Sabotage auf ICE-Strecke - Mann zu Haftstrafe verurteilt Von Sabine Maurer, dpa

29.03.2021 14:42

Seine übersteigerte Geltungssucht hat einen heute 52-Jährigen dazu
gebracht, Hunderte Schrauben aus einer Schienenbefestigung zu drehen
- an einer ICE-Schnellstrecke. So wollte er seinen absurden
Forderungen an die Bundesregierung Nachdruck verleihen.

Niedernhausen/Wiesbaden (dpa) - Es hätte verheerend werden können:
Ein Mann hat vor rund einem Jahr an der ICE-Strecke Frankfurt-Köln
über 250 Schrauben der Schienenbefestigung gelöst - hätte dies
niemand bemerkt, wäre ein Zug entgleist. Zu Schaden kam letztlich
dank aufmerksamer ICE-Lokführer keiner; der Täter wurde am Montag vom
Wiesbadener Landgericht unter anderem wegen versuchten Mordes zu
einer Haftstrafe von neun Jahren und zehn Monaten verurteilt. 

Immer wieder sagte der Vorsitzende Richter bei seiner
Urteilsbegründung zwei Worte: «übersteigerte Geltungssucht». Diese

hatte nach Überzeugung des Gerichts den heute 52-jährigen Deutschen,
bei dem ein Psychiater in dem Prozess eine dissoziale
Persönlichkeitsstörung diagnostiziert hatte, zu der Tat getrieben.
Aus dieser Sucht heraus schickte der grauhaarige Mann, der wegen
einiger seiner 22 Vorstrafen schon einige Jahre im Gefängnis gesessen
hat, bereits 2018 etliche Schreiben unter anderem an das
Bundeskanzleramt, in denen er laut Richter «wilde Geschichten»
schilderte. 

Terroristen hätten ihm mitgeteilt, sie planten einen Anschlag auf
eine ICE-Strecke, schrieb er. Nur er könne die Tat verhindern. Daf
ür
verlange er 88,385 Milliarden Euro zuzüglich unter anderem
lebenslanges kostenloses Bahnfahren sowie diverse
«weibliche Gespielinnen». Nicht auf ein einziges seiner Schreiben
erhielt er eine Antwort, und so wollte er nach Überzeugung des
Wiesbadener Landgerichts seinen Forderungen mit einer Tat Nachdruck
verleihen. Wie die Ermittlungsbeamten später feststellten,
recherchierte er im Internet, wie Gleisarbeiten ausgeführt werden und
wann auf der ICE-Strecke Frankfurt-Köln Züge fuhren. Den später
betroffenen Streckenabschnitt bei Niedernhausen nahe Wiesbaden
schaute er sich auf einer virtuellen Landkarte ganz genau an. 

Jeweils mitten in der Nacht war dort für jeweils vier Stunden Ruhe
auf den Gleisen. Der Mann mietete sich in einem Hotel in der Nähe
unter falschem Namen ein und nutzte die nächtliche Ruhe, um am Gleis
mit einem großen Vierkantschlüssel insgesamt 254 Schrauben zu lösen,

was laut Richter «erschreckend einfach war». Wie viele Nächte er
dafür insgesamt brauchte, blieb in dem Prozess unklar. Es können
höchstens vier gewesen sein. Die Konsequenzen seines Tuns waren ihm
laut Richter dabei völlig klar. 

Strafmildernd wertete das Gericht, dass er nach der Tat zumindest
versucht hatte, die Behörden zu warnen. Er rief sogar bei der
Bundespolizei an, nannte den genauen Ort - doch er wurde wegen seiner
völlig übertrieben geschilderten Geschichte nicht ernst genommen.
«Man hätte eine Überprüfung des Streckenabschnitts einleiten müss
en»,
so die Kritik des Richters.

Die Katastrophe wurde schließlich dadurch verhindert, das am 20. März
2020 Lokführer ein seltsames Verhalten ihrer ICE meldeten. Die
Strecke wurde sofort gesperrt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits über
400 Züge mit einem Tempo von bis zu 300 Kilometern pro Stunde über
die lose Schiene gedonnert. Ein Sachverständiger berechnete in dem
Prozess, dass es nur noch wenige Züge gebraucht hätte, bis ein ICE
entgleist wäre - und das in der Nähe einer Brücke und einer
Tunneleinfahrt.