Seltene Diphtherie - Kind stirbt nach monatelangem Kampf Von Antje Kayser, Simone Humml und Oliver von Riegen, dpa
Als «Würgeengel der Kinder» wurde die Erkrankung bekannt,
mittlerweile sind Diphtherie-Todesfälle in Deutschland sehr selten.
Ein Zehnjähriger erkrankte daran und starb nun. Er war nicht geimpft.
Berlin (dpa) - Monatelang lag der zehnjährige Junge im Krankenhaus
mit Diphtherie - einer gefährlichen Krankheit, die früher auch als
«Würgeengel der Kinder» bezeichnet wurde. In Deutschland kommt
Diphtherie mittlerweile dank der Impfung nur noch selten vor. Nun ist
das ungeimpfte Kind aus Brandenburg, das in Berlin zur Schule ging,
nach dpa-Informationen gestorben. Zuvor hatte der «Tagesspiegel»
darüber berichtet.
Wegen einer akuten Entzündung der Rachenmandeln war der Schüler im
September in die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Potsdam
gekommen. Später wurde Rachendiphtherie diagnostiziert, ausgelöst
durch Bakterien. Aufgrund des Gesundheitszustandes wurde das Kind in
die Charité nach Berlin verlegt und dort invasiv beatmet. Das
Brandenburger Gesundheitsministerium rief damals zur Schutzimpfung
auf, um zu verhindern, dass sich die Diphtherie verbreitet.
Schule äußert sich nicht öffentlich
Der Junge ging in die Waldorf-Schule Havelhöhe in Berlin. Die Schule
äußerte sich zunächst nicht öffentlich zum Tod des Schülers. Es
handele sich um eine persönliche Angelegenheit der Familie, hieß es.
Dem «Tagesspiegel» zufolge wurde von der Schule am Dienstagabend ein
Brief an alle Eltern verschickt, in dem sie über den Tod des
erkrankten Jungen informierte. «Sein Weg zuletzt war geprägt von
Stärke und Tapferkeit, und er hinterlässt in unserer Gemeinschaft
eine Lücke, die uns alle berührt», heißt es in der Zeitung unter
Berufung auf den Brief der Schule. Nach Informationen der Zeitung
soll es eine Trauerfeier geben.
Das Kind aus dem Havelland in Brandenburg war nach Angaben des
Brandenburger Gesundheitsministeriums nicht geimpft. Symptome einer
Rachendiphtherie umfassen laut Robert Koch-Institut (RKI) unter
anderem Halsschmerzen, Fieber, pfeifende Geräusche beim Einatmen,
Schwellungen der Halslymphknoten. Später kann eine Mandelentzündung
auftreten. Das Ministerium und der Landkreis äußerten sich mit
Verweis auf Privatsphäre und Datenschutz nicht zu dem Jungen. Die
Charité verwies auf die Schweigepflicht.
Der Bund der Freien Waldorfschulen gibt auf seiner Website keine
Impfempfehlungen, sondern verweist Eltern auf die Beratung durch
ihren Kinderarzt oder Kinderärztin. Als die Krankheit des Jungen im
Oktober bekannt wurde, wies die Waldorf-Schule darauf hin, dass es
dort keine höhere Diphtherie-Gefahr als an anderen Schulen gebe.
Diphtherie-Todesfälle in Deutschland sehr selten
Die Wahrscheinlichkeit für Diphtherie-Erkrankte, an der Krankheit zu
sterben, liegt nach Angaben des RKI bei fünf bis zehn Prozent,
deutlich höher liegt sie bei Kindern unter 5 und bei Erwachsenen über
40 Jahren.
«Diphtherie-Todesfälle sind in Deutschland sehr selten», teilte das
RKI mit. 2025 sei dem RKI ein Todesfall aufgrund einer
respiratorischen Diphtherie mit dem Erreger Corynebacterium
diphtheriae bei einer erwachsenen Person übermittelt worden, hieß es.
Die Person sei bereits Ende 2024 gestorben. Ein weiterer Todesfall
durch eine respiratorische Diphtherie sei 2024 übermittelt worden,
für 2023 sei es einer durch Hautdiphtherie gewesen. Für 2022 wird ein
Diphtherie-Todesfall im Infektionsepidemiologischen Jahrbuch
aufgeführt. «Dabei handelt es sich um eine 80-jährige Frau mit
Hautdiphtherie.» Vor 2022 wurde jahrelang kein Diphtherie-Todesfall
bekannt.
Eine Impfpflicht gibt es für Diphtherie nicht. «Die Durchimpfungsrate
ist sehr gut», sagte Tobias Tenenbaum, Vorsitzender der Deutschen
Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie bereits vor einiger Zeit
der dpa. Deswegen sei die Gefahr, dass es nach einem Fall einen
Ausbruch gebe, in Deutschland nicht so hoch. Für Berlin verzeichnete
das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) 2024 vier
Erkrankungsfälle. In Brandenburg waren es im vergangenen Jahr laut
Gesundheitsministerium fünf übermittelte Diphtherie-Fälle, in diesem
Jahr gibt es bisher keinen Fall in Brandenburg.
«Impfpflicht nicht zielführend»
Allerdings könne so ein Ausbruch dann passieren, wenn es eine
empfängliche Gruppe gebe, wie etwa eine Schulklasse mit vielen
ungeimpften Kindern. Eine Impfpflicht gegen Diphtherie hält Tenenbaum
nicht für zielführend. «Das wäre nur dann sinnvoll, wenn wir eine
erhöhte Bedrohungslage hätten.» Diese gebe es aber wegen der hohen
Impfquoten nicht - die Krankheit tauche kaum auf.
Früher war das anders: 1892 erlagen der Infektion in Deutschland mehr
als 50.000 meist junge Menschen. 1913 wurde die Impfung eingeführt,
wodurch die Zahl der Infektionen deutlich sank. 2024 gab es dem RKI
zufolge in Deutschland 51 bestätigte Erkrankungen, 2025 bislang 2.
Die Übertragung erfolgt bei Rachendiphtherie gewöhnlich durch
Tröpfcheninfektion.
Ursache der Infektion ist unbekannt
Ein weiterer Erkrankungsfall war im Herbst im familiären Umfeld des
Kindes durch Kontaktnachverfolgung des Gesundheitsamtes festgestellt
worden. Aufgrund eines Impfschutzes habe die Person allerdings nur
einen leichten Erkrankungsverlauf gehabt, teilte der Landkreis
Havelland damals mit. «Diese Person war gegen Diphtherie geimpft.» Wo
sich das Kind infiziert hatte, ist nicht bekannt.
Die Impfung bietet laut RKI einen zuverlässigen Schutz gegen die
Symptome der Diphtherie, nicht aber vor der Infektion mit dem
Erreger. Die Ständige Impfkommission (Stiko) rät allen zur
Diphtherieimpfung. Normalerweise erhalten Säuglinge zur
Grundimmunisierung drei Dosen im Alter von zwei, vier und elf
Monaten. Eine erste Auffrischungsimpfung empfiehlt die Stiko bei
fünf- bis sechsjährigen Kindern, eine zweite im Alter von 9 bis 17
Jahren. Erwachsene sollten den Impfschutz alle zehn Jahre auffrischen
lassen.
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