Psychologen an Schulen und Universitäten mehr gefordert

Schüler und Studenten müssen sich und ihren Alltag für das Lernen
oder Studieren zu Hause neu organisieren. Nicht allen gelingt das.
Zudem drohen Vereinsamung, Zukunftsängste und familiäre Probleme.
Dann ist der Psychologe gefragt.

Dresden (dpa/sn) - Angst vor Überforderung, der Zukunft oder fehlende
Motivation: Während der Corona-Pandemie und des Lockdowns sind die
Psychologen an Schulen und Universitäten verstärkt gefordert.
Verglichen mit der Zeit vor Corona seien die Anfragen an die
Schulpsychologen zwar nicht häufiger, aber dringender geworden, sagte
die Vorsitzende des Berufsverbandes der Schulpsychologen Sachsens,
Sabine Randow, bei einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. «Die
Fragestellungen haben sich zugespitzt, neue Themen sind
hinzugekommen.» Statistische Erhebungen dazu gebe es jedoch nicht.

Etwa 50 Schulpsychologen kümmern sich ihren Angaben zufolge in
Sachsen an den fünf Standorten des Landesamtes für Schule und Bildung
in Bautzen, Chemnitz, Dresden, Leipzig und Zwickau um die seelischen
Belastungen von Schülern, Eltern und Lehrern. Die Nachfrage nach
Beratung sei hoch, sagte Randow. Es gebe Wartezeiten. Durch den
Lockdown würden diese jetzt noch länger.

Randow zufolge fällt es selbst leistungsstarken Schülern schwer, sich
beim Home-Schooling zu Hause den Tag richtig einzuteilen, sich zu
motivieren und das Lernen nicht immer wieder wegzuschieben, um es
schließlich ganz einzustellen.

Die Eltern wiederum fühlten sich überfordert, weil sie das Lernen mit
den Kindern mit anderen Verpflichtungen und dem Beruf unter einen Hut
bringen müssten. Vor allem bei mehreren Kindern mache ihnen die Fülle
des Schulstoffs zu schaffen. «Dann wächst das Gefühl, allein gelassen

zu werden.»

Ein Anlass für Stress, Belastungen oder Angst seien immer wieder
bevorstehende Prüfungen und die Sorge, ob die Vorbereitung darauf
unter den erschwerten Bedingungen ausreichend war, sagte Randow. Vor
allem ängstliche Schüler müssten da mit Entspannungstechniken
vertraut gemacht werden

Andere Anfragen drehten sich um die richtige Schullaufbahn, welche
Schulart nach der vierten Klasse gewählt oder auch ob Klassenstufen
wiederholt werden sollten. 

Es sei wichtig, Eltern, Lehrern und Schülern genau zuzuhören, sagte
Randow. «In Zeiten mit Kontaktbeschränkungen wird das noch
bedeutsamer». Es müsse immer ergründet werden, ob im Einzelfall
psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfestellung nötig sei.

An den Universitäten und Hochschulen sind die Probleme ähnlich.
Studenten klagen über Depressions-Symptome, Antriebslosigkeit,
Schwierigkeiten bei der Bewältigung des
Lernalltags, «Aufschiebeverhalten», Zukunftsängste,
Beziehungsprobleme, wie Michael Mohr vom Studentenwerk Leipzig
berichtete.

Und auch ähnlich wie bei den Schülern: «Durch den Wegfall der 
üblichen Tagesstruktur, den Vorlesungen, festen Sport- und andere
Freizeitterminen, fällt es vielen Studierenden schwer, den Alltag zu
bewältigen», sagte Mohr. Zudem fehle vielen der Ausgleich wie der
Austausch mit Kommilitonen und Freunden, Sport, Reisen oder auch die
Heimfahrt an den Wochenenden.

Der Bedarf an psychologischer Beratung habe sich zwar nicht erhöht,
aber verändert, sagte Vicky Loske vom Studentenwerk Chemnitz-Zwickau.
Vor allem die Gruppe der Studenten mit leichten Unsicherheiten sei
während der Pandemie deutlich gewachsen, die schon nach ein- oder
höchstens zweimaligen Beratungen wieder Halt bekämen und keine
weitere Unterstützung mehr brauchten. «Das könnte ein Phänomen eine
r
insgesamt unsicheren Zeit sein.» In der Pandemie sei bei vielen
Beratungsanfragen das Bedürfnis nach persönlichen Terminen zu spüren.


Die Studierenden machten während der Lockdown-Phasen die Erfahrung,
dass es weniger Stellenausschreibungen gibt, Praktika verschoben oder
abgesagt und Nebenjobs gekündigt werden. «Daraus ergeben sich
finanzielle Probleme, bei denen oft durch Sozialberatung oder die
Überbrückungshilfe geholfen werden muss», so Loske.

Es entstehe der Eindruck, dass viele Studenten erst einmal damit
beschäftigt seien, das aktuelle Semester zu bewältigen und wenig über

die Zukunft nachdenken könnten. «Es ist jedoch schon problematisch,
wenn sie  keine Zukunftserwartungen oder -planungen entwickeln.»

Die Psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerkes in Dresden
verzeichnet nach eigenen Angaben wöchentlich etwa 20 neue Anfragen,
obwohl es coronabedingt gar keine «offenen Sprechstunden» gibt. «De
r
eigentliche Bedarf ist möglicherweise höher», sagte Sabine Stiehler
von der Beratungsstelle. Das Spektrum der Anfragen habe sich
verändert. Oft gehe es nicht mehr um «klassische Probleme» wie die
Prüfungsangst, sondern um Corona-Folgen, um Homeoffice, Isolation,
Platzangst, depressive Verstimmungen, Schlaf- oder Essstörungen, die
Partnerschaft, Belastungen durch Familie oder Eltern. Einige
zweifelten auch am Sinn ihres Studiums oder hätten Zukunftsangst.