Drei NRW-Kommunen schon um das Doppelte über höchster Warnschwelle

18.10.2020 16:22

Keine Entwarnung in Sicht in der Corona-Krise: Eine Kommune nach der
anderen reißt in NRW die bislang höchste Warnschwelle - einige liegen
inzwischen schon um das Doppelte darüber. Unterdessen müssen sich die
Bürger an die verschärfte Coronaschutzverordnung noch gewöhnen.

Düsseldorf (dpa/lnw) - In Nordrhein-Westfalen überschreiten immer
mehr Kommunen die Corona-Warnschwellen. In drei Kommunen lagen die
Infektionsquoten nach Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) vom
Sonntag sogar schon um das Doppelte über dem Grenzwert, der die
bislang schärfsten Einschränkungen im öffentlichen und privaten Leben

vorsieht: Herne (111,2), Solingen (109,9) und Wuppertal (103,1).

Bei 50 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner innerhalb von sieben
Tagen gilt in NRW seit dem Wochenende eine Sperrstunde in der
Gastronomie und ein Alkoholverkaufsverbot bis 6.00 Uhr morgens.
Millionen Menschen sind davon schon in zahlreichen Städten und
Regionen des Landes betroffen.

Auch Krefeld sowie die Kreise Warendorf und Düren sprangen am
Wochenende über die 50er-Schwelle. Gütersloh (49,6) und der
Rhein-Erft-Kreis (49,1) standen am Sonntag kurz davor. Wenn eine
Region nach zehn Tagen immer noch über 50 liegt, haben die Kommunen
zusätzliche Schutzmaßnahmen zu treffen.

Schon ab einem Wert von 35 gilt jetzt in NRW eine erweiterte
Maskenpflicht auf allen Plätzen und Straßen, wo eine regelmäßige
Unterschreitung des Mindestabstands zu erwarten ist - etwa in
Fußgängerzonen und auf Märkten. Wo konkret überall Maske getragen
werden muss, haben die einzelnen Kommunen im Internet veröffentlicht.

Bei vielen Bürgern war diese Neuerung aber am Wochenende offenbar
noch nicht angekommen. Zwar meldeten die Städte keine Probleme mit
der frühen Sperrstunde. In der Düsseldorfer Altstadt etwa strömten
allerdings Tausende ab 23.00 Uhr aus den Kneipen, Restaurants und
Bars gleichzeitig auf die Straßen und in die U-Bahn-Stationen - die
allermeisten ohne Maske.

In NRW dürfen sich maximal zehn Personen unterschiedlicher Haushalte
im öffentlichen Raum treffen - unabhängig von der Infektionslage. In
den 50er-Regionen dürfen sich maximal fünf treffen. Das ist strenger
als in der jüngsten Bund-Länder-Konferenz verabredet.

Die Grenzwerte gelten nicht für Gruppen, die innerhalb desselben
Haushalts leben - Familien oder Wohngemeinschaften etwa. Außerdem
dürfen sich grundsätzlich Personen aus zwei häuslichen Gemeinschaften

treffen - auch über fünf beziehungsweise zehn Personen hinaus.

NRW lag am Sonntag laut RKI-Statistik mit einer Sieben-Tage-Inzidenz
von 54,7 weiterhin deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 42,9. Nur
Hessen lag unter den großen Flächenländern mit 55,1 noch etwas höhe
r
- Bayern (43,8) und Baden-Württemberg (42,7) dagegen etwa im Schnitt.
Die Stadtstaaten Berlin (83,8) und Bremen (72,4) sind weit darüber.

Gegenüber dem Vortag kletterte die Zahl der Neuinfektionen in NRW
demnach um 1477. An den Wochenenden sind die amtlich gemeldeten
Zahlen auf Grund der Personalkapazitäten in den Laboren und
Gesundheitsbehörden meist niedriger. Seit Beginn der Corona-Krise
haben sich nach RKI-Angaben in NRW fast 90 000 von bundesweit rund
362 000 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2
infiziert (Stand: 18.10., 0.00 Uhr).

Aus Sicht von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) haben
die Behörden die Lage noch im Griff. Bundes- und landesweit gebe es
noch sehr viele Kapazitäten im Gesundheitssystem, sagte er am Samstag
im Deutschlandfunk. «Wir haben derzeit in unseren Krankenhäusern in
erheblichem Umfang Kapazitäten frei.» Obwohl mit dem Anstieg der
Infektionszahlen auch die intensivmedizinische Versorgung etwas
gestiegen sei, sei das Ausmaß «nicht dramatisch».

Laut Corona-Statistik der Landesregierung (Stand: 16. Oktober) sind
in NRW noch über 1400 von insgesamt rund 5700 Intensivbetten mit
Beatmungsmöglichkeiten verfügbar. Falls die Zahl der Covid-19-
Patienten auf den Intensivstationen stark steigen sollte, müssten
planbare Eingriffe in den Krankenhäusern verschoben werden, sagte
Laumann dem WDR-TV-Magazin Westpol.

Seinen Angaben zufolge sind in NRW schon rund 70 000 Menschen wegen
Corona in Quarantäne. Trotz Personallücken in den Gesundheitsämtern
seien die nötigen Tests und Nachverfolgungen der Infektionsketten
grundsätzlich aber gewährleistet, versicherte er. NRW teste rund 350
000 Menschen pro Woche auf eine Infizierung mit dem Coronavirus -
möglich seien derzeit sogar 400 000 pro Woche.

NRW sieht sich noch in der Lage, Nachbarländer zu unterstützen:
Derzeit stehen hier laut Landesregierung in 48 Krankenhäusern 80
Betten zur intensivmedizinischen Versorgung niederländischer
Covid-19-Patienten bereit. «Mit Stand heute ist keines davon belegt»,
berichtete das Gesundheitsministerium am Sonntag auf Anfrage der
Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. Nach Informationen des
Ministeriums habe es aus anderen EU-Ländern bislang noch keine
Anfragen gegeben.

Seit Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr seien durch die
Landesregierung bereits rund 50 Covid-19-Patienten aus den
Niederlanden vermittelt worden sowie 10 aus Italien und 8 aus
Frankreich. Hinzu kämen weitere durch direkte bilaterale Kontakte der
Krankenhäuser.

Am diesem Montag tritt in NRW eine weitere Verschärfung für private
Feste in Kraft: Bei 35 oder mehr Infektionen pro 100 000 Einwohner in
sieben Tagen dürfen an Festen aus herausragendem Anlass außerhalb der
eigenen vier Wände höchstens 25 Personen teilnehmen. In 50er-Regionen
sind dann nur noch höchstens zehn Teilnehmer erlaubt.