Höhere Nachfrage nach Nachhilfe in Corona-Zeiten

03.04.2021 05:00

Im Distanzunterricht in der Corona-Pandemie sind bei Schülern teils
große Wissenslücken entstanden. Daher ist der Run auf Nachhilfe
derzeit groß. Nicht jede Familie kann sie sich leisten.

Trier/Temmels/Mainz (dpa/lrs) - Vor allem gefragt ist Mathe. Aber
auch Deutsch, Englisch oder Latein. Schon vor Corona hätten sich
zunehmend Schüler zur Nachhilfe angemeldet, sagt der Geschäftsführer

des Instituts Schülerhilfe Trier, Marcel Monz. Aber mit der Pandemie
sei die Nachfrage in Trier noch mal deutlich gestiegen. «Viele Kinder
haben Riesenlücken. Das wird sie noch mehrere Jahre beschäftigen.» In

seinem Lerninstitut unterrichten und unterstützen bis zu 50 Kräfte
Schüler von der Klasse 1 bis 13 - plus Studenten.

Auf um die 30 bis 40 Prozent schätzt der Landeselternsprecher in
Rheinland-Pfalz, Reiner Schladweiler, die Wissenslücken, die sich bei
Schülern im vergangenen und in diesem Schuljahr angesammelt hätten.
«Nicht bei allen, aber doch bei vielen.» Er vermutet, dass inzwischen
jedes fünfte Kind Nachhilfe bekommt. Wie diese Lücken aufgefangen
werden könnten? Das sei ein Thema, «dass wir im Land möglichst
schnell angehen müssen».

Er denkt dabei an einen großen Tisch, an dem Bildungsministerium,
Schulen, Lehrer und Eltern an einem «Rundumschlag» arbeiten sollten.
«Es wird nicht einfach, aber wir brauchen Lösungen, um nach den
Sommerferien voranzugehen», sagt Schladweiler in Temmels (Kreis
Trier-Saarburg). Eine Option sei das freiwillige Wiederholen eines
Schuljahres. Aber auch mehr Geld für Lehrkräfte oder
Bildungsgutscheine für finanziell schwache Familien, um Nachhilfe zu
bezahlen, seien sinnvoll.

Letztes sieht der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) kritisch.
«Die finanziellen Spritzen brauchen wir für mehr gut ausgebildetes
Personal und multiprofessionelle Teams», teilt die Sprecherin des
Verbandes in Mainz mit. Den Lehrern sei bekannt, dass die Pandemie
bei vielen Schülern zu Lernrückständen geführt habe. «Und genau d
ie
wissen am besten, wie die Rückstände wieder aufgeholt werden können.
»

Die von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) zugesagte eine
Milliarde Euro für Nachhilfe sei «eine Bankrotterklärung des
Bildungsministeriums», teilte der VBE weiter mit. «Das Problem wird
hier erneut deutlich: Dem eigenen, gut ausgebildeten Personal wird
nicht vertraut, sondern ein Programm nach dem anderen vor die Füße
geworfen.» Seit Jahren gebe es neue Programme, statt Geld in die Hand
zu nehmen und in Planstellen zu investieren.

Bei der Schülerhilfe Trier bekommen die Kinder aber jetzt schon
Hilfe. «Ich versuche jedem, auch ohne Wartezeiten, direkt den
Einstieg zu ermöglichen», sagt Monz. Bisher habe das auch geklappt,
auch wenn mal der ein oder andere Tag ausgebucht sei. Er habe 16
Unterrichtsräume im Institut, aber derzeit gehe alles online. Je nach
Vertragslänge koste bei ihm eine 45-minütigen Stunde 7,50 Euro.

In vielen Fällen seien auch die Eltern dahinter: Wenn sie im
Homeoffice arbeiteten und nebenbei zwei oder drei Kinder beim
Homeschooling unterstützten, stießen sie teils an ihre Grenzen. «Dann

sagen sie zu den Kindern: «Wir ermöglichen dir Unterstützung, da
kannst du alle Fragen stellen und bekommst Unterstützung - und wir
können unsere Arbeit machen»», erzählt er. Das Institut setze auf
Unterricht in kleinen Gruppen mit individueller Betreuung.

Der hohe Bedarf an Nachhilfe werde «mit Sicherheit noch länger
bestehen», sagt Landeselternsprecher Schladweiler. «Aus einem
einfachen Grund: Weil das Land nicht so schnell alles auffangen kann.
Wo sollen denn die viele Lehrer herkommen?» Allerdings könne sich
nicht jede Familie private Nachhilfe leisten. «Gerade wenn man
mehrere Kinder hat: Wie soll man das finanzieren?» Diese Entwicklung
könne nicht «im Sinne eines Sozialstaates» sein.

Die kleineren Unterrichtsgruppen hätten auch die Schulen jetzt im
Wechselunterricht als «Lerngewinn» entdeckt, teilt der VBE mit. Die
Lehrkräfte hätten besser auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen eingehen

können. Zudem gebe es auch anderes Positives: Die Schülerinnen und
Schüler lernten derzeit andere Dinge als in «regulären» Zeiten. Und
:
Generell habe die Eigenständigkeit der Schüler zugenommen.