Auwaldzecke macht Hundebesitzern Angst Von Katja Sponholz

05.04.2021 05:00

Hundebesitzer, deren Tiere plötzlich an hohem Fieber,
Appetitlosigkeit oder blutigem Urin leiden, sollten schnell einen
Tierarzt aufsuchen. Es könnte sich um eine Krankheit handeln, die von
einer bestimmten Zeckenart übertragen wird und tödlich enden kann.

Saarbrücken/Birkenfeld (dpa/lrs) - Die Zeit, dass Collie-Besitzerin
Emmi Lingnau mit ihren beiden Hunden unbeschwert im Wald und auf
Wiesen spazieren ging, ist vorbei. «Ich habe immer ein ungutes
Gefühl», gibt sie zu. Denn sie weiß, was ein einziger Zeckenstich
anrichten kann. Ihre Hündin Laika (10) wäre fast daran gestorben.
Diagnose: Babesiose.

Nur dem schnellen Eingreifen einer Tierärztin sei zu verdanken
gewesen, dass Laika noch lebt. Sie erkannte sofort, dass sich der
Hund mit Babesien infiziert hatte. Laika litt unter einer
Infektionskrankheit, bei der die roten Blutkörperchen zerstört werden
und die von der Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) übertragen
wird. Für Menschen sind die Erreger ungefährlich - im Gegensatz zu
bekannten Infektionen wie FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) und
Borreliose, bei denen der Holzbock als Überträger gilt.

Vor allem das Saarland und Rheinland-Pfalz, aber auch der Freiburger
Raum seien derzeit am stärksten von den Auwaldzecken mit Babesien
betroffen, meint Dieter Barutzki, Fachtierarzt für Parasitologie und
Leiter des Tierärztlichen Labors Freiburg. Es untersucht Blutproben
aus dem gesamten Bundesgebiet. Gerade aus dem Südwesten des Landes
habe man dieses Jahr «schon solch eine hohe Zahl an positiven Fällen,
wie wir sie seit langem nicht gesehen haben - vielleicht sogar wie
noch nie», sagt Barutzki. Er macht vor allem den Klimawandel, das
Einreisen befallener Hunde aus dem Ausland und die Nähe zu Frankreich
dafür verantwortlich.

Der Saarbrücker Tierarzt Guido Arz vermutet, dass auch Gebiete mit
erhöhter Bodenwärme - etwa wegen Fernwärmeleitungen oder Bergbau -
die Verbreitung der Zecken begünstigen. An seiner Klinik in
Saarbrücken wurden in den vergangenen Wochen bereits über 20 Hunde,
die sich mit Babesiose infiziert hatten, behandelt. «Dieses Jahr ist
es besonders schlimm», sagt er. Und auch der Winter bringe keine
Entwarnung. «Den letzten Fall hatte ich an Weihnachten, den ersten
schon wieder im Januar», berichtet sein Mitarbeiter Danny Eisenbarth.
Allein an zwei Tagen habe er in der letzten März-Woche vier
infizierte Hunde behandelt. Die Besitzer hatten sie in die Praxis
gebracht, weil die Tiere hohes Fieber und dunklen Urin hatten, nichts
mehr fraßen und nicht aufstehen wollten.

Auch in der Tierklinik Birkenfeld in Rheinland-Pfalz gehen bei
solchen Symptomen die Alarmglocken an, sagt Tierärztin Jessica
Cremer. Wichtig sei eine gewichtete Differenzialdiagnose: «Das heißt,
das Wichtigste und Schlimmste wird als erstes abgeklärt.» Dazu gehöre

auch, nachzufragen, woher der Hund stamme und welche Vorgeschichte er
habe. Routinemäßig werde zudem abgefragt, ob er über einen
Zeckenschutz in Form von sogenannten Spot-on-Präparaten, Tabletten
oder Zeckenhalsbändern verfüge. «Das Gute ist, vieles kann durch eine

schnelle Blutuntersuchung dann eingegrenzt werden», erklärt die
Tierärztin - und dementsprechend zielgerichtet behandelt.

Anders als der Holzbock sind Auwaldzecken nicht braun oder schwarz,
sondern haben ein Muster auf ihrem Panzer. «Hundebesitzer sollten
darauf achten, wenn man eine solche Zecke entfernt. Dann sofort zum
Tierarzt gehen», rät die Tierheilpraktikerin Meike Voss. Je nach Grad
der Babesien im Blut und Zustand müssten manche Tiere stationär
aufgenommen werden. «Hier spielt die schulmedizinische Betreuung eine
ganz große Rolle, dass es das Tier überlebt.» Auch wenn die akute
Infektion überwunden sei, hätten einige Hunde lange mit den Folgen zu
kämpfen. «Spätfolgen können Nierenprobleme sein oder Probleme mit d
em
Bewegungsapparat», berichtet Voss, die solche Hunde in ihrer Praxis
in Straubenhardt (Baden-Württemberg) behandelt.

Auch Collie-Hündin Laica hatte lange mit den Folgen der Babesiose und
Blutarmut zu kämpfen. «Sie brauchte vier Monate, um sich zu erholen»,

berichtet Emmi Lingnau. «Und bis heute ist sie irgendwie immer noch
nicht die Alte.» Und das, obwohl die akute Infektion nun schon zwei
Jahre her sei - und die 60-Jährige bei den ersten Symptomen gleich zu
ihrer Tierärztin gefahren war. Die Saarländerin mag sich nicht
ausmalen, was passiert wäre, wenn sie noch gewartet hätte. «Wenn ich

gedacht hätte, sie hätte nur eine Magenverstimmung und würde deshalb

nicht aufstehen und nichts fressen, wäre es zu spät gewesen.» Zum
Glück habe sie ihr am Tag zuvor noch einige Zecken entfernt und ihre
plötzliche Erkrankung gleich auf die Spinnentiere zurückgeführt.

Dass sie damals noch Kritikern geglaubt habe, die chemischen
Zeckenschutz ablehnten und lieber auf Kokosöl, Schwarzkümmel und
Knoblauchgranulat setzten, bedauert sie. «Ich dachte, es sei eine
gute Alternative, weil viele damit gute Erfahrungen gemacht haben.»

Auch Tierarzt Danny Eisenbarth appelliert an Hundebesitzer, ihre
Tiere regelmäßig mit einem geeigneten Zeckenschutz zu versorgen. Doch
die Impfangst und Angst vor Chemie ziehe sich mittlerweile auch durch
die Tiermedizin. «Dabei ist jede Erkrankung, die durch Zecken
übertragen wird, 1000 Mal gefährlicher», sagt er.

Obwohl auch Lingnau ihren beiden Collie-Hündinnen Laika und Cora
inzwischen einen entsprechenden Schutz gibt, sitzt der Schock noch
immer tief. «Die erste Zeit nach der Erkrankung hatte ich eine Phobie
und konnte überhaupt nicht mehr in den Wald.» Mittlerweile habe sie
die Hunde öfter an der Leine und achte darauf, dass sie ihren Kopf
und Hals nicht mehr ins Gebüsch stecken. «Aber mit einem sorglosen
Gefühl gehe ich nie mehr.»