Impf-Nachrücker im Blick - Listen in mehreren Landkreisen

27.03.2021 05:00

Corona-Impfstoff ist knapp in Hessen - deshalb soll nichts davon
vergeudet werden. Wenn Impfkandidaten nicht zu Terminen erscheinen,
bemühen sich mehrere Landkreise deshalb, den schützenden Pieks
anderweitig zu vergeben.

Lauterbach/Wiesbaden (dpa/lhe) - Mit Listen für Nachrücker wollen
mehrere hessische Landkreise dafür sorgen, dass kein Corona-Impfstoff
verfällt. Während der Vogelsbergkreis eine eigene Website
eingerichtet hat, über die Menschen aus den beiden ersten
Priorisierungsgruppen ihr Interesse an möglicherweise übrig
gebliebenen Impfdosen anmelden können, führen beispielsweise auch der
Main-Kinzig-Kreis sowie der Landkreis Fulda entsprechende interne
Nachrückerlisten, wie die Pressestellen berichteten.

Nach Angaben des ärztlichen Leiters des Impfzentrums im
Vogelsbergkreis, Erich Wranze-Bielefeld, waren über die Webseite
«impfspringer.de» bis zur Wochenmitte 75 Personen einbestellt und
geimpft worden. Das Angebot richte sich ausschließlich an Menschen
aus dem Vogelsbergkreis, die - gemäß der Impfverordnung - zur
«höchsten» oder «hohen» Priorisierungsgruppe gehören, betonte
Wranze-Bielefeld. Dazu gehören beispielsweise Menschen über 70 Jahre,
Mitarbeiter von Arztpraxen, Kita-Betreuer und Grund- und
Förderschullehrer. Zuvor hatten mehrere Medien über das Thema
berichtet.

Ob und wieviel Impfstoff pro Tag übrig bleibe, hänge vom jeweiligen
Hersteller ab: Beim Vakzin von Biontech bleibe nur dann nichts übrig,
wenn die Anzahl der Impfkandidaten durch sechs teilbar sei,
erläuterte Wranze-Bielefeld. Denn ein Durchstichfläschchen ergebe
sechs Impfdosen. «Trotz ordentlicher Planung gelingt das nicht immer,
daher bleiben pro Tag zwischen einer und fünf Dosen übrig.»

Beim Moderna-Impfstoff blieben pro Tag theoretisch zwischen einer und
neun Dosen übrig, da ein Fläschchen zehn Impfdosen ergebe, praktisch
blieben nur ausnahmsweise zwei bis drei Dosen übrig. Beiden
Impfstoffen gemeinsam sei, dass sie innerhalb von sechs Stunden nach
Anbruch verabreicht werden müssten. Für den Astrazeneca-Impfstoff
bekomme man derzeit viele Absagen von Impfkandidaten oder sie kämen
gar nicht, so Wranze-Bielefeld. «Daher bleiben schon circa 20 bis 40
Impfdosen übrig.» Bisher habe man noch keinen Impfstoff vernichten
müssen.

Eine Impfbörse hatte auch der Landkreis Groß-Gerau eingerichtet -
allerdings ist die Anmeldung dazu derzeit ausgesetzt. Rund 2500
Menschen hatten sich innerhalb einer Woche über das Portal
registriert - aber pro Tag könnten nur etwa fünf bis acht Nachrücker

eine Impfung bekommen, sagte ein Sprecher der Landkreises. «Deshalb
haben wir erstmal einen Cut gemacht.» Wenn der Annahmestopp endet,
will der Landkreis eine erneute Mitteilung herausgeben.

Bereits seit Anfang Januar führt der Landkreis Fulda eine
Nachrückerliste, um mögliche Impfstoffreste an berechtigte Menschen
zu verabreichen. Im Durchschnitt würden täglich vier bis sechs
Personen von der Liste geimpft, wenn Impfstoff durch nicht
wahrgenommene Termine übrig bleibe, hieß es von der Pressestelle.
«Der Landkreis Fulda hat davon abgesehen, diese Nachrückerliste für
die Allgemeinheit zu öffnen. Das hätte den Eindruck erweckt, man
könne als Nachrücker die Priorisierungsgruppen überspringen»,
erklärte der Landkreis. «Das ist keineswegs der Fall und wäre das
falsche Signal in die Öffentlichkeit.»

Ähnlich äußerte sich ein Sprecher des Main-Kinzig-Kreises. Auch dort

gebe es eine entsprechende Liste, die aber intern geführt werde und
rund 1400 potenzielle Nachrücker aus Hessens bevölkerungsreichstem
Landkreis umfasse, darunter beispielsweise Einsatzkräfte von
Rettungsdiensten, wie der Sprecher sagte.

Der Main-Taunus-Kreis will von der kommenden Woche an für übrig
bleibenden Corona-Impfstoff mit Hilfe einer Online-Plattform rasch
Impfkandidaten finden - das Angebot für einen Termin wird per SMS
gemacht. Impfwillige können sich dort vorher anmelden.

Beim zuständigen hessischen Innenministerium hieß es, bislang hätten

Impfdosen nur in Einzelfällen nicht genutzt werden können.
Hintergrund dafür seien hauptsächlich verunreinigte Chargen gewesen.
Fälle von Impfstoffvernichtung aufgrund überzähliger Dosen, die nicht

verabreicht werden konnten, seien dem Land hingegen aktuell nicht
bekannt.

Alle Landkreise hätten sicherzustellen, dass kein Impfstoff wegen
Überlagerung verfällt. Die Impfzentren müssten die Bestellmengen
entsprechend anpassen und gegebenenfalls reduzieren, um den Verfall
von Impfstoff zu verhindern. Zusätzlich habe das Land Hessen den
Impfzentren empfohlen, in eigener Zuständigkeit «Nachrückerlisten»
zu
führen, auf denen schnell verfügbare, priorisiert zu impfende
Personengruppen aufgeführt sind. Weil die Impfzentren in eigener
Verantwortung der Landkreise geführt werden, lägen dem Land keine
Kenntnisse vor, ob alle Impfzentren dieser Empfehlung gefolgt seien.
«Mehrheitlich ist dies aber wohl der Fall», erklärte das Ministerium.