Misstrauen erschwert den letzten Kampf gegen Polio Von Arne Bänsch und Zia Khan, dpa

18.10.2020 04:21

Afghanistan und Pakistan sind die letzten beiden Länder, die gegen
Kinderlähmung kämpfen. Betroffene und Helfer erzählen, warum es so
schwierig ist, das Virus in der Region auszurotten.

Islamabad/Peshawar (dpa) - Rauf Khans Familie ließ nur eine
Schluckimpfung aus. Doch die Folgen waren verheerend, seine
einjährige Tochter hat Kinderlähmung. Die Diagnose kam im vergangenen
Dezember. «Ich war zu Tode geschockt, als ich realisierte, dass mein
Kind Nida niemals in ihrem Leben laufen kann.»

Khan ist 40 Jahre alt, hat eine Bäckerei in der nordwestlichen Stadt
Peshawar. Er und seine Familie mit fünf Kindern reisen oft in die
ländliche Heimat in der Provinz. Das war auch der Moment, als sie
eine Schutzimpfung gegen Polio verpassten. «Ich backe den ganzen Tag
Brot, es verbrennt meine Haut. Wenn ich abends nach Hause gehe und
mein Kind anschaue, brennt mein Herz», sagt Khan.

Polio gilt als große Bedrohung, vor allem für Kleinkinder unter fünf

Jahren. Die Krankheit greift das Nervensystem an und kann innerhalb
von Stunden zur Lähmung führen. Übertragen wird das Poliovirus
von Mensch zu Mensch. In Afrika gilt der sogenannte Wildtyp seit
Kurzem als ausgerottet. Afghanistan und Pakistan sind die letzten
beiden Länder, die gegen eine Ausbreitung kämpfen. In diesem Jahr
wurden in Pakistan bisher 64 Fälle mit dem Wildtyp bestätigt, im
Nachbarland 37.

Die Corona-Pandemie habe den Kampf erschwert, sagt Rana Safdar vor
dem Welt-Polio-Tag am 24. Oktober. Der Epidemiologe leitet Pakistans
Bemühungen zur Ausrottung der Kinderlähmung. «Wieder mussten wir
unsere Impfung von Tür zu Tür unterbrechen.» Dadurch fehlte Millionen

von Kindern die wichtige Schutzimpfung, die mehrfach verabreicht
werden muss, ehe der Körper Immunität entwickelt. Das Programm gibt
es bereits seit 1994. Nach Monaten der Unterbrechung wird in dem Land
nun wieder geimpft.

Pakistan und Afghanistan arbeiten im Kampf gegen Polio zusammen, auch
weil sich viele Menschen in der Grenzregion zwischen beiden Ländern
bewegen. Die große Mobilität der Bevölkerung und saisonale Migration

seien dabei eine große Herausforderung. Auch Khans Tochter Nida
verpasste so eine entscheidende Impfung. Doch es gibt auch Erfolge.
«Es ist uns gelungen, 97 Prozent der Kinder, die wir im Visier haben,
zu impfen», sagt der Epidemiologe Safdar.

Sorgen bereitet Safdar die Sicherheitslage in der Grenzregion und die
Bedrohung durch islamistische Terrorgruppen. «Wir werden von zivilen,
militärischen und Behörden der Strafverfolgung in jeder Hinsicht
unterstützt», sagt der 56-Jährige. Bereits 2019 hatte Pakistan
Rückschritte erlebt, nachdem religiöse Extremisten eine landesweite
Kampagne gegen die Impfungen starteten. Grund war ein Fake-Video, das
angebliche Schäden durch Impfungen propagierte. In Teilen
Afghanistans gibt es ähnliche Vorbehalte.

Heute setzt Safdars Initiative auch auf die Hilfe von einflussreichen
Leuten vor Ort - Ärzte, Stammesälteste und Journalisten, die neutral

für Impfungen werben. Trotz massiver Aufklärungsarbeit ist es immer
noch gefährlich für die rund 275 000 Helferinnen und Helfer, von
denen etwa 80 Prozent Frauen sind. Impfkampagnen werden von
gewaltsamen Zwischenfällen überschattet, mehr als 80 Mitarbeiter
seien in den letzten acht Jahren getötet worden, sagt Safdar.

Eine der zahlreichen Impfhelferinnen ist Shabeena Begum. Wie Rauf
Khan lebt auch die 38-Jährige in Peshawar. In den ländlichen Gebieten
der Provinz geht sie von Tür zu Tür, um Kinder gegen Polio zu impfen.

«Mein Team und ich versuchen, Eltern davon zu überzeugen, wie ihre
Zusammenarbeit mit Impfhelfern sie und ihre Kinder vor einem Leben
voller Qualen und Bedauern bewahren kann.» Auch Begum wurde mehrfach
bedroht, will ihre Arbeit aber fortsetzen. «Es erfüllt mich mit
Stolz, dass ich eines Tages sagen kann, wenn die Kinderlähmung in
Pakistan besiegt ist, dass ich Teil dieser Reise war».