Tötung an Tankstelle: Internetaktivitäten des Täters im Blick

22.09.2021 13:34

Aus Wut über die Maskenpflicht soll ein Mann in Idar-Oberstein zum
Mörder geworden sein. Noch sind viele Fragen offen - die Ermittler
untersuchen daher auch die Spuren des Verdächtigen im Internet.

Idar-Oberstein (dpa) - Die Polizei prüft nach der Tötung eines
Tankstellen-Mitarbeiters die Aktivitäten des Täters in den sozialen
Medien. Es seien sehr viele Hinweise dazu eingegangen, sagte ein
Sprecher des Polizeipräsidiums Trier am Mittwoch der Deutschen
Presse-Agentur.

Dem 49-Jährigen wird vorgeworfen, dem 20 Jahre alten Kassierer am
Samstagabend im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein in den Kopf
geschossen zu haben. Der Kassierer hatte ihn auf die Maskenpflicht
hingewiesen, daraufhin war es zum Streit gekommen. Nach seiner
Festnahme sagte der Täter den Ermittlern zufolge, dass er die
Corona-Maßnahmen ablehne. Die Situation der Pandemie habe ihn stark
belastet, er habe ein Zeichen setzen wollen.

Der zuvor nicht polizeibekannte Deutsche sitzt wegen Mordverdachts in
Untersuchungshaft. Die Tat löste bundesweit großes Entsetzen und
Anteilnahme aus. Die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach geht von
langwierigen Ermittlungen zu den Hintergründen aus. Unter anderem ist
unklar, woher der Mann die Tatwaffe hatte.

Dabei handele es sich um einen großkalibrigen Revolver der Marke
Smith & Wesson, sagte ein Sprecher der Anklagebehörde am Mittwoch.
«Die Herkunft ist weiter ungeklärt. Wir müssen da tiefer forschen.»

In der Wohnung des Verdächtigen seien «weitere Gegenstände, die als
Waffen bezeichnet werden können», sowie eine weitere Schusswaffe
gefunden worden. Dabei handele es sich um eine kleinkalibrige
Pistole. Für die Waffen besitze der Mann keine Erlaubnis. Auch
Munition für die Schusswaffen sei gefunden worden.

Dem Sprecher zufolge wurden zudem elektronische Medien sichergestellt
und würden nun ausgewertet. «Die Internetaktivitäten sind für uns v
on
Interesse und werden überprüft.»

Am Dienstagabend hatte die Polizei in Trier getwittert: «Es gibt
Hinweise auf das Twitterprofil des Tatverdächtigen. Wir gehen diesen
Hinweisen nach.» Die Ermittler seien von sehr vielen Nutzern auf das
Twitter-Profil des mutmaßlichen Täters hingewiesen worden, sagte der
Sprecher der Polizei in Trier. Mit dem Tweet habe man den Bürgern
signalisieren wollen: «Wir sind da dran, wir haben das im Blick.»

Nach gemeinsamen Recherchen des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» und
des auf Verschwörungsideologien spezialisierten Thinktanks CeMAS fiel
der mutmaßliche Schütze bereits vor zwei Jahren auf einem
Twitter-Profil mit nebulösen Gewaltfantasien auf.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zeigte sich
betroffen von der Tat in Idar-Oberstein, das in ihrem Wahlkreis
liegt. Sie kenne auch die Tankstelle, an der der junge Mann von einem
Kunden erschossen wurde. «Warum? Weil es unterschiedliche Sichtweisen
zu den Corona-Regeln gab», sagte Klöckner, die auch die
rheinland-pfälzische Landesvorsitzende der CDU ist, in einem am
Mittwoch veröffentlichten Video auf Twitter.

Der junge Mitarbeiter der Tankstelle habe nichts anderes verlangt,
als dass, was selbstverständlich sei, dass jeder, der die Tankstelle
betrete, Mund-und-Nasen-Schutz trage, um sich und andere zu schützen.
Als Folge dessen sei er erschossen worden - «eigentlich schier
unglaublich», sagte Klöckner in dem Video weiter. «Mich treibt auch
um, wie radikalisiert extreme Sichtweisen sein können und wozu sie
führen können.»

Die Polizeigewerkschaft GdP warnt vor einer Radikalisierung der
Coronaleugner-Szene. «Das ist der erste Fall einer Tötung in
Verbindung mit Corona», sagte GdP-Vizechef Jörg Radek der Funke
Mediengruppe. «Wir nehmen seit letztem Jahr eine Radikalisierung von
Corona-Gegnern wahr. Insbesondere im Zusammenhang von Demonstrationen
im Querdenken-Milieu.» Diese schwere Tat sei jedoch bislang ein
Einzelfall.