
und -helfer qualifiziert. «Der Bedarf ist immens groß», sagt Stefanie

Hamacher von der Landeskoordinierungsstelle Nachbarschaftshilfe
Sachsen-Anhalt. Regionale Servicepunkte gibt es in fast allen
Landkreisen und kreisfreien Städten, dort laufen die Schulungen und
Beratungen.

Kerstin Kränzel, die von sich selbst sagt, mit 60 habe sie aufgehört,
die Lebensjahre zu zählen, ist eine von den 4.000
Nachbarschaftshelfern. Zettel mit Erinnerungen an Arzttermine und den
nächsten Einkauf liegen auf ihrem Küchentisch. Die Magdeburgerin
denkt für andere mit. Im vergangenen Jahr wurde sie geschult und auf
ihre ehrenamtliche Hilfeleistung vorbereitet. Nun geht Kerstin
Kränzel beispielsweise einmal in der Woche mit einer alten Dame
einkaufen in einen angestammten Supermarkt. «Sie kommt sonst nicht
raus», sagt sie über die 80-jährige Pflegebedürftige. Eine
fortschreitende Erkrankung schränke sie in der Mobilität stark ein.

Sowohl die Nachbarschaftshelferin als auch die Fachfrau Stefanie
Hamacher sind sich einig: «Es geht nicht nur darum, mit jemandem
einzukaufen.» Hamacher sagt: «Es geht darum, die soziale Teilhabe zu
stärken, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Zeit zu verbringen.»

Die Erinnerung an die DDR-Hausgemeinschaft motiviert 

Um ihre Beweggründe zu erklären, greift Kerstin Kränzel, die lange im

öffentlichen Dienst arbeitete, auf Erinnerungen in der DDR zurück.
«Da gab es eine Hausgemeinschaft. Dort wohnten nicht fremde Menschen,
sondern Vertraute und Freunde.» Nach der Schule habe sie bei Nachbarn
Kartoffelpuffer gegessen, man feierte Silvester zusammen und als sie
ihre eigene Familie hatte, passten Nachbarn auf ihr Kind auf. «Das
hat sich heute sicherlich verändert», sagt Kränzel. Sie selbst habe
das Miteinander immer gelebt, auch wenn sie heute in einem
Einfamilienhaus wohnt.

131 Euro als Aufwandsentschädigung

Dass es für die Nachbarschaftshilfe eine Aufwandsentschädigung gibt,
den sogenannten Entlastungsbetrag, sei für sie eine Anerkennung, sagt
Kerstin Kränzel. Nachbarschaftshelfer können über die Pflegekasse 131

Euro im Monat bekommen. Dass viele Pflegebedürftige, die einen
Anspruch darauf haben, das Geld nicht nutzen, zeigen Zahlen der AOK
Sachsen-Anhalt. Im vergangenen Jahr hatten demnach über 103.000
Versicherte einen Anspruch auf den Entlastungsbetrag, nur 56,7
Prozent nutzten ihn. Im Jahr 2022 lag die Inanspruchnahme noch bei 57
Prozent. 

Gleichzeitig stieg die Zahl der Menschen, denen der Entlastungsbetrag
zustehe um gut 23 Prozent. Eine AOK-Sprecherin nennt den
demografischen Wandel als Grund und auch ein Plus an Versicherten.
Warum die Menschen das Geld nicht nutzen, ist unklar. Die Zahl der
Versicherten aber, die die Nachbarschaftshilfe in Anspruch nehmen,
ist bei der AOK Sachsen-Anhalt im Lauf des 2023 gestarteten Projekts
deutlich gestiegen: Im ersten Jahr seien es noch 299 gewesen,
inzwischen schon 1.814.

Die Scham bei Hilfebedürftigen ist groß

Stefanie Hamacher, die für die Gesellschaft für Prävention im Alter
arbeitet, den Projektträger der Nachbarschaftshilfe, sagt: «Viele
Leute sind nicht gut informiert.» Bis jemand bei ihr in der Beratung
lande, liege oft ein Marathon über verschiedenste Anlaufstellen
hinter den Menschen. Und dann gebe es noch eine ganz andere Hürde:
«Viele schämen sich, überhaupt einen Pflegegrad zu beantragen.» Der

Gedanke, was die Nachbarn denken, wenn plötzlich ein Pflegedienstauto
vor dem Haus steht, sei für viele schwierig. Überhaupt: Hilfe
anzunehmen, falle den meisten nicht leicht. Dabei gibt es die
Menschen wie Kerstin Kränzel, die gern helfen. 

Die Nachbarschaftshilfe wird zu 70 Prozent von Frauen geleistet, sagt
Stefanie Hamacher. Viele seien selbst schon im Rentenalter oder kurz
davor. «Die Kinder sind raus, die zeitlichen Ressourcen sind wieder
da», umschreibt Hamacher. Sehr großes Potenzial sieht sie noch bei
Studierenden oder jüngeren Berufstätigen.

Die Zahl der Schulungen ist im Lauf des Projekts, das vorerst bis
Ende dieses Jahres läuft, stetig gestiegen. Stefanie Hamacher zufolge
waren es 2024 genau 46 Schulungen, im vergangenen Jahr dann 63 und in
diesem Jahr sind 97 geplant. Das sind jeweils 8 mal 45 Minuten. Dabei
werden die Helfer darüber informiert, was sie dürfen und wo die
Grenzen sind. Pflegerische oder medizinische Tätigkeiten etwa gehören
nicht dazu. 

Die Nachbarschaftshelfer sollen auch auf sich selbst aufpassen

Stefanie Hamacher sagt, sie weise mantraartig darauf hin, dass die
Nachbarschaftshelfer im Sinne ihrer Selbstfürsorge Grenzen setzen
sollen. Das betreffe auch den Zeitaufwand, jeden Tag im Einsatz zu
sein, das sei nicht vorgesehen. «Es ist wichtig, dass sie auf sich
aufpassen.» In den Schulungen geht es aber auch um Einschränkungen
bei Hochbetagten und Krankheitsbilder sowie Abrechnungsformulare.

Alle drei Jahre ist für die Nachbarschaftshelfer eine
Auffrischungsschulung vorgesehen. Stefanie Hamacher ist gespannt, was
aus den Helfern geworden ist, welche Erfahrungen sie gemacht haben.
Ab September werden die ersten Nachbarschaftshelfer wieder geschult.

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