Viele Fragen nach Astrazeneca-Jo-Jo Von Jörg Ratzsch, dpa

31.03.2021 15:59

Die erneute Änderung der Altersgrenzen bei der Impfung mit
Astrazeneca sorgt bei vielen Menschen für Verwirrung. Wer wird jetzt
noch mit dem Präparat geimpft und wie wirkt sich das auf das
Impftempo aus?

Berlin (dpa) - Der Impfstoff von Astrazeneca hat in Deutschland
keinen leichten Stand: Erst wird aufgrund nicht ausreichender
Datenmengen bei Älteren eine Impfung nur für Jüngere empfohlen, dann

kommt nach Verdachtsfällen mit sehr seltenen Nebenwirkungen ein
vorübergehender Impfstopp für Jüngere, der kurz danach wieder
aufgehoben wird. Nun soll das Vakzin wegen dieser Verdachtsfälle
hauptsächlich doch nur noch an Menschen ab 60 verimpft werden. Wie
geht es jetzt mit den Impfungen weiter?

Wie sehr wirft das Deutschland beim Impfen zurück?

Schaut man auf die erwarteten Liefermengen für Impfstoffe für das
Gesamtjahr 2021, spielt es rechnerisch keine Rolle. Denn auch ohne
Astrazeneca sind von Biontech/Pfizer, Johnson & Johnson und Moderna
laut einer Übersicht des Bundesgesundheitsministeriums vom 22. März
insgesamt 215 Millionen Dosen zugesagt.

Aber: Im Wettlauf mit der Verbreitung neuer Virusvarianten kommt es
jetzt auf Tempo an. Astrazeneca will von April bis Juni bis zu 15
Millionen Dosen liefern, Biontech/Pfizer 40, Moderna 6,4 und Johnson
& Johnson 10 Millionen. Bei diesem beachtlichen Anteil von
Astrazeneca hängt das Gesamtimpftempo in Deutschland jetzt davon ab,
wie groß die Bereitschaft der über 60-Jährigen ist, sich damit impfen

zu lassen. Warten alle auf Termine mit Biontech und Co., wird es zäh.

Kommen über 60-Jährige durch die neuen Regeln denn jetzt automatisch
früher zum Zug?

Wie schnell es geht, kommt auf das Bundesland an. Momentan sind in
der Impfreihenfolge nach den über 80-Jährigen eigentlich erst einmal
die über 70-Jährigen an der Reihe. Die Bundesländer können bei
Astrazeneca nun aber davon abweichen und auch schon für Menschen ab
60 aktuelle Impftermine vergeben. Das bevölkerungsreichste Bundesland
Nordrhein-Westfalen macht das ab Samstag. Laut Statistischem
Bundesamt gibt es in Deutschland rund 10,5 Millionen Menschen im
Alter zwischen 60 und 70 Jahren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist 66. Lässt Sie sich jetzt mit
Astrazeneca impfen?

Über 60-Jährige sollten das Impfangebot auch wahrnehmen und könnten
Vorbild sein, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am
Dienstag gesagt und damit indirekt auch eine Aufforderung an die
Kanzlerin ausgesprochen. Dazu gefragt, verwies sie anschließend auf
frühere Aussagen. Sie habe gesagt, wenn sie dran sei, lasse sie sich
impfen, «auch mit Astrazeneca». «Die Möglichkeit, sich impfen zu
lassen, ist für mich nähergerückt. Das ist richtig», fügte Merkel

hinzu. Eine öffentlichkeitswirksame Impfaktion wie bei hochrangigen
Politikern in anderen Ländern ist in Deutschland bisher nicht
angekündigt.

Kommt Astra für unter 60-Jährige denn gar nicht mehr in Frage? 

Doch. Zwar soll der Impfstoff nach der neuen Vorgabe jetzt vor allem
bei Menschen über 60 zum Einsatz kommen. Wenn ein jüngerer Mensch,
der schon jetzt in der Impfreihenfolge dran ist, weil er zum Beispiel
zu einer bestimmten Berufsgruppe gehört, sich dafür entscheidet, kann
er nach Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt auch Astrazeneca
bekommen.

Was tue ich, wenn ich schon die Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten
habe? 

Über 60-Jährige können auch die zweite Dosis von Astrazeneca
bekommen, heißt es vom Bundesgesundheitsministerium. Auch Jüngere,
die schon die erste Dosis bekommen haben, können das nach Rücksprache
mit dem impfenden Arzt «und bei individueller Risikoanalyse nach
sorgfältiger Aufklärung» tun. Die zweite Möglichkeit: Warten auf
eine
Expertenempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert
Koch-Institut.

Da die Astra-Impfung in Deutschland im Februar begonnen hat und zwölf
Wochen Abstand zur zweiten Dosis empfohlen werden, steht für die
meisten der zweite Piks erst ab Mai im Kalender. Die Stiko will
vorher eine Stellungnahme zur Zweitimpfung vorlegen, auch ob es
eventuell möglich ist, für die Zweitimpfung ein anderes Präparat zu
verwenden.

Wäre das denn theoretisch möglich? 

Es gibt schon länger Überlegungen, für einen besseren Schutz etwa
gegen neue Virusvarianten verschiedene Impfstoffe zu kombinieren.
Also zum Beispiel auf eine erste Dosis Astrazeneca eine zweite von
Biontech/Pfizer zu spritzen. «Rein immunologisch ist das
unproblematisch, denn sie beruhen letztlich auf dem gleichen
Impfantigen», hatte der Erlanger Infektionsimmunologe Christian
Bogdan als Mitglied der Stiko gesagt. Die Wirksamkeit von
Kombinationen werde derzeit in Studien untersucht. Britische Forscher
zum Beispiel testen seit Anfang Februar in einer klinischen Studie
die Impfstoff-Wirksamkeit bei der Kombination von Biontech und
Astrazeneca in unterschiedlicher Abfolge als erste und zweite Dosis.

Was hat es eigentlich mit den Blutgerinnseln, über die berichtet
wird, konkret auf sich?

Nach Angaben des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts
wurde bei «sehr wenigen Geimpften» überwiegend im Alter unter 55
Jahren nach der Impfung mit Astrazeneca «eine sehr seltene Form»
einer Thrombose beobachtet. Es geht vor allem um sogenannte
Hirnvenenthrombosen auch in Verbindung mit einem Mangel an
Blutplättchen (Thrombozytopenie). Dies sei unter Geimpften häufiger
aufgetreten, «als es zahlenmäßig aufgrund der Seltenheit dieser
Gerinnungsstörung ohne Impfung zu erwarten wäre». Das Institut sagt

aber auch, es gebe derzeit «keinen Nachweis, dass das Auftreten
dieser Gerinnungsstörungen «durch den Impfstoff» verursacht worden
sei.

Stand Montag gab es 31 Verdachtsfälle. In 19 Fällen wurde zusätzlich

eine Thrombozytopenie gemeldet. In neun Fällen war der Ausgang
tödlich. Mehr als 2,8 Millionen Menschen wurden laut Robert
Koch-Institut inzwischen mindestens einmal mit Astrazeneca geimpft.
Insgesamt haben fast zehn Millionen Menschen im Land bisher eine
Erstimpfung erhalten. Mehr als vier Millionen sind zweimal geimpft.

Die Fälle traten ja vor allem bei Frauen auf, warum sollen dann auch
Männer unter 60 nicht mehr damit geimpft werden? 

Es ging bei fast allen Verdachtsmeldungen um Frauen im Alter von 20
bis 63 Jahren. Aber zwei Fälle betrafen auch Männer im Alter von 36
und 57 Jahren. In einem Beschlussentwurf der Stiko, der am Dienstag
vor der neuen Impfempfehlung durchgesickert war, hatte es geheißen:
«Obwohl deutlich mehr Frauen betroffen waren schränkt die Stiko
vorsorglich ihre Empfehlung für beide Geschlechter ein.»