Polizisten berichten vor Gericht von Festnahme des Halle-Attentäters

13.10.2020 17:14

Ruhig und gefasst sei der Terrorist gewesen als sie ihm die
Handschellen anlegten, berichten die verantwortlichen Polizisten im
Halle-Prozess. Am 16. Verhandlungstag schildern Rechtsmediziner
außerdem wie Kevin S. und Jana L. zu Tode kamen.

Magdeburg (dpa/sa) - Nicht vermummte Spezialeinheiten hielten den
Attentäter von Halle auf, sondern ganz einfache Revierpolizisten aus
der Kleinstadt Zeitz. Am Dienstag sagten die beiden
Polizeihauptmeister im Halle-Prozess aus und schilderten, wie sie den
Rechtsterroristen am 9. Oktober festnahmen. Die Beamten aus der
Kleinstadt Zeitz im Süden Sachsen-Anhalts hatten bei der
Dienstbesprechung zu Schichtbeginn gehört, dass der Attentäter wohl
auf der Autobahn nach Süden, in ihre Richtung, unterwegs sei. «Da
haben wir beschlossen loszufahren und uns in Stellung zu bringen»,
sagte der eine Beamte. Der schnellste Weg von Zeitz zur Autobahn,
sagten die Beamten, sei die B91.

Auf der Bundesstraße erkannten sie an einer Baustelle anhand des
Kennzeichens das Taxi, mit dem der Attentäter auf der Flucht war. Die
55 und 59 Jahre alten Kollegen nahmen die Verfolgung auf, der
Attentäter versuchte zu fliehen. An einer Kreuzug fuhrt er
schließlich über rot, rammte dadurch einen Lastwagen und die
Baustellenbegrenzung. Daraufhin sei der Mann aus dem Auto gesprungen
und über die Leitplanke geklettert, berichten die Polizisten. Die
Beamten forderten den Mann auf stehenzubleiben und die Hände zu heben
und drohten mit Schüssen. «Nach kurzem Zögern hat er's dann gemacht
»,
sagte der eine Beamte. «Ruhig und gefasst» sei der Mann gewesen, als
sie ihm schließlich Handschellen anlegten.

Richterin Ursula Mertens lobte die Beamten bei der Verhandlung am
Dienstag für ihr Handeln. Sie hätten so schlimmeres verhindert.
Mertens leitet den Terror-Prozess am Oberlandesgericht Naumburg, der
aus Platzgründen in Magdeburg stattfindet. Am 9. Oktober 2019 hatte
ein schwer bewaffneter Mann versucht, die Synagoge von Halle zu
stürmen, um dort am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur ein
Massaker anzurichten. Nachdem er nicht in das Gotteshaus gelangte,
erschoss er vor der Synagoge die 40-jährige Jana L. und kurz darauf
den 20-Jährigen Kevin S. in einem Döner-Imbiss. Der 28 Jahre alte
Deutsche Stephan Balliet hat die Taten gestanden und mit
antisemitischen, rassistischen Verschwörungstheorien begründet.

Am 16. Verhandlungstag am Dienstag hatten neben den Polizisten auch
erneut BKA-Ermittler ausgesagt. Dabei ging es erneut um die Waffen
des Mannes und potenzielle Mitwisser. Wie schon bei vorigen Aussagen
von BKA-Beamten ergaben sich daraus allerdings keine neuen
Erkenntnisse: Die Ermittler haben nach wie vor keine Hinweise auf
mögliche Komplizen.

Aufschlussreicher waren die Aussagen zweier Rechtsmediziner und einer
Rechtsmedizinerin, die die Toten und Verletzten untersucht hatten.
Die Schüsse, die der Attentäter auf der Flucht auf ein Paar
abfeuerte, um deren Auto zu erpressen, hätten demnach tödliche
Verletzungen hervorrufen können.

Die Gerichtsmediziner sagten außerdem aus, dass Jana L., die der
Terrorist vor der Synagoge erschossen hatte, nicht lange mit dem Tode
ringen musste. Die Gerichtsmedizin stellte bei ihr an der Luftröhre
und einer herznahen Vene je eine tödliche Verletzung fest, die
demnach binnen weniger Sekunden zum Tod führten. Zum Zeitpunkt dieser
Verletzungen habe sie aufrecht gestanden, sagte der
Gerichtsmediziner.

Auf dem Tatvideo war zu sehen gewesen, wie der Attentäter kurz nach
den ersten Schüssen zu der am Boden liegenden Frau zurückkehrte und
erneut auf sie schoss. Nach dem Anschlag hatte es unter anderem
Kritik an der Polizei gegeben, weil die ersten Beamten am Tatort
nicht unmittelbar Erste Hilfe geleistet, sondern zunächst die
Umgebung gesichert hatten. L. war laut Gutachten der Gerichtsmedizin
zu dem Zeitpunkt schon tot.

Anders als bei Jana L. hatte das Tatvideo gezeigt, dass der zweite
Tote, Kevin S., im Kiez-Döner nach den ersten Schüssen auf ihn noch
lebte. Der Attentäter hatte den Imbiss danach kurz verlassen und war
danach wieder gekommen. Auf dem Video war zu sehen wie S. schwer
verletzt um sein Leben flehte. Der Attentäter töte ihn danach durch
Schüsse in Herz und Lunge.