Rostocks OB Madsen gegen Impfpflicht - Digitalisierung vorantreiben

Vor wenigen Monaten war Rostocks OB Claus Ruhe Madsen ein gern
gesehener Gast in Talkshows. Inzwischen ist es ruhiger um ihn
geworden - der Spielraum der Kommunen in der Pandemie ist nun
kleiner.

Rostock (dpa/mv) - Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen
(parteilos) hat sich gegen eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen,
um die Corona-Pandemie einzudämmen. Stattdessen solle die
Digitalisierung viel schneller vorangetrieben werden, um einen
besseren Überblick über den tatsächlichen Stand der Immunisierung der

Gesellschaft zu erhalten, sagte Madsen der Deutschen Presse-Agentur.
Die große Zahl der Menschen, die gegen die Anti-Corona-Maßnahmen auf
die Straße gehen, drücke ein wachsendes Misstrauen gegen staatliche
Institutionen und deren wechselnde Entscheidungen aus. «Wir schließen
ständig etwas aus, was im nächsten Monat dann doch wieder diskutiert
oder beschlossen wird.»

Ein Großteil der Demonstranten, die derzeit auf die Straße gehen,
seien völlig normale Menschen, deren Ängste und Bedürfnisse sehr
ernst genommen werden müssten. «Wenn wir die nicht erreichen, ist gar
nichts gewonnen», betonte Madsen. Die Menschen bräuchten Angebote, um
sich impfen zu lassen. Er erinnerte daran, dass der Weihnachtsmarkt
2021 zwei Wochen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wie 2G plus
und Maskenpflicht geöffnet war. «Erst auf Druck des Landes haben wir
den Markt schließen müssen.» Auch die Hanse Sail 2021 habe unter den

Hygieneregeln gut funktioniert.

Die Impfpflicht, die derzeit etwa von Bundesgesundheitsminister Karl
Lauterbach (SPD) favorisiert wird, hält der OB für problematisch.
«Wir haben doch gar keinen Überblick, wer geimpft ist», kritisierte
er. Es gebe geimpfte Menschen, die in keiner Statistik auftauchen.
Madsen verwies auf seine dänische Heimat, die bei der Digitalisierung
schon wesentlich weiter sei. «Da ist ein Staat, in den die Menschen
Vertrauen und das Gefühl haben, dass der Staat die Probleme im Griff
hat und auf das Wohl der Menschen achtet.»

Ein Staat könne ein System wie die Impfpflicht nicht einsetzen, wenn
es Zweifel gibt, ob sie auch umgesetzt werden kann. Es würde eine
Katastrophe, wenn es Engpässe bei der Versorgung mit Impfstoff gebe.
«Wenn die Nerven blank liegen, sind die Menschen irgendwann nicht
mehr berechenbar. Dann könnte irgendwann ein Funke überspringen.»

Gleichzeitig sieht der OB seine Stadt und deren kritische
Infrastruktur gut gewappnet für stark steigende Infektionszahlen.
Strukturen wie Wasser- oder Energieversorgung arbeiteten in
Wechselschichten. Es gebe Vorkehrungen, dass Mitarbeiter für zentrale
Funktionen für einen längeren Zeitraum völlig abgeschottet arbeiten
können. Dies funktioniere auch deshalb, weil in den vergangenen zwei
Jahren die Kommunikation in der Stadt stark verbessert worden sei.