«Wieder mehr Freiheit» - Tübingen Ziel von coronamüden Besuchern

28.03.2021 18:18

Ein Stück Normalität - danach sehnen sich viele. Deshalb war die
Modellstadt Tübingen am Wochenende für viele eine auch weite Reise
wert.

Tübingen (dpa) - Tübingen ist bei herrlichen Frühlingswetter am
Wochenende Ziel von Menschen gewesen, die shoppen, im Biergarten
sitzen oder einfach einen Kaffe auf dem historischen Marktplatz
genießen wollten. Wer das Leben ohne gravierende Einschränkungen
wieder einmal schnuppern wollte, brauchte dafür ein Tagesticket mit
der Bescheinigung eines negativen Corona-Testergebnisses.

Eine halbe Stunde Wartezeit für das begehrte Zertifikat war für einen
Besucher aus dem Kreis Göppingen völlig in Ordnung. Die Aussicht auf
ein Schnitzel im Biergarten war zu verlockend. «Man hat wieder mehr
Freiheit», sagte er am Sonntag. Auch eine junge Frau und ihren Freund
hat es wenig gestört, am Samstag sogar eineinhalb Stunden auf den
Freibrief zu warten. «Die Normalität zu spüren war uns das wert.» S
ie
habe einfach draußen sitzen und bei Essen und Trinken Leute
beobachten wollen, erzählte die Tübingerin.

Tübingen testet seit knapp zwei Wochen, ob mehr Öffnungsschritte mit
möglichst flächendeckendem Testen umsetzbar sind, ohne dass die Zahl
der Corona-Fälle deutlich zunimmt. Menschen können in der Stadt
kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Mit dem
Zertifikat können die als gesund getesteten Personen zum Beispiel in
Modeläden einkaufen, zum Friseur oder auch in Theater und Museen
gehen.

Das Testen auf Corona-Infektionen muss aus Sicht der Tübinger
Pandemiebeauftragten Lisa Federle mittelfristig an die Bürger
übertragen werden. Das bundesweit beachtete Modellprojekt in der
Universitätsstadt sei sehr aufwendig und teuer. Jeder Test an einer
der neun Teststationen in Tübingen koste den Steuerzahler 15 Euro,
sagte Federle am Samstag bei einer Online-Diskussionsveranstaltung
der Bundesregierung, bei der Bürgerinnen und Bürger unter anderem
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Fragen stellen konnten. Daher
müsse man die Verantwortung für die Selbsttests «schon in die Hände

der Bevölkerung geben».

Die hohe Anzahl auswärtiger Gäste hat dazu geführt, dass am Samstag
die Zahl der Tagestickets für diese Gruppe auf maximal 3000 Stück bei
nur drei Teststationen begrenzt war. Oberbürgermeister Boris Palmer
(Grüne) sagte, er bedauere es sehr, Gäste am Wochenende abweisen zu
müssen: «Tübingen ist immer eine Reise wert. Ich bitte alle, die nun

eine weite Anfahrt auf sich nehmen würden, um das Flair unserer Stadt
zu genießen, diesen Plan auf den Sommer zu verschieben.»

Das Modellprojekt wurde vor dem Wochenende zunächst bis zum 18. April
verlängert. Die Positivrate der Schnelltests ist nach Angaben des
Gesundheitsministeriums mit 1:1000 sehr konstant, das von der Stadt
aufgebaute System regelmäßiger Testungen in Betrieben, Schulen, Kitas
und das leistungsfähige Netz von Teststationen funktioniere. Die
sogenannte Inzidenz liege seit mehreren Wochen unter 35.