Mehr Kinder in Thüringen wegen Sprechstörungen in Therapie

16.10.2020 07:00

Jedes vierte Kind, das in Thüringen in die Schule kommt, kann nicht
richtig sprechen - Tendenz steigend. Die Ursachen sind
unterschiedlich.

Erfurt (dpa/th) - Behandlungen bei Kindern mit Sprechstörungen nehmen
in Thüringen zu. Nach Zahlen der gesetzlichen Krankenkassen haben
Ärzte im Jahr 2019 knapp 27 000 Rezepte für eine Sprachtherapie für
Heranwachsende bis zum 15. Lebensjahr ausgestellt. 2018 waren es rund
25 700, wie eine Sprecherin der Techniker Krankenkasse unter Berufung
auf Daten des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen sagte.
Im ersten Quartal dieses Jahres setzte sich der Aufwärtstrend fort.
Für die Zeit danach - in die auch der wochenlange Lockdown wegen der
Corona-Pandemie fiel - liegen bislang keine Abrechnungsdaten vor.

Die jährlichen Schuleingangsuntersuchungen durch die Gesundheitsämter
fördern seit Jahren einen steigenden Anteil von Schulanfängern mit
Sprech-, Sprach- und Stimmstörungen zutage. Im Untersuchungsjahr 2018
war mit einem Anteil von 25,8 Prozent mehr als jedes vierte Kind
dieser Altersgruppe betroffen, wie aus Daten des
Landesverwaltungsamtes hervorgeht. 2010 hatte der Anteil der
sprachgestörten Kinder bei 22,6 Prozent gelegen.

Nach Angaben der Bildungsforscherin Sandra Neumann von der
Universität Erfurt treten Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern
entweder als Folge einer Vorerkrankung, zum Beispiel einer
Hörstörung, oder separat im Laufe des Sprechenlernens auf. Dabei geht
es um Defizite bei der Aussprache, dem Wortschatz, der Grammatik oder
dem Kommunikationsverhalten der Kinder. Je nach Schweregrad könne
sich diese Störung langfristig auf die Entwicklung eines Kindes
auswirken. Betroffene Kinder seien beispielsweise oft ängstlicher
oder hyperaktiver als andere Kinder.

Häufig werde das Verhalten betroffener Kinder fälschlicherweise als
unaufmerksames oder schlechtes Verhalten interpretiert, sagte die
Bildungsforscherin. «Dem Kind werden dann allgemeine
Lernschwierigkeiten unterstellt oder die Ursache wird bei den Eltern
gesucht.» Der 16. Oktober ist der internationale Tag der
Sprachentwicklungsstörungen. An den Aktionen ist auch die Universität
Erfurt beteiligt. Sie hat ein Online-Quiz zu diesem Thema entwickelt.