Präsidentenmord in Haiti: Premierminister soll angeklagt werden

15.09.2021 04:33

Die Ermordung des haitianischen Präsidenten war ebenso spektakulär
wie mysteriös. Aufgeklärt ist sie zwei Monate später weiterhin nicht.

Einen großen Schritt könnten die Ermittler nun mit einer Anklage des
Interims-Premierministers tun. Vieles bleibt jedoch unklar.

Port-au-Prince (dpa) - Nach der Ermordung des Staatspräsidenten
Jovenel Moïse hat die Staatsanwaltschaft eine Anklage des
Interims-Premierministers Ariel Henry beantragt. Das geht aus einem
Schreiben der Staatsanwaltschaft an den zuständigen Richter hervor,
aus dem am Dienstag Medien übereinstimmend berichteten. Henry wurde
demnach zudem in einem weiteren Brief an die Einwanderungsbehörde des
Karibikstaates die Ausreise untersagt.

In letzterem Schreiben - das in sozialen Medien verbreitet wurde,
dessen Echtheit sich zunächst jedoch nicht bestätigen ließ - heißt

es, es gebe schwerwiegende Anschuldigungen gegen Henry wegen Moïses
Ermordung. Was ihm genau vorgeworfen wird, war zunächst unklar.

Wenige Stunden nach Bekanntwerden der zwei Briefe des Staatsanwalts
Bed-Ford Claude teilte Henrys Büro mit, Claude sei ersetzt worden. In
einem entsprechenden Schreiben von Henry, das vom Montag datiert war
und das haitianische Medien am Dienstag verbreiteten, wird Claudes
Entlassung mit «schwerem administrativem Fehler» begründet.

Der 53 Jahre alte Moïse war in der Nacht zum 7. Juli in seiner
Residenz von einer schwer bewaffneten Kommandotruppe überfallen und
erschossen worden. Seine Ehefrau Martine wurde dabei angeschossen,
überlebte aber. Nach Polizeiangaben führten kolumbianische Söldner
den Mord aus. Zu den Hintermännern sollen ein haitianischer Arzt, der
in den USA wohnte, und ein Ex-Funktionär des haitianischen
Justizministeriums gehören. Es gab zahlreiche Festnahmen, aufgeklärt
wurde der Fall bisher nicht.

Vor wenigen Tagen hatten örtliche Medien berichtet, die Ermittler
hätten Henry eingeladen, sich zu Telefonaten in der Nacht des
Attentats zu äußern, die er mit einem der mutmaßlichen Hintermänner

geführt haben soll. Henry prangerte am Samstag, ohne die Vorwürfe
direkt anzusprechen, auf Twitter Ablenkungsmanöver an, die ihm
zufolge Verwirrung stiften und die Justiz behindern sollten.

Moïse hatte Henry keine 36 Stunden vor seinem Tod zum bereits siebten
Regierungschef seiner Amtszeit ernannt. Henry und sein Kabinett
wurden allerdings nach einem Machtkampf um das Amt erst mehrere
Wochen später am 20. Juli vereidigt. Da Haiti seit Anfang 2020 kein
beschlussfähiges Parlament hat, konnte der 71 Jahre alte
Ex-Innenminister und Neurochirurg nicht verfassungsgemäß im Amt
bestätigt werden. Am 26. September waren Präsidenten- und
Parlamentswahlen in dem ärmsten Land Amerikas geplant.
Medienberichten zufolge werden diese auf den November verschoben.

Einige Ermittler im Fall Moïse haben angegeben, Todesdrohungen
erhalten zu haben und sich deshalb versteckt zu halten. Der
ursprünglich zuständige Richter trat zudem vor einem Monat zurück -
er gab persönliche Gründe an. Örtliche Medien berichteten zuletzt
auch über Machtkämpfe in der Regierung - vor allem zwischen Henry und
dem Justizminister Rockfeller Vincent.