Ahrtal statt Uganda - Neue Einsatzorte für besondere Kläranlagen Von Jens Albes und Thomas Frey , dpa

16.09.2021 16:54

Für ferne Krisengebiete hat das Deutsche Rote Kreuz temporäre
Kläranlagen entwickelt. Diese können notfalls auch mit Mulis
transportiert werden. Nun ist eine der Anlagen unverhofft in einem
deutschen Katastrophengebiet gelandet. Eine weitere soll hier folgen.

Mayschoß (dpa/lrs) - Die Sturzflut im Ahrtal mit 133 Todesopfern hat
im Juli auch zahlreiche Kläranlagen in dem Rotweinparadies zerstört.
Bis heute fließt daher viel Abwasser ungeklärt in die Ahr. Wie groß
die Verunreinigung ist, sollte beispielsweise am Donnerstag auch eine
Probeentnahme von Ahr-Wasser in Sinzig zeigen, bei der auch
Staatssekretär Erwin Manz (Grüne) dabei war. Das Umweltministerium in
Mainz teilte mit, aktuelle Messdaten deuteten darauf hin, «dass sich
die Belastungen im Gewässer erhöhen». Weil die Kläranlagen stark
beschädigt seien, könne das Abwasser «noch nicht in gewohnter Weise
gereinigt werden». Auch wegen der aktuellen Arbeiten im Flussbett und
an den Ufern könnten Schadstoffe in die Ahr gelangen.

Das wiederum schürt Ängste vor Seuchen. Glück hat das teilzerstörte

Dorf Mayschoß: Eine laut ihrem Entwickler Kurt Saygin ursprünglich
für Uganda bestimmte temporäre Kläranlage des Deutschen Roten Kreuzes

(DRK) reinigt hier nun das Abwasser. Sogar noch etwas besser als die
zerstörte vorherige Anlage, wie Ortsbürgermeister Hubertus Kunz (CDU)
sagt. Eine weitere temporäre Kläranlage des DRK, die nach Saygins
Worten eigentlich für den Libanon bestimmt war, ist für einen anderen
Ort im Ahrtal im Gespräch. Details sind hier vorerst noch nicht
bekannt.

Die zwei ersten Anlagen dieser Art laufen laut dem Chemieingenieur
Saygin in Bangladesch in einem großen Camp mit Flüchtlingen der
muslimischen Rohingya-Minderheit aus dem mehrheitlich buddhistischen
Nachbarland Myanmar. DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt betont, dass
die dritte temporäre Kläranlage ihrer Hilfsorganisation «nun erstmals

im Inland gebraucht werden würde, hätte wohl niemand für möglich
gehalten. Das zeigt, dass solche Katastrophen überall auftreten
können - auch vor der eigenen Haustür.» Saygin sagt, das Hochwasser
habe das Ahrtal «abwassertechnisch um 100 Jahre zurückversetzt».

Die Flutkatastrophe nach extremem Starkregen hat in der Nacht zum 15.
Juli nach Worten von Saygin auch die Kanalisation von Mayschoß teils
weggeschwemmt und verstopft. Nach der Reinigung von Rohren sind laut
Ortsbürgermeister Kunz im Wasser verdünnte Fäkalien wenigstens nicht

mehr im Dorf geblieben, sondern mangels Alternative vorerst in der
fließenden Ahr gelandet. Umso willkommener sei für die etwa 600
verbliebenen von fast 1000 offiziell gemeldeten Einwohnern die neue
Lösung des Roten Kreuzes.

Mayschoß mit einer der ältesten Winzergenossenschaften der Welt
gehört zur besonders flutgeschädigten Verbandsgemeinde Altenahr.
Deren Bürgermeisterin Cornelia Weigand (parteilos) erzählt, sie habe
unverhofft ein Angebot des Roten Kreuzes bekommen: Es habe nicht nur
Pflaster und Spritzen im Angebot, sondern auch noch «was anderes». In
nur etwa einer Woche nach kurzer Vorbereitung sei dann die Kläranlage
bei Mayschoß aufgebaut worden. «Das ist natürlich für uns ein ganz

positives Signal», freut sich Weigand.

Deutschlands erste mobile Kläranlage in Mayschoß, die von einem
großen Lastwagen oder notfalls auch von Mulis transportiert werden
könnte, besteht laut dem DRK aus sieben Tanks mit einem
Fassungsvermögen von insgesamt 334 500 Litern. Auch Büro- und
Laborcontainer gehören dazu. Ihr Berliner Entwickler Saygin erklärt:
«Wir haben es mit einer größtenteils biologischen Aufbereitung zu
tun. Aber selbstverständlich haben wir auch noch Pumpen, Filter,
Vorklärung - das sind dann mechanische Aufbereitungsverfahren.»

Geplant worden ist die bei Bedarf erweiterbare Anlage ursprünglich in
Koordination mit der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und
Rothalbmond-Gesellschaften für Auslandseinsätze. Finanziert worden
ist die Kläranlage mit einem Wert von rund 200 000 Euro in der
Grundversion nach Saygins Worten vom Auswärtigen Amt, das die
Organisation normalerweise bei deren humanitären Hilfe in anderen
Staaten unterstützt. Das DRK erläutert: «Um wieder für die
Auslandsarbeit einsatzklar zu sein, wird die komplexe Anlage nun aus
den eingehenden Spenden nachbeschafft.»

Laut DRK-Generalsekretär Christian Reuter sichert die erste derartige
Kläranlage im Ahrtal «die Abwasseraufbereitung in Mayschoß für zwei

Jahre». So solle das Risiko von Krankheiten und Umweltschäden
gemindert werden. Saygin sagt: «Das Problem bei potenziellen
Seuchenkrankheiten ist, dass man sie zwar mit Ärzten bekämpfen, aber
nur mit Ingenieuren besiegen kann.» Die dauerhafte Erneuerung der
gesamten Klärung des Abwassers im Ahrtal wird nach seinen Worten
«unter Garantie mehrere Jahre in Anspruch nehmen».

Verbandsgemeinde-Bürgermeisterin Weigand erklärt, die beste Lösung
für eine neue ständige Kläranlage in Mayschoß müsse erst geprüf
t
werden. Sie einfach wie zuvor an derselben Stelle zu bauen, das sei
nicht die Frage. Man könne überlegen, «wie man optimiert». Experten

warnen davor, neue Kläranlagen in mögliche Überschwemmungsgebiete zu

bauen.