Kirchenkritik und theologische Zweifel: Uta Ranke-Heinemann ist tot

25.03.2021 13:55

Uta Ranke-Heinemann zweifelte an der Dreifaltigkeit Gottes und der
Erlösung Christi am Kreuz. Scharf kritisierte die Theologin das
päpstliche Pillen- und Kondomverbot. Jetzt ist die streitbare
Theologin in Essen gestorben.

Essen (dpa) - Sie war weltweit die erste Professorin für katholische
Theologie und wurde bald eine lautstarke Kritikerin der
römisch-katholischen Kirche: Uta Ranke-Heinemann, die älteste Tochter
des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, ist tot. Sie starb
am Donnerstagmorgen im Alter von 93 Jahren in Essen, wie ihr Sohn
Andreas Ranke der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Sie sei im
Beisein von Familienmitgliedern friedlich eingeschlafen.

1945 hatte sie als einziges Mädchen das Essener Burggymnasium besucht
und dort ein Spitzenabitur geschafft. Sie studierte evangelische
Theologie. 1953 konvertierte sie auf der Suche nach mehr religiöser
Toleranz zum Katholizismus, promovierte und wurde erste katholische
Theologieprofessorin. «Aber bei den Katholiken bin ich vom Regen in
die Traufe geraten», sagte sie später.

Konflikte mit der Amtskirche bekam die Friedensaktivistin schon bald
im Streit um das päpstliche Verbot der Empfängnisverhütung. Dass
Afrikanerinnen mit der Hölle bedroht würden, weil sie beim Sex mit
ihrem HIV-infizierten Mann ein Kondom benutzen, nannte
Ranke-Heinemann eine «tödliche Irreführung der Menschheit».

1999 ließ sich die Pazifistin von Gregor Gysi in der Küche ihres
Hauses zu einer - von vornherein aussichtslosen - Kandidatur für die
Linke-Vorgängerpartei PDS bei der Bundespräsidentenwahl überreden.
Die Wahl gewann Johannes Rau (SPD).

Zum Bruch mit der Kirche kam es 1987, nachdem Ranke-Heinemann dem
Kirchendogma von der Jungfrauengeburt widersprach. Sie wollte die
Jungfräulichkeit Marias nicht wörtlich, sondern als «damalige
Vorstellungsmodelle» verstanden wissen. Der damalige Essener Bischof
Franz Hengsbach entzog ihr die Lehrerlaubnis. Sie verlor ihren
Lehrstuhl in Essen, bekam aber einen kirchenunabhängigen Lehrstuhl
für Religionsgeschichte.

Parallel schrieb Ranke-Heinemann über Religion und Kirche. Vor allem
«Eunuchen für das Himmelreich» über die kirchliche Sexualmoral
landete in mehreren Ländern an der Spitze der Bestsellerlisten. Als
ihr theologisches Hauptwerk gilt «Nein und Amen», dem sie später den

Untertitel «Mein Abschied vom traditionellen Christentum» gab. Als
einzig Positives sei ihr vom Christentum nur die «Hoffnung auf ein
Wiedersehen mit den geliebten Toten» geblieben, schrieb sie darin.

Von ihren kirchenkritischen Positionen wich Ranke-Heinemann auch
später keinen Millimeter ab. Daran änderte auch die Wahl ihres
ehemaligen Studienkollegen Joseph Ratzinger zum Papst nichts. «Ich
bin enttäuscht», erklärte sie gut ein Jahr nach Amtsantritt von
Benedikt XVI. «Ich hatte gehofft, er schafft endlich den Zölibat ab.»


Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck würdigte Ranke-Heinemann als «eine
hellwache und engagiert-kritische Intellektuelle». Ihre kritische und
später auch distanzierte Haltung, aber auch ihr engagiertes Eintreten
in Fragen der Entwicklungspolitik und der humanitären Hilfe blieben
vielen Zeitgenossen und auch ihm in Erinnerung, erklärte Overbeck
laut einer Mitteilung des Bistums. Er habe sie als eine sehr
herzliche Gastgeberin kennenlernen dürfen, betonte der Bischof.