Im Krisenmodus - Neue Kontaktbeschränkungen in Berlin möglich

17.10.2020 12:26

Die Corona-Fallzahlen in Berlin wachsen rasant. Woran liegt das? Und
was kann dagegen getan werden? Die Gesundheitssenatorin sieht
besonders ein Problem: große Hochzeitsfeiern.

Berlin (dpa) - Im Kampf gegen die rasante Ausbreitung des Coronavirus
ist in Berlin eine drastische Verschärfung der Kontaktbeschränkungen
im Gespräch. Nach Informationen des «Tagesspiegels» sieht ein Entwurf

der neuen Infektionsverordnung vor, dass sich ab nächster Woche
maximal fünf Personen gemeinsam im öffentlichen Raum aufhalten dürfen

- oder mehrere Angehörige zweier Haushalte. Ausgenommen davon seien
sportliche Aktivitäten. Bislang galt die Fünf-Personen-Begrenzung
zeitlich zwischen 23.00 Uhr bis 06.00 Uhr.

Beschlossen ist das aber noch nicht, die neuen Regeln stehen am
Dienstag beim Berliner Senat auf der Agenda. Weder die Senatskanzlei
noch die Gesundheitsverwaltung äußerten sich am Samstag zu dem
Papier.

Hintergrund sind die rasant steigenden Fallzahlen in der Hauptstadt.
Die Zahl der Neuinfektionen je 100 000 Einwohner stieg in den
vergangenen sieben Tagen auf 83,2 (Stand Freitagabend). Damit liegt
Berlin weiter deutlich über dem kritischen Schwellenwert von 50.

Laut dem Entwurf solle eine Maskenpflicht auf Märkten und anderen
belebten öffentlichen Plätzen eingeführt werden, berichtete der
«Tagesspiegel» weiter. Die bisherige Personenobergrenze bei
Veranstaltungen soll laut den Plänen bestehen bleiben: Bis Ende des
Jahres seien Veranstaltungen im Freien mit bis zu 5000 Personen
erlaubt, in geschlossenen Räumen bis zu 1000 Personen.

Weiterhin möglich sein sollen auch private Veranstaltungen und Feiern
mit bis zu 50 Personen im Freien und bis zu zehn Personen in
geschlossenen Räumen. Dafür muss ein Hygienekonzept vorliegen und
eine Anwesenheitsdokumentation geführt werden.

Bei den Corona-Neuinfektionen sehen die Berliner Gesundheitsämter ein
immer diffuseres Bild. Nur etwas über zehn Prozent der Fälle seien
Ausbrüchen zuzuordnen, bei rund 90 Prozent hingegen sei die
Infektionsquelle nicht eindeutig festzustellen, sagte
Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) der Deutschen
Presse-Agentur. «Wir haben eine sehr breite Streuung.»

Die Senatorin erklärt das Auftauchen vermeintlich unklarer
Einzelfälle allerdings auch mit Berichten von Amtsärzten, wonach
generell die Kooperationsbereitschaft von Infizierten abnehme.
Insbesondere nach Ausbrüchen bei großen Hochzeitsfeiern sei
beobachtet worden, dass manche Menschen Angaben über ihre engen
Kontakte verweigerten. «Das ist ein echtes Problem.»

Durch Quarantäne und Tests bei engen Kontaktpersonen versuchen die
Gesundheitsämter, Infektionsketten zu unterbrechen. Fehlen dazu
Angaben, wird es für die Behörden schwierig: «Es entsteht dann ein
offenes Infektionsrisiko, weil diese Menschen wieder andere anstecken
und man die Verbindung zur Feier nicht nachvollziehen kann», sagte
Kalayci. Sie bezeichnete die großen Hochzeitsfeiern wie zum Beispiel
in Neukölln als Treiber des Infektionsgeschehens.

Kalayci äußerte die Hoffnung, dass mit der seit 3. Oktober geltenden
Teilnehmer-Obergrenze für private Feiern der Problematik nicht zu
spät ein Riegel vorgeschoben worden sei. Sie selbst habe auch nach
entsprechenden Gesprächen im August mit Bundeskanzlerin Angela Merkel
(CDU) zu einem früheren Zeitpunkt auf solche Maßnahmen gedrängt.

Die Senatorin widersprach der Vorstellung, dass die aktuelle Zunahme
der Infektionen in der Stadt vor allem auf vermehrtes Testen
zurückgeht. Die Rate der positiven Tests sei in Berlin - nach Werten
von unter einem Prozent im Sommer - auf rund vier Prozent gestiegen.
«In den Bezirken, in denen besonders viele Kontaktpersonen getestet
wurden, da sind wir sogar bei 8 Prozent», sagte sie.

Der Gesundheitsstadtrat des Corona-Hotspots Berlin-Neukölln hält eine
Eindämmung des Virus wie im Sommer in seinem Bezirk für nicht mehr
möglich. «Daran, dass wir das wieder einfangen können wie Mitte des
Jahres, glaube ich nicht mehr», sagte der CDU-Politiker Falko Liecke
der Deutschen Presse-Agentur. «Wir sind im absoluten Krisenmodus.» Es
müsse nun vor allem darum gehen, Risikogruppen wie Senioren und
chronisch Kranke zu schützen - zum Beispiel, indem
Besuchsmöglichkeiten in Alten- und Pflegeheimen eingeschränkt werden
und Personal dort regelmäßig getestet wird.

Nur eine Erklärung, warum ausgerechnet in Neukölln die Fallzahlen so
«durch die Decke» gegangen seien, gibt es Liecke zufolge nicht. Er
sagte, ein Stück vermute er einen Zusammenhang mit der
Bevölkerungszusammensetzung: Er verwies etwa auf eine große Zahl
spaßorientierter, internationaler junger Leute, aber auch auf
bildungsferne Gruppen und Menschen mit Sprachbarrieren.

Offenbar sei das Virus in der Schönwetterphase vor einigen Wochen «in
die Bevölkerung reingesickert», sagte Liecke. Man könne keine lokalen

Schwerpunkte mehr lokalisieren, es komme von überall. Ansteckungen
habe es zum Beispiel in der Party- und Gastroszene, in Sportvereinen
und unter Arbeitskollegen gegeben. Auch eine gewisse Ermüdung bei der
Einhaltung der Corona-Regeln spiele eine Rolle. Neukölln ist derzeit
der Corona-Hotspot mit den bundesweit meisten Neuinfektionen
innerhalb von sieben Tagen.