Lehrerverband: Zwei Milliarden werden für Schüler-Nachhilfe gebraucht

27.03.2021 17:56

Der Deutsche Lehrerverband schätzt, dass mindestens 80 Prozent der
Schüler wegen der Corona-Krise eine zusätzliche Lernförderung
brauchen. Die Kosten dafür gehen in die Milliarden.

Berlin (dpa) - Das Aufholen coronabedingter Lernrückstände von
Schülern erfordert nach Schätzungen des Deutschen Lehrerverbands (DL)
rund zwei Milliarden Euro. DL-Präsident Heinz-Peter Meidinger sagte
der Deutschen Presse-Agentur am Samstag: «Viele Kinder und
Jugendliche werden zukünftig begleitende Förderangebote etwa in Form
zusätzlichen Nachmittagsunterrichts oder digitaler Nachhilfe
brauchen.» Beim Großteil der Schülerinnen und Schüler könnten die

coronabedingten Lerndefizite in den nächsten zwei Schuljahren wieder
aufgeholt werden. Bei mindestens 20 Prozent der Schüler gehe er davon
aus, dass wegen der Corona-Krise ein stark erhöhter Förderbedarf
entstanden sei. «Da haben wir Bedenken, ob sie überhaupt noch den
verpassten Stoff aufholen können.»

Zwischen 300 und 600 Präsenz-Unterrichtsstunden seien je nach
Bundesland, Schulart und Infektionslage inzwischen weggefallen und
nur teilweise durch Distanzunterricht ersetzt worden, so Meidinger.
Er erwarte daher, dass eine Lernförderung über mehr als nur ein
Schuljahr laufen müsse. «Das ist eine Langstrecke und nicht nur eine
vorübergehender Förderung, die man nach wenigen Wochen und Monaten
abhaken kann.»

Ähnliche Zahlen hatte zuletzt das Institut der deutschen Wirtschaft
(IW) genannt. Die Studie des arbeitgebernahen Instituts geht laut
einem Bericht der «Rheinische Post» (Samstag) zufolge von rund 1,5
Millionen Schülern aus, bei denen durch die Krise ein stark erhöhter
Förderbedarf entstanden ist. Die Autoren rechnen mit einem
durchschnittlichen Förderbedarf von rund 100 Stunden pro betroffenem
Schüler - und kommen so auf eine Fördersumme von 1,5 Milliarden Euro.

Über ein entsprechendes Förderprogramm beraten Bund und Länder
bereits seit einigen Wochen: Im Gespräch ist eine
«Nachhilfe-Milliarde». Dies sei der Bedarf für die Kernfächer,
erklärte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) in den
Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die SPD-geführten Länder schlagen
vor, rund jedem fünften der 11 Millionen Schüler zusätzlichen
Unterricht anzubieten - entweder über ein ganzes Schuljahr zwei
Stunden pro Woche oder über ein halbes Schuljahr vier Stunden.

Karliczek sagte: «20 bis 25 Prozent der Schüler haben vermutlich
große Lernrückstände - vielleicht sogar dramatische.» Möglichst s
chon
zu den Sommerferien, spätestens zum neuen Schuljahr würden
entsprechende Förderangebote bereitgestellt, für Deutsch, Mathematik
und möglicherweise die erste Fremdsprache. Zielgruppe seien vor allem
Schülerinnen und Schüler, bei denen ein Wechsel bevorstehe - entweder
auf eine weiterführende Schule oder in eine Ausbildung. Der jeweilige
Bedarf müsse «vorher in einer Lernstandserhebung ermittelt werden».

Auch DL-Präsident Meidinger forderte eine baldige Bestandsaufnahme
über den Lernstand: «Wir brauchen möglichst bald einen Überblick
vorrangig in den Kernfächern, wo die Schüler stehen und wie groß die

Lücken sind.» Auf der Grundlage dieser Diagnose sollte dann gemeinsam
mit Eltern und Kindern beraten werden, welche Maßnahmen nötig und
sinnvoll sind, um die Zukunftschancen sowie die weitere
Bildungslaufbahn und die angestrebten Schulabschlüsse zu sichern.

Bei Schülern, die starke Defizite aufweisen, wäre auch ein
zusätzliches Schuljahr denkbar, so Meidinger. «Man könnte neben dem
individuellen freiwilligen Wiederholen an größeren Schulen eigene
Lerngruppen bilden, in denen die Lücken aus den letzten zwei
Schuljahren aufgeholt werden.» Das könnte auch den Druck mindern,
neben dem Lernen des neuen Stoffs gleichzeitig den alten nachholen zu
müssen. Meidinger sagte: «Freizeit und Hobbys sind im Lockdown
sowieso schon genug auf der Strecke geblieben.»

Der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo
Beckmann, begrüßte das zusätzliche Förderangebot an Schulen. Er
forderte jedoch, auf eine zeitliche Begrenzung zu verzichten. «Ein
auf zwei Jahre befristetes Förderprogramm wird den bevorstehenden
Herausforderungen nicht gerecht werden können. Es muss daher jetzt
schon darüber nachgedacht werden, wie das nun zu spannende
Auffangnetz verstetigt werden kann, um langfristig zu wirken.»