Was kommt nach «arm, aber sexy»? Berlin auf der Suche Von Caroline Bock und Burkhard Fraune, dpa

16.09.2021 04:59

Berlin hat jetzt ein neues Schloss, einen Flughafen und sogar
Dax-Konzerne. Aber die Stadt wächst nicht mehr, Tourismus und
Clubszene liegen seit Corona am Boden. «Berlin wird nie fertig»,
heißt es. Oder doch?

Berlin (dpa) - Berlin braucht eine neue Story. Etwas, das die Leute
aus aller Welt anzieht. Klar, Touristen interessieren sich für die
Mauer und die bewegte Geschichte der Stadt. Aber Menschen, die früher
nach Berlin zogen, fanden dort einen Abenteuerspielplatz mit
Ruinencharme, mit sagenhaft günstigen Mieten. Das ist vorbei.

Die Altbauten sind saniert, statt Kohleheizung und Toilette im
Treppenhaus gibt es längst edle Einbauküchen und Bäder mit
Regenwasserdusche. Bei Wohnungsbesichtigungen stehen die Leute
Schlange bis auf die Straße.

Vor der Abgeordnetenhauswahl am 26. September fragen sich viele in
Berlin, wie es weiter geht mit der Stadt, was sie künftig noch
ausmacht. Was kommt nach «arm, aber sexy»?

Wenn man den Unternehmer Ansgar Oberholz fragt, was das nächste große
Ding werden muss, sagt er: Wohnraum und Stadtentwicklung. «Dass
Berlin das geworden ist, was es ist, lag an den günstigen Mieten und
den Freiräumen der Vergangenheit.» Im Moment gehe alles destruktiv
gegeneinander - «Verbote und Gebote, Mietendeckel und Enteignung,
anstatt dass sich alle konstruktiv an einen Tisch setzen: Investoren,
Bürger, Politik und die Verwaltung».

In seinem Café «St. Oberholz» in Berlin-Mitte entstand um 2005
maßgeblich ein großer Trend: das mobile Arbeiten am Laptop. Damals
war W-Lan etwas Neues, es war die Zeit der «digitalen Bohème».
Mittlerweile hat Oberholz drei Unternehmen und 70 Mitarbeiter. Das
größte Wachstum gibt es beim «Flex Office», der Organisation und
Vermittlung von Büros auf Zeit.

Oberholz hat einige Start-ups groß werden sehen. Derzeit wachse der
Bereich Software und Tech am stärksten. «Es wird immer mehr Unicorns
(Einhörner) geben» - also Start-ups mit einem Marktwert von mehr als
einer Milliarde Dollar. Es werde unter anderem um
«Last-Mile-Delivery» gehen, also den Lieferservice für die letzten
Kilometer: «Alles, was dort draußen mit Fahrrädern herumfährt. Das

wird auch international exportiert werden.»

Jahrelang ist Berlins Wirtschaft stärker gewachsen als die
gesamtdeutsche. Die größte Stadt hat heute wieder, was lange nicht
mehr möglich erschien: Dax-Konzerne. Fünf dieser Börsenschwergewichte

werden aus Berlin gesteuert. Einige waren vor ein paar Jahren noch
Start-ups: HelloFresh, Zalando, Delivery Hero. Vor den Toren der
Stadt wird sogar eine Autofabrik gebaut. Elektroautos von Tesla
kommen bald auch aus Grünheide in Brandenburg.

Um die frühere Künstler-Ruine Tacheles nahe dem Bahnhof
Friedrichstraße drehen sich Baukräne für Büros und Geschäfte. An
der
Spree gibt es im Ostteil der Stadt Luxuswohntürme und Großraumbüros
mit Sichtbeton. Brachen verschwinden, Firmenzentralen folgen.

Die SPD-Frau Franziska Giffey, politisch in Neukölln groß geworden
und jetzt im Rennen um den Bürgermeistersessel, will wirtschaftlich
München überholen. «Das wäre doch mal schön: eine Vision, die sag
t,
Berlin ist besser als Bayern.» Nur die hohen Mieten will sie sich
nicht abgucken.

Berlin soll anders bleiben - und auch ein Experimentierfeld. So wird
in der Stadt erprobt, wie Leben, Wohnen, Forschen und Arbeiten in
neuen Stadtvierteln zusammengebracht werden können - auf dem früheren
Flughafengelände in Tegel etwa und in Siemensstadt. Der Reiz des
Unfertigen, er darf nicht verfliegen.

Das soll auch helfen, dass Berlin für Gründer in der digitalen Welt
die erste Adresse in Deutschland bleibt. Allein im ersten Halbjahr
sammelten Berliner Start-ups mehr als vier Milliarden Euro Kapital
ein, wie die Beratungsgesellschaft EY ausgerechnet hat.

Doch die digitale Ökonomie bringt nicht nur Gewinner hervor. Einen
anderen Blick auf die neue Arbeitswelt hat, wer sich abstrampelt, um
in zehn Minuten Supermarkt-Einkäufe auszuliefern oder bestelltes
Essen, bevor es kalt wird.

Fahrer von Lieferdiensten protestieren immer wieder, etwa beim jungen
Unternehmen Gorillas. «Cooles Image, miese Bedingungen», kommentiert
die Gewerkschaft Verdi. Viele Studierende und zugezogene Ausländer,
die Expats, arbeiten mittlerweile für Lieferservices. Leute aus der
Clubszene jobben in Impf- oder Testzentren.

Für die Cafés ist es schwer geworden, Personal zu finden, wie
Oberholz erzählt. Sein Unternehmen sei durch Kurzarbeit, Darlehen und
staatlicher Hilfe gut durch die Corona-Krise gekommen, es stehe heute
besser da denn je. Im November macht in Potsdam-Babelsberg das fünfte
Oberholz-Café auf. Andere Projekte hat er in Biesenthal und in
Mecklenburg.

So optimistisch klingen nicht alle in Berlin: Als der Kreuzberger
CDU-Bundestagskandidat Kevin Kratzsch neulich Gesundheitsminister
Jens Spahn zu einer Runde mit der Clubszene lud, war die Stimmung bei
einigen sehr gereizt. Fast anderthalb Jahre dauerte die
Corona-Zwangspause, das Nachtleben kommt erst allmählich auf die
Beine.

Ähnlich ist es beim Tourismus: Eine halbe Million Gäste, das ist die
amtliche Zahl für den Ferienmonat Juli. Klingt viel und ist auch mehr
als letztes Jahr. Aber vor Corona kamen doppelt so viele. Der neue
Flughafen BER - lange die Lachnummer der Nation - ist zwar endlich in
Betrieb. Doch zwei der drei Terminals sind verriegelt. Sie werden
erstmal nicht gebraucht.

Dabei gibt es noch immer viel zu entdecken in Berlin, das
Humboldt-Forum etwa. So heißt das Ausstellungsgebäude, das außen
aussieht wie das frühere Schloss der Hohenzollern. Und das auch am
selben Platz steht. Lange hatte man dort den Palast der Republik der
DDR verfallen lassen. Noch so ein Ort, wo Ruinen verschwunden sind
und Berlin gediegener wurde, vielleicht auch gesetzter.

Die Berliner wetteifern um den Raum in der Stadt. Soll das Land große
Wohnungsunternehmen enteignen? Eine Frage, die die Wähler in einem
Volksentscheid beantworten sollen. Nicht nur auf dem Immobilienmarkt
ist es enger geworden, auch auf der Straße.

Seit drei Jahren schreibt ein Gesetz vor, Busse, Bahnen und
Radverkehr auszubauen, auch den Fußverkehr, wie später ergänzt wurde.

Autos sollen zurückgedrängt werden, doch das Thema wird zur
Glaubensfrage. Als es kürzlich konkret werden sollte, zerschellte das
Vorhaben im Wahlkampf zwischen den Noch-Koalitionspartnern SPD, Grüne
und Linke. Berlin bestehe nicht nur aus der Innenstadt, heißt es von
den Skeptikern. Viele seien aufs Auto angewiesen.

Immerhin: Es gibt ein paar zusätzliche Radwege, manche auch in Grün.
Und die Vorzeigestraße Unter den Linden verändert ihr Gesicht:
weniger Autos, mehr Platz für Radfahrer und Busse. Eine
Volksinitiative geht weiter: Im Jahr höchstens zwölf Autofahrten pro
Kopf, dafür sammelt sie Unterschriften.

Ansgar Oberholz sagt: «Ich bin kein Freund von Verboten, meist lässt
es sich auch anders regeln.» Berlin habe nicht so viel grundlegende
Substanz, anders als London und Paris, wo es vielleicht nicht so
drastisch sei, wenn es dort keinen günstigen Wohnraum gebe. «Aber
Berlin macht im Kern dieser Freiraum aus, und der wird zerstört. Das
nächste große Ding muss Wohnungsbau sein.»

«Gerade ist es ganz beschaulich», sagt Oberholz. «Aber derzeit ist
Mitte leer, die Expats und die Touristen fehlen. Das muss
wiederkommen. Berlin muss ein internationaler Anziehungspunkt sein,
das ist der Anspruch einer Metropole.» Nötig seien echte
Deregulierung, ein entspannteres Miteinander und wieder mehr
Freiraum. «Seitdem ich in Berlin bin, habe ich das Gefühl, dass Dinge
trotz der Politik passieren, nicht wegen der Politik.»