Rechtsmediziner mit Boogie im Blut Von André Klohn, dpa

05.04.2021 08:00

Auf seinem Tisch liegen die Opfer von Mord und Totschlag. Rund 3000
Leichen hat der Kieler Rechtsmediziner Claas Buschmann bereits
obduziert. Er hilft dabei, Kriminalfälle aufzuklären. Und privat haut
er mächtig in die Tasten.

Kiel (dpa) - Wer auf dem Behandlungstisch von Claas Buschmann landet,
für den kommt jede Hilfe zu spät. Denn der 44-Jährige ist
Rechtsmediziner. Er untersucht die Leichen von Menschen, die
möglicherweise keines natürlichen Todes gestorben sind. Der
habilitierte Arzt ist seit Februar stellvertretender Direktor des
Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums
Schleswig-Holstein in Kiel. Ende März erschien sein erstes Buch «Wenn
die Toten sprechen: Spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin».

Laut Statistikamt Nord sterben im nördlichsten Bundesland jedes Jahr
etwa 35 000 Menschen. Natürlich landet nicht jede Leiche in der
Rechtsmedizin. Buschmann kommt im Auftrag der Staatsanwaltschaft aber
dann zum Einsatz, wenn Morde, Suizide oder Kunstfehler-Vorwürfe zu
untersuchen sind. Sein Telefon klingelt manchmal auch nachts. «Wenn
irgendwo eine Leiche gefunden wird», sagt Buschmann. Bei Bereitschaft
habe er deshalb nicht nur das Smartphone, sondern immer auch ein Auto
dabei.

Buschmann wirkt lebensfroh. Seine Hamburger Herkunft hört man ihm
trotz langer Zeit in Berlin deutlich an. Nach seiner Familie sei der
Jazz seine zweite Leidenschaft. «Ich kann bis heute an Klavieren
schlecht vorbeigehen.» Der Autodidakt tritt als «Dr. Boogie»
gelegentlich als Jazzpianist solo oder auch mit Band auf. «Also
eigentlich eher als Pausenclown.» Er sei weit entfernt von einem
ausgebildeten Konzertpianisten.

Im Februar wechselte Buschmann nach 14 Jahren an der Berliner Charité
nach Kiel. Rund 3000 Leichen hat der 44-Jährige in seinem Berufsleben
gesehen - tragische Unfälle, brutale Morde und tödliche Krankheiten.
Er wird oft gefragt, wie er es mit den Toten aushält. «Ich habe lange
Rettungsdienst gemacht und gesehen, wie es ist mit Menschen zu
arbeiten, die einem in den Armen sterben, die vor den eigenen Augen
verbrennen. Das ist furchtbar und das möchte ich nie wieder erleben.»

Buschmann hat geholfen, Mörder und Versicherungsbetrüger zu
überführen. Besonders in Erinnerung ist ihm sein Einsatz nach dem
Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz 2016.
«Der Attentäter Anis Amri hat es ganz offensichtlich beherrscht, dass
an diesem Anschlagsort eine große Symbolik entstanden ist.» Die
Gedächtniskirche, Weihnachtsbäume, zerstörte Engel und zerbrochene
christliche Symbole. «Mittendrin ein schwarzer Laster wie aus der
Hölle, als wenn die Erde sich auftut und einen solchen LKW ausspuckt.
Zerstörte Leichen und alles stinkt nach Glühwein.»

Zweimal bereits landeten auf dem Tisch des Rechtsmediziners Leichen,
die er gekannt hatte. «Das erste Mal habe ich den Toten gar nicht
erkannt, weil der so fäulnisverändert war», sagt Buschmann. Unweit
seiner Berliner Wohnung habe er in seiner Stammkneipe regelmäßig
Fußball geschaut. «Da saß am Tresen immer ein älterer Mann, schwer

alkoholkrank, aber nie ausfällig.» Irgendwann habe Manni nicht mehr
dort gesessen. Wie sich herausstellte, hatte der Biertrinker
wochenlang tot im Hochsommer in seiner Wohnung gelegen und Buschmann
selbst habe den Leichnam obduziert. «Der war nicht mehr zu erkennen.»

Schwieriger wird es für den Rechtsmediziner in den wenigen Momenten,
in denen er doch Kontakt mit Angehörigen hat. Vor Jahren habe er als
Gutachter im Prozess um einen bestialischen Mord unter Studenten
ausgesagt, sagt Buschmann. Während seiner Ausführungen zu der
tödlichen Attacke in der WG sei es im Gerichtssaal mucksmäuschenstill
gewesen. «Als ich das Gericht verließ, fragte mich ein Mann, ganz
offensichtlich der Vater der Studentin: Hat sie gelitten?» Buschmann
musste die Frage leider bejahen. «Ich habe kurz zuvor im Saal ja auch
eine Dreiviertelstunde genau erzählt, warum das so war. Das Schlimme
an der Rechtsmedizin sind nicht die Toten, das sind die Lebenden -
nämlich solche Momente.»