Vom Kampf mit der Sprache - 800 000 Stotternde in Deutschland Von Julia Giertz und Uwe Anspach , dpa

21.10.2020 07:00

Stottern muss nicht in die Isolation führen. Ein junger Stotternder
aus Mannheim sucht die Öffentlichkeit und hat Erfolg.

Mannheim (dpa) - Wenn Sebastian Koch mit Ginger spricht, tut er dies
fehlerfrei und flüssig - von Problemen keine Spur. Ginger ist die
Katze des 28-Jährigen. Wenn er aber mit Menschen redet, ist das ganz
anders: Dann stellt sich das ungewollte Verharren auf einem
Buchstaben, das Wiederholen von Wörtern und das Dehnen von Vokalen
ein. Es macht den Eindruck, als koste es Koch sehr viel Mühe, sich
die Sätze abzuringen. Koch ist seit seiner Kindheit Stotternder,
einer von 800 000 in Deutschland.

Nach erfolglosen Therapien hat der Kulturredakteur beim «Mannheimer
Morgen» die Perspektive einer Heilung ad acta gelegt und geht jetzt
offensiv mit seiner Einschränkung um. Dazu lädt er für seinen
Ppppodcast Gäste zum «Mannheimer Morgen», mit denen er über ihre
Erfahrungen als Stotternder oder als Therapeut spricht. Gerade diese
Kommunikationsform mit spontaner Konversation ist für Stotternde
schwer zu meistern. «Aber die schriftliche Form, das Thema
aufzuarbeiten, fand ich nicht so spannend», sagt Koch. Bislang bekam
er dafür nur positive Rückmeldungen.

Warum nun wirken vierbeinige Freunde - neben Katzen auch Hunde - auf
Stotterer so entspannend? Koch meint: «Sie haben - anders als die
Menschen - keine Erwartungen und zeigen keine Reaktionen.» Auch im
Umgang mit Babys zeigt sich die Störung oft nicht. Kleine Kinder und
Tiere können nicht nachäffen, sich nicht lustig machen oder einfach
Redebeiträge von Stotternden ignorieren. Auch das Singen funktioniert
einwandfrei. Grund: Dafür werden andere Gehirnareale gebraucht als
beim Sprechen.

Schwierigkeiten haben Stotternde besonders in der Schule. So erlebte
auch Koch in der sechsten Klasse, wie ihn ein Mitschüler nachäffte.
Nach einem Gespräch mit Kochs Mutter ließ er davon ab. «Ich hatte
extrem viel Glück», sagt der Journalist. Anders als einer seiner
Podcast-Gesprächspartner, der wegen psychischer und
körperlicher Probleme infolge von Mobbing widerwillig die Schule
verließ und eine Ausbildung begann. Auch der Göttinger Neurologe
Martin Sommer, Vorsitzender der Bundesvereinigung Stottern &
Selbsthilfe, erinnert sich an schlimme Erlebnisse auf dem Schulhof.
«Meist hören die Probleme nach der Schule im Berufsleben auf», sagt

Koch, der nach dem Volontariat beim «Mannheimer Morgen» dort auch
übernommen wurde.

Das Stottern beruht auf einer Schwäche der Faserbahnen in der linken
Gehirnhälfte, die die sprechrelevanten Zellen miteinander verbinden.
«Die Verdrahtung ist nicht so gut», erklärt Sommer, der Oberarzt an
der Uni-Klinik Göttingen ist. Das Phänomen ist bis zu 80 Prozent
genetisch bedingt. Auch bei Koch findet sich ein stotternder
Verwandter - sein früh verstorbener Vater. Die restlichen Anteile
liegen noch im Dunkeln. Klar ist nur, dass sie nicht auf
frühkindliche Erfahrungen wie Spracherziehung, familiäre Probleme
oder Scheidungen der Eltern zurückzuführen sind. Das haben
Zwillingsstudien ergeben. «Auch Traumata spielen da keine Rolle.»,
sagt Harald Euler (76), der viele Jahre an der Ruhr-Universität in
Bochum arbeitete.

Die Stärke des Stotterns ist nach Worten des Evolutionspsychologen
stark abhängig von der Situation und deren Anforderungen an
die Ausdrucksfähigkeit: Besonders ausgeprägt ist die Störung bei

Vorstellungsgesprächen, Reden vor größeren Gruppen und in
Auseinandersetzungen. In der Kommunikation mit Eltern,
Geschwistern, Freunden und Partnern hingegen ist der Redefluss
weniger gestört. «Das Gefühl der Sicherheit macht viel aus», sagt
Euler, der auch Experte für Phoniatrie und Pädaudiologie ist.

Kochs Chefs, Chefredakteur Karsten Kammholz, unterstützt das Projekt
seines jungen Kollegen von ganzem Herzen, hat er im Kindesalter doch
auch gestottert. Bei ihm kam es aber zu einer Spontanheilung. Etwa
fünf Prozent aller Kinder stottern, aber nur ein Prozent tut das noch
im Erwachsenenalter. Diese Zahl könnte weiter reduziert werden, wenn
Eltern rascher reagieren würden, betont Mediziner Sommer. «Spätestens

sechs bis zwölf Monate nach Auftreten der Redeflussstörung sollte
eine Behandlung erfolgen.»

Wie die Spontanheilung genau vor sich geht und warum sie bei Mädchen
häufiger vorkommt als bei Jungen, ist ein Rätsel. Ebenso unklar ist,
warum mehr Jungen und Männer als Mädchen und Frauen stottern: Im
Kindesalter kommen auf ein stotterndes Mädchen zwei stotternde Jungs;
nach der Pubertät beträgt das Verhältnis sogar vier zu eins. «Das i
st
unsere Gretchenfrage», sagt Sommer.

Stottern ist im Erwachsenenalter nicht mehr heilbar. Aber es gibt
zwei Therapien, um es einzudämmen. Eine zielt auf einen anderen
Sprechmodus (Fluency  Shaping) ab, bei dem die Anfangssilben bewusst
langsam und sanft gesprochen werden. Die neue Sprechweise wird im
Alltag trainiert und wird bis zu einem Jahr danach überprüft. Die
andere Therapie betrifft nicht den Redefluss selbst, sondern setzt in
dem Augenblick an, in dem der Stotternde hängen bleibt. Dabei werden
Praktiken gelehrt, wie man aus der Blockade rasch wieder herauskommt,
etwa durch das Wiederholen des Wortes.

Koch hat eine Handvoll Therapien - auch einen Intensivkurs - hinter
sich, ohne Verbesserungen erreicht zu haben. Trotz seines mutigen
Podcasts setzt er in manchen Situationen auf Vermeidung. «Lieber gehe
ich im Supermarkt x-mal durch die Gänge, um etwas bestimmtes zu
finden, anstatt zu fragen.»

Sommer beobachtet bei Stotterern eine gewisse Selbststigmatisierung.
In der Selbsthilfe sind bedeutend weniger Menschen als bei anderen
Störungen aktiv. «Wenn man nicht hinter dem Ofen hervorkommt und die
Klappe aufreißt, ändert sich nichts.» Viel sprechen helfe viel. Es
gelte, dass Sprechen zu trainieren und Herausforderungen zu suchen,
anstatt als Schweiger durchs Leben zu gehen. Von seiner Umwelt
verlangt Sommer - ebenso wie Koch - nur eines: «Bitte nicht Sätze
weiterführen, Stotternde ausreden lassen - und sich einfach Zeit für
sie nehmen. »