Reisewelle ausgeblieben - Günther verteidigt Corona-Einschränkungen

03.04.2021 16:31

Tausende Tagestouristen an den Stränden und auf den Promenaden
Schleswig-Holsteins waren befürchtet worden. Bewahrheitet hat sich
das nicht. Bislang ist die Oster-Reisewelle ausgeblieben.

Hamburg/Kiel (dpa/lno) - Der befürchtete Oster-Ansturm von
Tagestouristen in Schleswig-Holstein ist vorerst ausgeblieben.
Entgegen allen Erwartungen blieb die Reisewelle hin zu den Küsten und
auf die Inseln im Norden Deutschlands auch am Samstag aus. Bereits am
Karfreitag war die Verkehrslage auf Schienen und Straßen in Richtung
Nord- und Ostsee ruhig - dieses Bild verfestigte sich am Samstag. Die
Autobahnpolizei Scharbeutz sprach von einem «ganz normalen
Verkehrsfluss an einem Sonnabend», ohne Staus oder größere
Verkehrsbehinderungen.

Trotz des sonnigen Wetters war die Lage an der Lübecker Bucht
ebenfalls ruhig. Zwar sei die Polizei mit einigen Streifenwagen
zwischen Travemünde und Fehmarn unterwegs gewesen, zu Problemen oder
Verstößen gegen Corona-Regeln sei es bis zum Samstagmittag jedoch
nicht gekommen.

Auch auf Sylt blieb der große Touristenansturm aus. Nach Angaben der
Polizei reisten hingegen einige Zweitwohnungsbesitzer an. «Im
Vergleich zu den Osterfeiertagen vor der Pandemie ist das
Touristenaufkommen aber eher gering», erklärte ein Sprecher der
Leitstelle Nord. Das könne auch daran liegen, dass die
Freizeit-Aktivitäten auf der Insel weiterhin eingeschränkt seien,
vermutet der Polizeisprecher.

Anders als im Ostsee-Nachbarland Mecklenburg-Vorpommern, wo Urlaubs-
und Tagestourismusfahrten wegen der Corona-Pandemie grundsätzlich
untersagt sind, sind die Regeln in Schleswig-Holstein etwas lockerer.
So dürfen Tagestouristen von überallher einreisen. Zudem dürfen
Eigentümer, die ihre Ferienwohnungen und -häuser nicht selbst nutzen,
diese Verwandten oder Freunden unentgeltlich überlassen. Die
Urlaubsorte in Schleswig-Holstein hatten deshalb befürchtet, es
könnten zu viele Menschen zu Ostern kommen.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU)
verteidigte unterdessen die jüngsten Verschärfungen der
Corona-Auflagen in einigen Kreisen. «Ein Stufenplan bedeutet auch,
dass die Maßnahmen bei steigenden Zahlen wieder verschärft werden.
Deshalb haben wir in drei Kreisen, in denen die Inzidenz über 100
liegt, die Notbremse gezogen», sagte der CDU-Politiker in einem
Interview des «Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags» (Samstag).
Er appellierte erneut an die Bürger, Kontakte zu reduzieren, um nach
Ostern keine steigenden Corona-Zahlen zu haben. Er warnte: «Zwei
Drittel aller Infektionen entstehen bei privaten Treffen.»

Günther nannte die bei der Pandemiebekämpfung inzwischen umstrittene
Ministerpräsidentenkonferenz zwingend notwendig. Allerdings sollten
die Sitzungen in Präsenz und nicht als Videokonferenz stattfinden, um
im geschützten Raum diskutieren zu können - ohne dass gleich
vermeintliche Beschlüsse über die Nachrichtenticker laufen. «Die
Handys werden abgegeben, und anschließend präsentieren wir gemeinsam
die Ergebnisse. Das würde dazu beitragen, Vertrauen
zurückzugewinnen», sagte der Ministerpräsident.

Der Infektionsmediziner Helmut Fickenscher geht dagegen davon aus,
dass der Bund angesichts der stark steigenden Corona-Zahlen in
Deutschland und der Haltung einiger Länder demnächst eingreifen wird.
«Für Deutschland insgesamt sehe ich Handlungsbedarf», sagte der
Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der
Viruskrankheiten der Deutschen Presse-Agentur. «Die großen Warnrufe
sind da nicht so wirklich falsch.» Kanzlerin Angela Merkel (CDU)
hatte erklärt, sie denke über klarere Vorgaben an die Länder nach.

Schleswig-Holstein habe mit der niedrigsten Sieben-Tage-Inzidenz in
Deutschland zwar eine Sonderrolle, sagte Fickenscher. «Wenn aber
Entscheidungen bundesweiter Tragweite notwendig sein sollten, wird
sich Schleswig-Holstein nicht verschließen können.» Die
Sieben-Tage-Inzidenz lag am Karfreitag im Norden nach Angaben des
Gesundheitsministeriums bei 72,5. Vor einer Woche hatte die Zahl der
Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen bei 65,5
gelegen. Der bundesweite Durchschnitt betrug laut Robert
Koch-Institut am Samstagmorgen 131,0.

Zwei Kreise in Schleswig-Holstein überschritten die Marke von 100
Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner: Segeberg (132,8) und
Pinneberg (118,9). Die Zahl der gemeldeten Corona-Neuinfektionen lag
bei 340 (Donnerstag: 358). Am Freitag vergangener Woche waren es 378.
Die Zahl der Corona-Toten stieg um einen Fall auf 1439. Im
Krankenhaus wurden 183 Corona-Patienten behandelt, 54 von ihnen
intensivmedizinisch; 32 wurden beatmet. Etwa 43 200 Menschen sind
nach einer Infektion den Angaben zufolge inzwischen genesen.

Das RKI weist darauf hin, dass an den Osterfeiertagen meist weniger
Tests gemacht und gemeldet werden. Zudem könne es sein, dass nicht
alle Gesundheitsämter und zuständigen Landesbehörden an allen Tagen
an das RKI übermitteln.