Riesige Trauer: Corona-Gedenkstätten sollen Schmerz der Welt lindern Von Kristin Palitza, dpa

20.09.2021 07:25

Die Welt trauert. Sehr viele kennen inzwischen jemanden, der an
Covid-19 schwer erkrankt oder gestorben ist. In vielen Teilen der
Welt entstehen deshalb Denkmäler - zur Erinnerung an die Opfer und
zur Trauerhilfe.

Kapstadt (dpa) - Überall auf dem Globus haben Menschen Angehörige und
Freunde durch Covid-19 verloren. Mehr als 4,5 Millionen Menschen sind
weltweit gestorben. Um an sie zu erinnern, entstehen in vielen
Ländern Denkmäler, Gedenkwälder, Skulpturen oder Webseiten. In
welcher Form auch immer: Sie sollen helfen, das Leid auf persönlicher
sowie kollektiver Ebene zu verarbeiten.

Die wohl bekannteste Gedenkstätte steht im Herzen des Londoner
Regierungsviertels. Über mehrere Hundert Meter hinweg reihen sich
große und kleine rote Herzen auf einer Mauer am Themse-Ufer. Familien
und Freunde haben sie in Gedenken an die Gestorbenen aufgemalt.
Mittlerweile kann man sich bei einem Spaziergang entlang der
«National Covid Memorial Wall» sogar per Kopfhörer Geschichten von
Betroffenen anhören. Abgeordnete im britischen Parlament setzen sich
dafür ein, das Denkmal langfristig zu erhalten.

Auch im südostasiatischen Inselstaat Philippinen soll eine
Gedenkmauer die Mitarbeiter des Gesundheitswesens ehren, die während
der Pandemie gestorben sind. Die Mauer, für die es bereits einen
Vorentwurf gibt, soll voraussichtlich bis Dezember auf dem
Heldenfriedhof des Landes entstehen. Die Gedenkstätte werde «eine
Geschichte darüber erzählen, was passiert ist, und über den Heldenmut

unserer Ärzte und Krankenschwestern», sagte Carlito Galvez Jr. von
der nationalen Task Force gegen Covid-19.

In den USA flattern seit dem 17. September auf Washingtons
historischer Flaniermeile unweit des Weißen Hauses für einige Wochen
mehr als 600 000 weiße Flaggen. Bei dem von der Künstlerin Suzanne
Brennan Firstenberg entworfenen Kunstwerk «In America: Remember»
können Angehörige die Flaggen Verstorbenen widmen.

In Italien, das Anfang 2020 zu einem der Brennpunkte des globalen
Coronavirus-Ausbruchs wurde, gibt es in der Stadt Bergamo einen
Gedenkwald für die Opfer. In der norditalienischen Stadt kamen so
viele Menschen ums Leben, dass es für die Toten bald keinen Platz
mehr gab. Damals gingen Bilder von Militärlastwagen um die Welt, die
in einer Kolonne mit den Särgen im Laderaum die Stadt verließen. Die
Zahl der Toten erreichte in Italien Werte, die es seit dem Zweiten
Weltkrieg nicht mehr gegeben hat.

Auch die südafrikanische Stadt Kapstadt hat Erinnerungsgärten
angelegt. In sechs Stadtparks und Friedhöfen werden Bäume mit
Plaketten gepflanzt, die den Kreislauf des Lebens symbolisieren
sollen. «Es sind lebendige Gedenkstätten für die vielen geliebten
Menschen, die wir verloren haben. Wir erinnern uns nicht nur heute an
sie. Wenn diese Bäume wachsen und gedeihen, wird dies Zeugnis für ihr
Leben sein», sagte Bürgermeister Dan Plato. Einwohner binden zur
Erinnerung an einen geliebten Menschen grüne Schleifen um die Bäume,
die aus der Luft betrachtet einen Kreis bilden.

In Lateinamerika sind mehrere große Monumente geplant. In Uruguay hat
Architekt Martín Gómez Platero ein Erinnerungsmal für die
Uferpromenade in Montevideo entworfen. Eine 40 Meter breite Plattform
im Meer soll über einen Steg mit dem Ufer verbunden werden. In der
Mitte befindet sich ein Loch, durch das Besucher ins Wasser hinab
schauen können. «Die Gedenkstätte soll ein kollektives Bewusstsein
schaffen und uns daran erinnern, dass der Mensch nicht der
Mittelpunkt des Ökosystems ist, ... da wir der Natur immer
untergeordnet sein werden», heißt es in der Projektbeschreibung.

Im benachbarten Brasilien soll das Denkmal «In-finito», entworfen von
der Architektin Crisa Santos, in Rio de Janeiro den Schmerz vieler
Angehöriger thematisieren, die sich aufgrund der Pandemie nicht
angemessen von ihren Liebsten verabschieden konnten. «Die Familie
sieht den Leichnam des geliebten Menschen, der ins Krankenhaus
gekommen ist, nicht mehr. Sie sieht nur einen Sarg oder eine Urne»,
zitierte die Zeitung «Gazeta do Povo» die Architektin. Die aus sechs
Modulen mit einer Gesamtlänge von 26 Metern bestehende Skulptur, auf
der Namen von Opfern eingraviert sind, solle diese Lücke im
Trauerprozess schließen, so Santos.

In Brasiliens Metropole São Paulo steht eine Skulptur mit einer Art
Zeitkapsel, in der Beileidsbekundungen oder persönliche Erinnerungen
hinterlassen werden können. Im Sockel des Denkmals versiegelt sollen
diese eine Nachricht für künftige Generationen hinterlassen.

In anderen Ländern sind existierende Gedenkstätten umfunktioniert
worden. Im indischen Bundesstaat Goa ist ein 1918 erbautes Denkmal
für die Opfer der Spanischen Grippe zur Corona-Gedenkstätte geworden.
Das heruntergekommene Mahnmal sollte eigentlich zerstört werden, um
Platz für eine Autobahn zu machen, wie die Hindustan Times
berichtete. Doch im Sommer 2020 begannen Menschen dort für erkrankte
Angehörige zu beten. Das Denkmal wurde daraufhin restauriert.

Ähnlich wie auf Goa wurde in Wien eine barocke Säule, die an die Pest
im 17. Jahrhundert erinnert, kurzfristig zu einer Gedenkstätte, an
der Menschen beteten, Kerzen anzündeten und Nachrichten hinterließen.
Im Bundesland Steiermark setzt man hingegen auf moderne Kunst. Bis
Ende des Jahres sollen drei Gedenk-Skulpturen in Graz und Leibnitz
aufgestellt werden: Betonwände, die auf die Abstandsregel hinweisen,
eine versinkende Kugel als Symbol des eindringenden Virus, sowie eine
Licht- und Stahlskulptur.

In Madrid gibt es ebenfalls drei Denkmäler. Eines ist eine
Stahlskulptur vor dem Cibeles-Palast im Stadtzentrum in der eine
ewige Flamme brennt, mit der Widmung: «In unserem Herzen wird Eure
Flamme niemals erlöschen.»

Eine Bronzeskulptur erinnert in den Niederlanden an den
hingebungsvollen Einsatz von Pflegekräften sowie die Verstorbenen.
Das Standbild des Künstlers Kees Verkade - eine Frau und Mann mit gen
Himmel fliegenden Vögeln - steht in einem Naturpark in Isterwijk und
wurde von Prinzessin Margriet eingeweiht. Es soll auch den Aufbruch
in eine neue Zukunft symbolisieren.