Musks Neuralink setzt erstmals ihr Gehirn-Implantat in Menschen ein Von Andrej Sokolow und Annett Stein, dpa
Mit Gehirnchips Roboterarme oder andere Dinge steuern - das war
einzelnen Patienten schon mehrfach möglich. Mit viel Geld will
Tech-Milliardär Elon Musk ein solches System nun zur Marktreife
drücken. Doch ist sein Weg tatsächlich der vielversprechendste?
Fremont (dpa) - Elon Musks Medizintechnik-Firma Neuralink hat ihr
Gehirn-Implantat zum ersten Mal einem Menschen eingesetzt. Der
Patient erhole sich nach dem Eingriff am Sonntag gut, schrieb der
Tech-Milliardär am Montag auf seiner Online-Plattform X. Das
Implantat von Neuralink soll es ermöglichen, durch Gedanken ein
Smartphone zu bedienen - und darüber auch andere Technik. Auch
weitere Unternehmen und Forscher arbeiten an solchen Verfahren.
Bisher fehlten noch sehr viele Informationen zu dem Fall, sagte der
Neurotechnologe Rüdiger Rupp vom Universitätsklinikum Heidelberg der
Deutschen Presse-Agentur (dpa). Unklar sei etwa, wie viele Drähte
implantiert worden seien und ob der Versuch auf eine bestimmte Frist
oder dauerhaft ausgelegt sei. Dass neuronale Aktivität abgeleitet
werden konnte, bedeute erst einmal wenig. «Das heißt noch keine
Kontrolle eines Smartphones», betonte Rupp. Dafür müsse die Aktivit
ät
der Neuronen vom Nutzer aktiv durch Gedanken moduliert werden können,
zudem müsse ein neuronaler Dekoder die neuronale Aktivität stabil in
Steuerbefehle umwandeln.
Die Technik an sich stelle keine Revolution dar, sagte der
Neuroinformatiker Moritz Grosse-Wentrup von der Universität Wien der
dpa. Schon seit knapp zwei Jahrzehnten würden von einzelnen Patienten
Roboterarme über Implantate gesteuert. «Die Technologie ist im
Prinzip schon da, aber mit Neuralink ist es nun auch möglich, mit
viel Geld und vielen Mitarbeitern die unzähligen kleinen Probleme bis
zur Marktreife zu lösen.»
Das Implantat habe mit 1024 vergleichsweise viele Elektroden, die mit
Nervenzellen im Gehirn verbunden werden, erklärte Grosse-Wentrup.
Zudem ließen sich sehr zielgenau bestimmte Bereiche und damit auch
Funktionen ansteuern. Der große Nachteil des Verfahrens aus Sicht des
Neuroinformatikers: «Man ist im Gehirn drin.» Das berge immer das
Risiko von Infektionen, zudem setze sich Hirngewebe wie jedes andere
zur Wehr, etwa mit Abkapselungsreaktionen. «Wie lange das System
stabil bleiben kann, ist noch vollkommen unklar.» Bei ähnlichen
invasiven Ansätzen habe sich gezeigt, dass die Zahl beobachtbarer
Neuronen mit der Zeit abnimmt.
Wirklich beurteilen werde man Neuralink darum erst in einige Jahren
können, sagte Grosse-Wentrup. Mit ersten Zulassungen sei
gegebenenfalls erst in etwa einem Jahrzehnt zu rechnen. Neuralink hat
mehrere Konkurrenten, die die Technologie ebenfalls kommerziell
nutzen wollen. Die Firma Precision Neuroscience will ihr Implantat
mit ebenfalls 1024 Elektroden auf einem Film über einen sehr feinen
Schnitt im Schädel minimalinvasiv am Gehirn anbringen. Synchron will
ein System mit 16 Elektroden über Blutgefäße in die Nähe der
richtigen Gehirnbereiche bringen.
Gegenüber anderen Firmen und Kooperationen mit ähnlichem Ziel habe
Neuralink dabei aber einen speziellen Vorteil, so Grosse-Wentrup:
«Alle anderen pumpen bei weitem nicht so viel Geld da rein.» Nicht
klar ist dem Experten dabei, wo sich Musk bei Marktreife der
Technologie dann die Riesengewinne erhofft. Die Patientengruppe, die
absehbar profitieren könne, sei nicht sehr groß. «Nur wenige Menschen
haben so schwere Lähmungen.» Für jeden Fall sei das Risiko des
invasiven Eingriffs ins Gehirn abzuwägen. Zudem gebe es andere
Möglichkeiten wie die Sprachsteuerung von Computern und Geräten.
Prinzipiell sei längerfristig denkbar, über die Technologie
bestimmten Patienten das Gehen wieder zu ermöglichen, ergänzte
Grosse-Wentrup. Die Kosten und Herausforderungen seien aber immens.
Mit großen Summen und ungewissen Aussichten umzugehen, ist für Elon
Musk allerdings nichts Neues. Der 52-jährige Unternehmer und
Milliardär peitschte den Elektroautobauer Tesla und die Weltraumfirma
SpaceX zur weltweiten Bedeutung. Die ganze Autobranche wendete sich
unter seinem Druck verstärkt Elektrofahrzeugen zu. Die USA kommen
nicht ohne Raketen von SpaceX aus, künftig sollen mit dem
SpaceX-Raketensystem «Starship» Menschen zu Mond und Mars fliegen.
Auch die Abhängigkeiten von Musks Satellitensystem Starlink wachsen.
Seine Weichenstellungen bei Twitter, das er 2022 kaufte und dann in X
umbenannte, könnten den nächsten Wahlkampf ums Weiße Haus
beeinflussen.
Derzeit gebe es keinen entscheidenden Vorsprung von Neuralink
gegenüber anderen implantierten Lösungen, sagte Rupp. Die große
Aufmerksamkeit sei aber womöglich dennoch gerechtfertigt, da Musk nun
einmal bekannt dafür sei, dass er sehr zielstrebig und ausdauernd
Innovationen zur Marktreife und zur praktischen Verwendbarkeit führe.
«Es wäre für das ganze BCI-Feld ein großer Gewinn, wenn Musk wie be
i
Tesla oder SpaceX auch bei Neuralink ein Produkt auf den Markt
bringen und mit seinen hohen verfügbaren Geldsummen lange auf dem
Markt halten würde», erklärte Rupp. BCI steht für
Hirn-Computer-Schnittstellen (Brain-Computer-Interfaces)
Das Unternehmen Neuralink hatte Musk 2016 gegründet, um Möglichkeiten
zur Vernetzung des menschlichen Gehirns mit Maschinen untersuchen zu
lassen. Die Erlaubnis, das entwickelte Implantat zu Forschungszwecken
in einer klinischen Studie Menschen einzusetzen, bekam Neuralink im
Mai 2023. Davor war die Technik an Tieren getestet worden.
Die extrem feinen Elektroden des Implantats werden bei einer
Operation mithilfe eines speziellen Roboters direkt mit Hirngewebe
verbunden. Externe Geräte sollen dann kabellos angesteuert werden
können. Für die klinische Studie hatte Neuralink Patienten mit
Tetraplegie gesucht - einer Querschnittlähmung, bei der Beine und
Arme betroffen sind.
Zu Hirn-Computer-Schnittstellen forschen seit Jahren mehrere
Einrichtungen und Unternehmen. Sie basieren darauf, dass das Gehirn
elektrische Felder erzeugt. Diese Felder können gemessen werden und
stellen ein Abbild unserer Gedanken dar. Da bestimmte Gedanken mit
charakteristischen Mustern einhergehen, kann man Computer lernen
lassen, aus diesen Mustern Rückschlüsse auf unsere Gedanken zu
ziehen.
Gelingt das, könnten auf diese Weise zum Beispiel Gelähmte per
Gedankensteuerung ein Exoskelett steuern oder Menschen mit
Locked-In-Syndrom mit ihrer Außenwelt kommunizieren. Für
vielversprechender als den Ansatz von Neuralink hält Rupp dabei
aktuell weniger hochinvasive Elektrodensysteme, bei denen die
Hirnaktivität über ein Implantat unterhalb der Schädeldecke, aber
nicht tief im Gehirn abgelesen wird.
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