Starker Anstieg der Corona-Fallzahlen in Modellkommune Tübingen

29.03.2021 20:44

Geöffnete Cafés und Biergärten dank massenhafter Tests: Das
Modellprojekt in der schwäbischen Universitätsstadt erhält großen
Zulauf. Doch nun bereitet auch hier die Entwicklung der Inzidenz
Sorgen.

Tübingen (dpa/lsw) - In der Modellkommune Tübingen mit Lockerungen
und massenhaften Tests sind die Corona-Fallzahlen stark gestiegen.
Allerdings sei der Anstieg in etwa so hoch wie dort, wo mit
Schließungen gearbeitet werde, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer
(Grüne) am Montagabend bei einer Online-Gesprächsrunde mit
Wissenschaftlern in Tübingen.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in der Stadt sei bis Sonntag auf 66,7
gestiegen, sagte Palmer den «Stuttgarter Nachrichten» und der
«Stuttgarter Zeitung» (Dienstag). Damit hat sich der Wert innerhalb
weniger Tage fast verdoppelt. Am vergangenen Donnerstag hatte er nach
Angaben der Stadt noch bei 35 gelegen.

Den Zeitungen sagte Palmer, der Anstieg mache ihm keine Sorgen.
Dieser gehe eher nicht aufs Einkaufen oder den Theaterbesuch zurück.
Problematisch seien jene Menschen, die abends in der Stadt Party
machten. Es sei aber jederzeit möglich die Reißleine zu ziehen. «Das

ist ein Experiment mit offenem Ausgang», so Palmer.

Zugleich sieht das Stadtoberhaupt zunehmende Kritik am Tübinger
Vorgehen. «Das Modellprojekt steht seit heute sehr unter Druck»,
sagte der Grünen-Politiker. Viele wünschten sich, dass das Projekt
scheitere. Er erhalte auch zahlreiche Morddrohungen. Insbesondere die
Äußerungen von Bundeskanzlerin Merkel am Sonntag seien so verstanden
worden, dass sie auch das Tübinger Modell in Frage gestellt habe.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich in einem Fernsehinterview
kritisch gegenüber Modellprojekten mit Öffnungen gezeigt und
angedeutet, dass notfalls der Bund tätig werden könnte, wenn die
Länder nicht handelten. Mehrere Länder wollen derzeit Modellprojekte
mit Lockerungen starten.

Zuvor hatte sich Palmer angesichts großer Gruppen, die nach 20 Uhr
auf innerstädtischen Wiesen Partys feierten, für nächtliche
Ausgangsbeschränkungen ausgesprochen. Da gebe es keinen Abstand,
sondern Alkohol. «Ich hätte gar nichts dagegen zu sagen: Ab 20 Uhr
ist wirklich Ruhe», hatte Palmer in einer Online-Gesprächsrunde der
«Bild»-Zeitung gesagt. Tagsüber könne geordnet in der
Außengastronomie gesessen oder mit Maske eingekauft werden. «Und
nachts sind alle daheim - warum nicht», so der Grünen-Politiker.

Auch der große Zulauf von Menschen, die außerhalb des Landkreises
Tübingen wohnen, macht dem Rathauschef Sorgen. Zahlreiche Menschen
waren am Wochenende in die Universitätsstadt am Neckar gekommen und
hatten die dort möglichen Lockerungen genossen. In der
Außengastronomie von Cafés und Restaurants waren die Plätze bei
frühlingshaften Temperaturen gefüllt. Die Stadt hat die Zahl der
Tests für Menschen von außerhalb des Landkreises deshalb nun
dauerhaft beschränkt. Um dem befürchteten Andrang am Osterwochenende
zu begegnen, soll es an diesen Tagen nur noch Tests für Einheimische
geben.

Tübingen testet seit Mitte März, ob mehr Öffnungsschritte mit
möglichst flächendeckenden Tests umsetzbar sind, ohne dass die Zahl
der Corona-Fälle deutlich zunimmt. Menschen können sich in der Stadt
kostenlos testen lassen, das Ergebnis wird bescheinigt. Mit dem
Zertifikat können die als gesund getesteten Personen zum Beispiel in
Modeläden einkaufen, zum Friseur oder auch ins Theater und in den
Biergarten gehen.

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte, das von der Stadt
aufgebaute System regelmäßiger Testungen in Betrieben, Schulen, Kitas
und das leistungsfähige Netz von Teststationen funktioniere. Das
Modellprojekt wurde zuletzt bis zum 18. April verlängert.


Ungeachtet dessen steigt im Landkreis Tübingen das
Infektionsgeschehen im Zuge der Ausbreitung der ansteckenderen
Varianten des Coronavirus. Die Region lag zuletzt nur noch knapp
unter dem Wert von 100 bei der Sieben-Tage-Inzidenz. Am Montag
veröffentliche das Landesgesundheitsamt wegen technischer Probleme
zunächst keine neuen Fallzahlen.

Steigt in Kreisen die Inzidenz an drei Tagen in Folge über den Wert
von 100, müssen diese eine sogenannte Notbremse ziehen und
Lockerungen für Handel und Freizeit zurücknehmen. Auch eine
nächtliche Ausgangsbeschränkung kann in diesem Fall verhängt werden.