Zuschauer-Wirrwarr im Fußball: Vereine drängen auf vollere Stadien Von Jordan Raza, dpa

23.09.2021 15:15

Die Fußball-Clubs drängen nach HSV-Vorbild auf mehr Fans in den
Stadien. Neben finanziellen Einbußen treibt manche Vereine eine
weitere Sorge um. Verfassungsrechtler rechnen bald mit vollen Arenen
- unter einer Voraussetzung. Karl Lauterbach widerspricht.

München (dpa) - Der FC Bayern München verlangt einen 3G-Nachweis,
Borussia Dortmund lässt mit wenigen Ausnahmen keine Getesteten,
sondern nur Geimpfte oder Genesene (2G) rein. Der FSV Mainz 05 setzt
mit der «2G-plus»-Regel auf eine Zwischenlösung: Neben Bereichen fü
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ausschließlich Geimpfte und Genesene gibt es auch ein geringes
Kontingent für negativ Getestete. Fest steht: Es herrscht ein
Zuschauer-Wirrwarr bei den Fußball-Vereinen, die unter Auflagen seit
dieser Saison wieder mehr Fans empfangen dürfen. Manchen Vereinen
geht die Teil-Öffnung nicht weit genug. Sie drängen auf mehr Besucher
und drohen mit rechtlichen Schritten - mit Erfolgsaussichten?

50 Prozent Auslastung, maximal 25 000 Zuschauer: Diese Grundregel hat
die Politik den Clubs der zwei höchsten Spielklassen im Fußball
auferlegt. Während bei Kulturveranstaltungen mit einem 2G-Konzept
teilweise alle Plätze belegt werden dürfen, bleiben die Ränge vieler

Vereine teilweise leer. «Es wird Zeit, dass das 'Team Vorsicht'
aufpasst, dass es nicht zum 'Team weltfremd' wird», hatte der
scheidende Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL),
Christian Seifert, zuletzt gemahnt.

Hoffnung macht vielen Profi-Clubs die Entscheidung des Hamburger
Senats vom Dienstag: Zweitligist Hamburger SV darf das
Volksparkstadion unter 2G-Bedingungen wieder voll auslasten, auch
wenn die Hamburger aus organisatorischen Gründen darauf am Sonntag
gegen den 1. FC Nürnberg noch verzichten. Auch Erzrivale Werder
Bremen darf unter dieser Maßgabe demnächst im heimischen Stadion
wieder vor vollen Zuschauerrängen spielen. BVB-Chef Hans-Joachim
Watzke hatte zuletzt einen solchen Beschluss gefordert. «Wenn die
überwiegende Mehrheit der Zuschauer geimpft und die Kinder getestet
sind, halte ich Fußballspiele vor gut gefüllten Häusern für ein
verantwortbares Risiko», sagte Watzke der «Welt am Sonntag».

Auch Zweitligist FC St. Pauli wird gegen Dynamo Dresden am 3. Oktober
nur geimpften oder genesenen Fans den Stadionzutritt gewähren. Dann
könnten zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Pandemie wieder 29 546
Zuschauer ins Millerntor-Stadion kommen.

Dass neben den Stadien in Hamburg und Bremen weitere Arenen unter der
2G-Voraussetzung in wenigen Wochen wieder komplett besetzt sein
dürfen, hält Verfassungsrechtler Björn Schiffbauer für «relativ
wahrscheinlich». Schließlich könne die 2G-Regelung den öffentlichen

Gesundheitsschutz wohl gewährleisten. «Die Freiheit von Vereinen und
Zuschauern weiter einzuschränken, wäre somit unverhältnismäßig»
,
sagte Schiffbauer, der auch Mitglied im Kontrollausschuss des
Deutschen Fußball-Bundes ist.

Das Problem: Nicht alle Bundesliga-Clubs ziehen bei der 2G-Regelung
mit. Der FC Bayern München setzt bislang ebenso auf 3G wie Hertha
BSC. Mainz testet am kommenden Wochenende eine Zwischenlösung. «Wir
wollen die Nur-Getesteten nicht ausschließen», hatte der Mainzer
Vorstandschef Stefan Hofmann zuletzt im «Bild»-Interview gesagt. Auch
beim 1. FC Union Berlin wird die 2G-Option beim nächsten Heimspiel
gegen Arminia Bielefeld nicht angewandt, weil sie «nicht umsetzbar»
sei, wie es vom Club am Dienstag hieß. Sie umfasse neben den Fans
auch die Union-Mitarbeiter, das eingesetzte Personal aller
Dienstleister, Behörden, Verbände und alle Vertreter des Gastvereins.

Bei Eintracht Frankfurt stellt es sich so dar, dass am Samstag gegen
den 1. FC Köln 31 000 Zuschauer kommen dürften, der Verein aber aus
organisatorischen Gründen nur 25 000 Fans zulässt. Das Gesundheitsamt
Frankfurt hatte die Genehmigung des Antrags für bis zu 31 000
Zuschauer unter der Berücksichtigung der 2G-Regelung im
Stehplatzbereich in Aussicht gestellt, doch «aufgrund der
Kurzfristigkeit und den damit verbundenen organisatorischen
Herausforderungen» nahmen die Frankfurter Abstand von dieser Option.
Klar ist: «Es dürfte ohne 2G deutlich schwieriger zu argumentieren
sein, die Stadien wieder voll zu öffnen», sagte Schiffbauer.

Frankfurt hofft nun im nächsten Ligaheimspiel gegen Hertha BSC am 16.
Oktober auf ein volles Stadion mit mehr als 50 000 Zuschauern. «Wir
kämpfen für das Heimspiel gegen Hertha im Zuge einer Vollauslastung
des Deutsche Bank Parks um einen 3G-Sockel von rund zehn Prozent,
damit wir auch Menschen, die nicht geimpft, aber getestet sind, den
Stadionbesuch ermöglichen», sagte Vorstandssprecher Axel Hellmann der
«Bild» (Mittwoch).

Sollten die Fußball-Vereine - vor allem unter Berücksichtigung der
2G-Regel - ihre Zuschauerkapazität nicht erhöhen dürfen, haben einige

Clubs rechtliche Schritte angedroht. «Wir würden uns einer Klage
anschließen», sagte Hertha-Geschäftsführer Fredi Bobic. Und auch
Watzke, der zunächst auf einen Dialog mit der Politik setzen will,
schloss juristische Maßnahmen als «Ultima Ratio» nicht aus.

Über die Erfolgsaussichten dieser Klagen könne keine pauschale
Aussage getroffen werden, sagte Schiffbauer. «Gegen die Regelung der
Corona-Schutzverordnung muss in jedem Bundesland separat vorgegangen
werden. Mit einer Klage ist da nicht viel gewonnen.» Letztendlich
werde es auf ein koordiniertes Vorgehen in der Politik hinauslaufen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte zuletzt Hoffnung auf
zumindest vollere Stadien gemacht. Man könne die Teilnehmerzahlen für
Geimpfte und Genesene anders rechnen als Getestete, erklärte der
CDU-Politiker. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte auf
Anfrage der Deutschen Presse-Agentur: «Leider ist es auch unter
2G-Bedingungen im Moment noch nicht sinnvoll, die Stadien ganz zu
füllen.» Wegen des Nachlassens des Impfschutzes würden vollere
Stadien auch wegen der Anreise ein Problem darstellen.

Viele Vereine sorgen sich nicht nur wegen der finanziellen Einbußen,
sondern fürchten auch, dass sich Fans an ein Fußball-Spiel vor dem
Fernseher gewöhnen könnten. So hatte die TSG 1899 Hoffenheim gegen
Union Berlin nur 8014 Zuschauer, gegen Mainz 8427 - 15 000 sind
erlaubt. Auch bei Hertha oder Greuther Fürth waren trotz geringerer
Kapazität nicht alle Karten vergriffen. Es werde noch dauern, bis die
Fans wieder vollständig ins Stadion zurückkämen, prophezeite
TSG-Trainer Sebastian Hoeneß. Fürth-Coach Stefan Leitl sprach von
einer «Unsicherheit» bei vielen Fans.

Ob 2G, 3G oder 2G-Plus - die Fußball-Clubs werden das Dauerthema
Corona bislang nicht los. Doch die Entscheidung des Hamburger Senats
könnte Signalwirkung für andere Bundesländer haben.