Mehr Geimpfte, weniger Infizierte: Ist Corona im Frühjahr vorbei?

22.09.2021 14:00

Sinkende Infektionszahlen und mehr Geimpfte: Noch einmal durch die
dunkle Jahreszeit und wir lassen das Coronavirus hinter uns. Damit
rechnet Gesundheitsminister Jens Spahn. Was sagen Experten dazu?

Berlin (dpa) - Positiver Trend bei den Zahlen zum Coronavirus: Die
Sieben-Tage-Inzidenz ist in Deutschland weiter rückläufig. Das Robert
Koch-Institut gab den Wert der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner
und Woche am Mittwoch mit 65,0 an. Vor einer Woche lag der Wert noch
bei 77,9. Bei der Impfquote haben mittlerweile 63,4 Prozent (52,7
Millionen Bürger) in Deutschland den vollen Impfschutz, 67,4 Prozent
(56 Millionen) sind einmalig geimpft.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rechnet mit einer
Herdenimmunität und damit einem Ende der Pandemie im Frühjahr. Wenn
es keine neue Virusvariante gebe, gegen die die Impfung nicht
schütze, «dann haben wir die Pandemie im Frühjahr überwunden», sa
gte
der CDU-Politiker der «Augsburger Allgemeinen». Also noch einmal
durch die dunkle Jahreszeit mit Maßnahmen wie Abstand halten und
Maske tragen und dann haben wir es geschafft?

Nur, wenn es «sehr gut» laufe, sagt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut
für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Das Erreichen
der Herdenimmunität sei auch eine Frage der Impfgeschwindigkeit und
die sei derzeit niedrig, argumentiert der Epidemiologe.

Negativ sei, so Zeeb, dass das Impftempo seiner Meinung nach nicht
schlagartig ansteigen werde. Positiv sei, dass sich derzeit keine
neue Variante des Coronavirus abzeichne, die etwa für Impfdurchbrüche
sorgen könnte. Das heißt: Auch, wenn es mit einer Herdenimmunität im

Frühjahr eng werden könnte, hofft Zeeb, dass das «Coronavirus nicht
mehr so den Alltag prägen wird».

Das aktuelle Impftempo empfindet auch Carsten Watzl, Generalsekretär
der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, als potenzielle
Achillesferse. «Es wurde immer gesagt, dass wir noch fünf Millionen
Impfungen bräuchten, um gut durch diesen Winter zu kommen. Aktuell
kommen die Erstimpfungen nur im Schneckentempo voran», sagt Watzl,
der sich mehr Impfungen im Spätsommer erhofft hätte.

Den Aussagen des Gesundheitsministers stimmt der Immunologe teilweise
zu: «Wahrscheinlich hat Herr Spahn recht und wir müssen bis zum
Frühjahr warten.» Ein Problem hat Watzl aber mit dem Begriff
Herdenimmunität und der dazu notwendigen Impfquote von etwa 85
Prozent. Das würde bedeuten, dass auch Ungeimpfte durch den hohen
Impfschutz im Rest der Bevölkerung geschützt sind. Watzl: «Das werden

wir wohl nicht erreichen.»

Bundesgesundheitsminister Spahn warnt davor, trotz sinkender
Infektionszahlen die Ansteckungsgefahren nicht zu unterschätzen:
«Auch letztes Jahr hatten wir um diese Jahreszeit eine solche
Verschnaufpause. Wir sind also noch nicht durch.» Das sieht Hajo Zeeb
ähnlich: Der Epidemiologe geht davon aus, dass die Infektionszahlen
noch mal ansteigen und «erst dann werden wir eine Balance finden».

Für Carsten Watzl lassen sich die beiden Jahre durch die aktuelle
Impfquote «nur schwer vergleichen». Große Sorgen bereiten dem
Immunologen die fast vier Millionen ungeimpften Über-60-Jährigen:
«Wenn die sich diesen Winter infizieren, haben wir ein Problem.»

Insgesamt meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland dem RKI binnen
eines Tages 10 454 Corona-Neuinfektionen. Das geht aus Zahlen hervor,
die den Stand des RKI-Dashboards von 4.05 Uhr wiedergeben. Vor einer
Woche hatte der Wert bei 12 455 Ansteckungen gelegen.

Deutschlandweit wurden nach den Angaben zufolge binnen 24 Stunden 71
Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 83 Todesfälle
gewesen. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 4 160 970
nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl
dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt
werden.

Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100 000
Einwohner innerhalb von sieben Tagen gab das RKI am Mittwoch mit 1,65
an. Ein Wochen- oder Monatsvergleich ist wegen der hohen Zahl an
Nachmeldungen nicht möglich.

Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch zu sehen
ist, ist für die Hospitalisierungs-Inzidenz unter anderem wegen
großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen. Der bisherige
Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5.

Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 3 921 500 an. Die Zahl der
Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen
Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 93 123.