Laschet: Über die Ostertage über wirkungsvolle Maßnahmen nachdenken

01.04.2021 05:40

CDU-Chef Armin Laschet sieht weiteren Handlungsbedarf, um die
Corona-Zahlen einzudämmen - eine Lösung hat er aber noch nicht. Die
Variante B.1.1.7 hat sich weiter durchgesetzt, zudem wird über
Astrazeneca und Krisenkommunikation diskutiert. Ein Überblick.

Berlin/Düsseldorf (dpa) - CDU-Chef Armin Laschet will über die
Ostertage darüber nachdenken, welche Maßnahmen die dritte Welle der
Corona-Pandemie wirkungsvoll eindämmen könnten. Die gemeinsam
beschlossene Osterruhe habe nicht funktioniert, sagte Laschet am
Mittwochabend im ZDF-«heute journal». «Deshalb müssen wir jetzt
gemeinsam über die Ostertage nachdenken, was ist denn eine
Ersatzmöglichkeit, wo können wir weitere Schutzmechanismen einführen,

wo können wir das Leben herunterführen, darüber muss gesprochen
werden. Es gibt nur noch nicht die Lösung wenn sie mich fragen.»

Auf die Frage, ob es angesichts der stark steigenden Infektionszahlen
noch die Zeit gebe, sich ein paar Tage Gedanken zu machen, sagte der
nordrhein-westfälische Ministerpräsident: «Nein, wir haben die Zeit
nicht, aber wir haben an dem Beispiel Gründonnerstag/Karsamstag
gesehen, dass, wenn man zu schnell was entscheidet, die Praktiker
sagen: Es geht nicht.» Deshalb sei es gut, dass man jetzt genau das
überlege. «Was ist wirkungsvoll, was erreicht es, dass wir diese
dritte Welle brechen. Die Lage ist extrem ernst und da sind alle im
Moment dabei, alle Möglichkeiten zu prüfen.»

Mit der Osterruhe wollten Bund und Länder zusätzlich zu den
Osterfeiertagen den Gründonnerstag und den Karsamstag zu Ruhetagen
erklären. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) strich die Regelung wieder.
Mit Blick auf die steigenden Zahlen rief Forschungsministerin Anja
Karliczek die Bürger vor den Feiertagen dennoch dazu auf, Kontakte so
gering wie möglich zu halten: «Gerade zu Ostern sollten wir alle
einen oder mehrere Gänge zurückschalten», sagte sie der Deutschen
Presse-Agentur.

Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro
100 000 Einwohner (Sieben-Tage-Inzidenz) lag laut RKI am
Donnerstagmorgen bundesweit bei 134,2. Die Zahlen stiegen zuletzt
stark, was auch an der zuerst Großbritannien entdeckten, sehr
ansteckenden Corona-Variante B.1.1.7 liegen dürfte. Diese hat
mittlerweile einen Anteil von 88 Prozent in Deutschland erreicht. Das
teilte das Robert Koch-Institut (RKI) am Mittwochabend mit Verweis
auf Tests der vergangenen Woche (22.-28. März) mit. Ihr Anteil sei
kontinuierlich gestiegen.

Die Verbreitung der Variante sei besorgniserregend, weil sie «nach
bisherigen Erkenntnissen deutlich ansteckender ist und vermutlich
schwerere Krankheitsverläufe verursacht als andere Varianten.» Es sei
daher mit weiter steigenden Covid-Fällen in Kliniken zu rechnen.

Der wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian
Karagiannidis, warnte vor einer Überfüllung von Deutschlands
Intensivstationen innerhalb von vier Wochen. «Seit Mitte März sind
unterm Strich 1000 Intensivpatienten zusätzlich in den Krankenhäusern
gelandet. Wenn sich diese Geschwindigkeit fortsetzt, sind wir in
weniger als vier Wochen an der regulären Kapazitätsgrenze angelangt»,

sagte Karagiannidis der «Rheinischen Post» (Donnerstag).

Der neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft
(DKG), Gerald Gaß, kritisierte in der «Rheinischen Post» solche
Warnungen: «Ich bin auch davon überzeugt, dass die
Schreckensszenarien, die aus dem Bereich der Intensivmedizin seit
Tagen verbreitet werden, weder in der Politik noch in der Bevölkerung
zu den damit wahrscheinlich beabsichtigten Reaktionen führen werden.»

Auf die Kommunikation im Allgemeinen bezogen sagte Gaß: «Die
derzeitige politische Kommunikation sorgt weder für Glaubwürdigkeit
noch für Vertrauen in der Öffentlichkeit. Wenn der eine
Ministerpräsident vor Inzidenzraten von 700 warnt und der andere sein
gesamtes Bundesland zum Modellversuch erklärt, ist das aus meiner
Sicht das genaue Gegenteil dessen, was die Bürgerinnen und Bürger von
der Politik erwarten dürfen.»

Auch der Deutsche Städtetag sieht Verbesserungsbedarf bei der
Kommunikation - aber mit Blick auf den Impfstoff von Astrazeneca.
Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy sagte der Deutschen Presse-Agentur:
«Wir brauchen jetzt eine klare und sehr intensive Kommunikation von
Bund und Ländern zu den Impfstoffen. Die Menschen müssen nach dieser
Astrazeneca-Entscheidung so einfach wie möglich einen Überblick
bekommen: Für welche Gruppen der Bevölkerung kommen welche Impfstoffe
zum Einsatz? Wo liegen Vorteile und Risiken der Impfungen?»

Bund und Länder hatten am Dienstagabend nach einer Empfehlung der
Ständigen Impfkommission beschlossen, Astrazeneca in der Regel nur
noch für Menschen ab 60 Jahre einzusetzen. Jüngere sollen sich «nach

ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach
sorgfältiger Aufklärung» weiterhin damit impfen lassen können.
Hintergrund sind Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen.

Dedy sagte, die Impfkampagne in Deutschland habe «leider wieder»
einen Rückschlag erlitten. «Die Empfehlung, mit Astrazeneca jetzt vor
allem Menschen über 60 Jahre zu impfen, sorgt für zusätzlichen
Aufwand in den kommunalen Impfzentren. Aber wenn Hinweise auf
medizinische Risiken auftreten, muss diesen nachgegangen werden. Die
Menschen müssen Vertrauen in die Sicherheit der Impfungen haben. Das
ist das A und O.»

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
(KBV), Andreas Gassen, sieht den Impfstart in Hausarztpraxen im April
durch den teilweisen Astrazeneca-Impfstopp nicht gefährdet. «Und zwar
deshalb nicht, weil der Impfstart in den Arztpraxen zunächst nur mit
dem Impfstoff von Biontech und nicht mit Astrazeneca beginnen wird»,
sagte Gassen der «Rheinischen Post» (Donnerstag). Der
Astrazeneca-Impfstoff werde nach dieser Entscheidung nun vorwiegend
in den Impfzentren eingesetzt, während in den Praxen eher Vakzine von
Biontech und Johnson & Johnson verwendet würden, sagte Gassen.

Deutschlands Kassenärzte wollen ohnehin möglichst vermeiden, Menschen
unter 60 Jahren mit dem Impfstoff von Astrazeneca zu impfen. «Der
Zeitbedarf für eine Beratung und intensive Aufklärung jüngerer
Patienten steht einer schnellen Impfkampagne diametral entgegen»,
sagte der Vizechef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Stephan
Hofmeister, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). «Wir wollen
schnell und zügig impfen.» Daher empfehle die Bundesvereinigung,
Astrazeneca nur Menschen über 60 zu spritzen.

Für den Fall, dass ein Arzt doch mit Astrazeneca impfen wolle, sagte
der KBV-Vize: «Die Bringschuld der Praxis ist höher, weil in einem
möglichen Prozess detailliert dargelegt werden muss, dass alle
Aufklärungs- und Beratungspflichten erfüllt wurden.» Der Chef des
Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, sagte dem RND: «Ich
würde den Kolleginnen und Kollegen raten, mit den Impfungen von unter
60-Jährigen mit diesem Impfstoff zunächst abzuwarten, bis der
Sachverhalt klarer und detaillierter vorliegt.»