Politikwissenschaftler: Provokation ist Merkmal der Pandemie-Leugner

21.09.2021 14:54

Idar-Oberstein (dpa) - Nach der tödlichen Attacke in Idar-Oberstein
wegen eines Streits um die Maskenpflicht rücken Gegner der
Corona-Regeln wieder in den Fokus. «Die Maßnahmen abzulehnen ist ein
sehr starkes Identifikationsmerkmal unter Pandemie-Leugnern», sagte
am Dienstag der Politikwissenschaftler Josef Holnburger vom Center
für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), das unter anderem
Radikalisierungstendenzen in sozialen Medien beobachtet.

Vor dem tödlichen Schuss auf den 20-jährigen Tankstellen-Kassierer am
Samstag hatte der 49-jährige Verdächtige provokant die Maske
abgesetzt und sich damit gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der
Corona-Pandemie gestellt. «Eine Maske zu tragen würde als
Eingeständnis gelten, dass es die Corona-Pandemie überhaupt gibt»,
sagte Holnburger der Deutschen Presse-Agentur.

Vermehrt sei zu beobachten, dass etwa Querdenker konkret provozieren
wollen - etwa indem sie die Maske absichtlich falsch tragen. Damit
werde eine Eskalation herbeigewünscht, so Holnburger. «Der Fall in
der Tankstelle würde sehr gut in dieses Schema hineinpassen.»

Bisher ist jedoch nicht geklärt, ob der Tatverdächtige der
Querdenker-Szene zuzurechnen ist. Noch nie sei der 49-Jährige etwa
als Teilnehmer einer Pandemie-Leugner-Demo aufgefallen, heißt es von
der Staatsanwaltschaft.

Aus Ermittlerkreisen wurde am Dienstag aber bekannt, dass der Mann in
den Theorien der Corona-Leugner «bewandert» sei. «Er kennt die
Quellen und hat auch angegeben, dass er sich da schlau gemacht hat»,
hieß es. Ob er sich in sozialen Netzwerken radikalisiert hat, ist
bisher nicht belegt. Mehr Klarheit erhoffen sich die Ermittler vor
allem von der Auswertung der sichergestellten elektronischen Geräte.

Im Internet wird die Attacke in Idar-Oberstein nach
CeMAS-Erkenntnissen teilweise bereits umgedeutet als sogenannte
False-Flag-Aktion. Die Unterstellung: Die Attacke sei inszeniert
worden, um die Szene zu diskreditieren. «Selbst eine extreme Tat wie
eine Ermordung wird von Querdenkern für ihre Zwecke
instrumentalisiert», sagte Holnburger. Rechtsextremisten hingegen
würden im Netz sogar noch weiter gehen und dem Verdächtigen für seine

Tat applaudieren.