Vier Regionen über Corona-Schwelle - Frankfurt vor höchster Warnstufe

13.10.2020 18:09

In Hessen erhöht sich die Zahl der Regionen mit kritischem
Corona-Wert. Im Main-Taunus-Kreis greifen deswegen neue
Beschränkungen. Und Frankfurt könnte bald die höchste Warnstufe
erreichen.

Hofheim/Wiesbaden (dpa/lhe) - Der Main-Taunus-Kreis hat am Dienstag
weitere Beschränkungen des öffentlichen Lebens wegen der
Corona-Pandemie eingeführt. So gelte unter anderem eine Sperrstunde
ab 23.00 Uhr und eine Maskenpflicht in Gaststätten, teilte die
Kreisverwaltung mit. Zudem dürfen sich unter anderem im öffentlichen
Raum nur maximal fünf Personen oder zwei Hausstände treffen. Für
öffentliche Vor- und Aufführungen gilt eine Personenobergrenze von
100. Bei privaten Feiern in öffentlichen oder gemieteten Räumen gilt
eine Grenze von maximal 25.

Bereits im Laufe des Montags hatte der Kreis den als kritisch
geltenden Schwellenwert von 50 Infektionen pro 100 000 Einwohner in
den vergangenen sieben Tagen überschritten. Die sogenannte Inzidenz
lag nach Angaben von Dienstag bei 59. Einen Schwerpunkt von
Infektionen habe es in den vergangenen Tagen in einer
Behinderteneinrichtung und einem Pflegeheim gegeben. Der
Main-Taunus-Kreis ist die vierte Region, die aktuell in Hessen die
Inzidenz von 50 überschreitet. Zuvor war dies in Frankfurt, der Stadt
Offenbach und dem Kreis Groß-Gerau der Fall.

Nach den täglich aktualisierten Corona-Zahlen des Sozialministeriums
kamen im Land weitere 271 Neuinfektionen hinzu. Die Zahl der
Infektionen erhöhte sich damit auf insgesamt 22 310 seit Beginn der
Pandemie. Die Zahl der Todesfälle verharrte bei 562. Das Ministerium
berichtete aber von Übertragungsproblemen bei den Zahlen.

In Frankfurt stieg die Zahl nach Angaben der Stadt weiter. Die
Sieben-Tage-Inzidenz liege bei aktuell 74,8 Neuinfektionen je 100 000
Einwohner und damit nur noch knapp unter der Marke von 75, ab der die
fünfte Warnstufe des Präventions- und Eskalationskonzeptes des Landes
greift. Dann werde der Planungsstab des Hessischen Ministeriums für
Soziales und Integration die Steuerung der medizinischen Lage
übernehmen, Frankfurt bleibe aber weiter zuständig, hieß es. «Die
Lage ist ernst», sagten Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und
Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne).

Nach Offenbach forderte nun auch Frankfurt Bundeswehrsoldaten zur
Unterstützung des Gesundheitsamts bei der Kontaktnachverfolgung an.
Die Stadt Offenbach berichtete am Dienstag von einer Inzidenz von
79,1, der Landkreis Groß-Gerau von einem Wert von 55,1.

Unterdessen forderte Hessens SPD-Chefin Nancy Faeser ein Ende der
coronabedingten Beherbergungsverbote. Sie seien «wirkungslos und in
der Praxis nicht handhabbar», erklärte sie. Es gebe keine belastbaren
Belege dafür, dass Reisen innerhalb Deutschlands nennenswert zum
Anstieg der Corona-Fallzahlen beigetragen hätten. Das
Beherbergungsverbot treffe unterschiedslos alle, die das Pech hätten,
im falschen Postleitzahlenbezirk zu wohnen. «Entscheidend für die
Risikobewertung ist aber nicht der Wohnort, sondern das individuelle
Verhalten.»

Das hessische Kultusministerium hält nichts von dem Vorschlag, die
Weihnachtsferien wegen der Corona-Pandemie zu verlängern. Es gebe
derzeit keine Erwägungen, die Ferientermine im laufenden Schuljahr
anzupassen, teilte das Ministerium am Dienstag in Wiesbaden mit.
«Eltern sind auf verlässliche Ferienzeiten und Planungssicherheit für

die Betreuung ihrer Kinder angewiesen.» Lehrer und Schüler müssten
sich auf die Abschlussprüfungen vorbereiten können. Zudem sei das
Infektionsgeschehen zu dynamisch, als dass bereits jetzt Voraussagen
für die Weihnachtszeit möglich wären, erklärte das Ministerium.

Mit ihrem Vorschlag, die Weihnachts- und Winterferien wegen der
Corona-Pandemie zu verlängern und stattdessen die Sommerferien zu
kürzen, haben zwei Bundestagsabgeordnete der Union eine lebhafte
Diskussion ausgelöst. Auch die hessische SPD-Fraktion lehnte den
Vorstoß zur Verlängerung der Weihnachtsferien wegen Corona ab.
«Kurzfristig geänderte Ferientermine schaffen Stress und
Verunsicherung bei Eltern, Lehrkräften und Schülern», teilte der
bildungspolitische Sprecher Christoph Degen mit.

Der Kreis Groß-Gerau führt nach dem Ende der Herbstferien für den
Unterricht ab Klasse fünf wegen weiter steigender Infektionszahlen
die Maskenpflicht im Präsenzunterricht ein. «Wir müssen die Pandemie

im Kreis noch ein Stück ernster nehmen», sagte Landrat Thomas Will
(SPD). Dies gelte zunächst bis zum 1. November. Schulen seien Orte
der Begegnung und daher auch ein besonders geeigneter Bereich, in dem
sich Infektionen ausbreiten können, begründete der Kreis die
Maßnahme. Die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen
pro 100 000 Einwohner sei weiter gestiegen. Sie lag am Sonntag bei
51,1 und sei am Dienstag auf 55,1 gestiegen.

Angesichts der sich verschärfenden Corona-Situation fürchten
Sozialverbände einen Mitarbeitermangel in ihren Hilfseinrichtungen
für Obdachlose. «Daher ist unsere dringende Forderung an das Land
Hessen, die Wohnungslosenhilfe als systemrelevant anzuerkennen»,
sagte der Leiter des Arbeitskreises Armut, Migration und soziale
Integration der Wohlfahrtspflege, Stefan Gillich. Dann hätten
Mitarbeiter Anspruch auf Notbetreuungsprogramme für ihre Kinder.

Auch die Wirtschaft leidet unter den Folgen der Pandemie
weiterhin: Die Erholung des Passagierverkehrs am Frankfurter
Flughafen in der Corona-Krise hat im September einen Rückschlag
erlitten. Der Flughafenbetreiber Fraport zählte an Deutschlands
größtem Airport knapp 1,15 Millionen Fluggäste und damit 82,9 Prozent

weniger als ein Jahr zuvor, wie er am Dienstag mitteilte. Das waren
zudem rund 360 000 Passagiere weniger als im August, als der Rückgang
im Jahresvergleich 78,2 Prozent betragen hatte.

Die Fahrgastzahlen im öffentlichen Nahverkehr werden sich nach
Einschätzung der Hessischen Landesbahn (HLB) frühestens in einigen
Jahren erholen. Bis dahin würden sich die Auswirkungen der
Corona-Pandemie zeigen, sagte HLB-Geschäftsführer Veit Salzmann. Die
Auslastung sei zwischenzeitlich auf 40 Prozent gesunken und liege
mittlerweile im Schnitt bei 75 Prozent.