Nachfrage stillen - Frauenmilchbanken in Thüringen

03.04.2021 09:00

Nicht jede Mutter kann ihr Baby stillen. Das gilt gerade bei
Frühgeborenen. In solchen Situationen können Muttermilchbanken
helfen. Die FDP-Fraktion fordert mehr Unterstützung.

Suhl/Erfurt (dpa/th) - Das SRH Klinikum Suhl hat damit begonnen, eine
sogenannte Muttermilchbank aufzubauen. «Sehr kleine Frühgeborene oder
Neugeborene, die krank sind, haben einen hohen Bedarf an Muttermilch,
um sich optimal zu entwickeln», erklärte dazu Sebastian Horn,
Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin Klinik in Suhl. Allerdings
könnten manche Mütter selbst keine Milch geben. Etwa weil das Kind so
früh zur Welt kam, dass sich der Milchfluss noch nicht eingestellt
habe, oder auch aus medizinischen Gründen. Für solche Fälle seien
Muttermilchbanken wichtig.

In Mutter- oder auch Frauenmilchbanken wird Milch von gesunden
Müttern gesammelt, die genug davon haben, um ohne negative Folgen für
das eigene Kind davon abgeben zu können. Deutschlandweit gibt es
inzwischen gut 30 solcher Einrichtungen, vor allem im Osten. In
Thüringen gibt es nach Angaben des Gesundheitsministeriums bislang
drei Standorte: am Universitätsklinikum Jena, dem Helios Klinikum
Erfurt und dem St. Georg Klinikum Eisenach.

In Suhl gebe es bereits Strukturen, damit Muttermilch gesammelt
werden kann, erklärte Horn. «Das ist die sogenannte Milchküche nach
höchsten hygienischen Standards.» Diese habe aber Kapazitätsgrenzen
und müsse erweitert werden, um als vollwertige Milchbank mehr
Nachfragen im wahrsten Sinne des Wortes stillen zu können. Mehr
Geräte, aber auch mehr Personal seien dafür notwendig. «Der Bedarf
ist da, es fehlt an Frauenmilch», sagte Horn. Eine Unterstützung für

das Vorhaben seitens der Landesregierung würde er begrüßen.

Derweil fordert die FDP-Fraktion die Landesregierung grundsätzlich zu
mehr Engagement bei Muttermilchbanken auf. Anschubfinanzierungen
sollten helfen, weitere Einrichtungen im Land zu gründen - bereits
vorhandene sollten finanziell unterstützen werden. Die Hoffnung sei,
dass ein entsprechender Antrag Thema bei den Landtagssitzungen
entweder im April oder Mai werden könnte, hieß es aus der Fraktion.
«Viele Menschen werden sich daran erinnern, dass das Spenden von
Muttermilch bereits in DDR-Zeiten einen hohen Stellenwert hatte», so
der gesundheits- und pflegepolitische Sprecher Robert-Martin Montag.

Aus Sicht von Horn ist eine Milchbank in Suhl schon allein deshalb
eine sinnvolle Einrichtung, da das Klinikum eines von drei
sogenannten Perinatalzentren Level I im Freistaat ist. Diese sind auf
die Versorgung von besonders jungen Frühchen mit einem Gewicht unter
1250 Gramm spezialisiert. Die anderen beiden Zentren sind am
Uniklinikum in Jena und am Helios Klinikum Erfurt.

In Erfurt berichtete auch Kathrin Roefke, Oberärztin an der Klinik
für Kinder- und Jugendmedizin, von der Bedeutung der Muttermilch:
«Inzwischen ist die Ernährung unreifer Frühgeborener mit Frauenmilch

eine Form der Therapie sowie Goldstandard und darf eigentlich keinem
Frühgeborenen mehr vorenthalten werden.»

Dennoch stoße sie bei dem Thema Frauenmilchbanken immer wieder auf
Schwierigkeiten und Skepsis: «In den westdeutschen Kliniken scheint
es jenseits aller Vorstellungskraft zu liegen, jemand könne seinem
Baby Milch einer fremden Frau geben.» Aber auch in Ostdeutschland
seien ehemalige Strukturen aus DDR-Zeiten verloren gegangen. In
Erfurt habe sie lange dafür gekämpft, dass es dort wieder eine
Milchbank gibt.

«Da es kein Förderung aus Landesmitteln gab und gibt, musste ich sehr
viel Engagement und Überzeugungsarbeit leisten, dieses hausintern
finanziert zu bekommen. Die Frauenmilchbank hier läuft deshalb auch
nur in sehr kleinem und überschaubarem Rahmen», erklärte Roefke. Die

Kosten für das Milchbanking seien extrem hoch. Jede einzelne
Milchspende müsse mikrobiologisch untersucht werden.

«Grundsätzlich ist der Aufbau und das Betreiben solcher Einrichtungen
gut und sinnvoll», heißt es aus dem Gesundheitsministerium zum Thema
Frauenmilchbanken. Studien belegten die positive Wirkung natürlicher
Muttermilch insbesondere für Frühgeborene und kranke Neugeborene. Die
Versorgung mit Muttermilch der Frühgeborenen und kranken Neugeborenen
in den Kliniken sei Bestandteil der stationären Versorgung und damit
finanziell gesichert. Soweit die Kliniken aber Leistungen anbieten,
die über den stationären Versorgungsauftrag hinausgehen, müssten
diese Ausgaben - inklusive Personalkosten - über andere Einnahmen
gedeckt werden. Zudem seien im Ministerium bislang keine Bitten von
Krankenhäusern um Unterstützung beim Thema Milchbanken eingegangen.