Massenhaftes Tiersterben an Halbinsel Kamtschatka - Doch warum? Von Christian Thiele und Andreas Stein, dpa

13.10.2020 09:52

Und wieder kämpft Russland mit den Folgen einer neuen
Umweltkatastrophe. Hunderte Meerestiere sind vor der Halbinsel
Kamtschatka an Land gespült worden. Was steckt dahinter?

Petropawlowsk-Kamtschatski (dpa) - Wo normalerweise Surfer ins Meer
gleiten, ist der Strand mit toten Seesternen, Fischen, Kraken und
Robben übersäht. Wohin das Auge reicht. Russland kämpft seit Tagen
mit den Folgen einer neuen Umweltkatastrophe, deren Ausmaß sich nur
langsam abzeichnet. Massenhaft sind Meerestiere verendet.
Tierschützer berichten von einem gelblichen Schaum auf dem Wasser.
Was genau im Ozean vor der Halbinsel Kamtschatka im Osten des
Riesenreichs passierte, ist noch unklar. Doch die russischen Behörden
versuchen wie so oft in solchen Fällen, das Ausmaß für Mensch und
Umwelt herunterzuspielen.

Nicht zuletzt deshalb wird wild über die Gründe spekuliert: von
Algen, die sich massenhaft vermehrt hätten, über einen Vulkan bis hin
zum Test einer Hyperschallrakete. Aber auch Schiffe gelten als
mögliche Verursacher. Die regionalen Behörden nahmen Wasserproben und
erklärten danach, dass die Konzentration an Ölprodukten zeitweise um
das Vierfache und die von Phenol um mehr als das Zweifache gestiegen
sei. Umgehend ließ die russische Marine mitteilen, dass Schiffe der
Pazifikflotte nicht für die Umweltschäden verantwortlich seien.

Das Problem ist: Selbst Proben von Wasser, Strand, Tieren und
Mikroorganismen haben bislang keinen Aufschluss über die Hintergründe
für das Tiersterben gegeben. Fest steht aber: «Taucher berichteten,
dass in 10 bis 15 Metern Tiefe bis zu 95 Prozent der Tiere tot
waren», sagte Gouverneur Wladimir Solodow vor wenigen Tagen zu dem
Massensterben in der Bucht vor der Regionalhauptstadt
Petropawlowsk-Kamtschatski. «Einige große Fische, Garnelen und
Krabben haben überlebt, aber es waren nicht viele.»

All das beunruhigt Umweltschützer. Die Organisation Greenpeace
spricht von einer ökologischen Katastrophe. Um einen Überblick über
das Ausmaß zu bekommen, ist seit dem Wochenende ein Schiff mit
Wissenschaftlern an der Südseite von Kamtschatka unterwegs. Am Montag
wurde auch eine Unterwasser-Drohne eingesetzt.

Die Küsten sind vor allem bei Surfern beliebt. Sie waren es, die
Mitte September bemerkt haben, dass sich die Farbe des Wassers
veränderte. «Das Wasser riecht nicht nach Ozean, die Robben verhalten
sich unnatürlich. Sie tauchen nicht mehr ab, wenn wir in der Nähe
sind», schrieb Tauchlehrer Anton Morosow bei Instagram.

Surfer klagten dann über Übelkeit und Sehverlust. Mehr als 200
Menschen sollen mit dem verschmutzten Wasser in Kontakt gekommen und
danach krank geworden sein. Den Behörden zufolge haben mehr als zehn
von ihnen Hilfe bei Ärzten gesucht. Die Mediziner diagnostizierten
eine Verätzung der Hornhaut.

«Es gab viele Diskussionen über die Militärübungen vor etwa einem
Monat an den Küsten. Ob alles glatt gelaufen ist oder nicht, wissen
wir nicht», meint Morosow. «Aber es gab Explosionen, wir haben sie
100 Prozent gehört und gespürt.» Immer wieder hatte das russische
Militär neuartige Raketen auf der Halbinsel getestet.

Kamtschatka liegt rund 9000 Kilometer von Deutschland entfernt - bei
zehn Stunden Zeitunterschied. Zu Sowjetzeiten war die Halbinsel
militärisches Sperrgebiet - zugänglich nur mit Sondererlaubnis des
KGB. Die Region mit seinen viele Vulkanen, Bären und seltenen
Vogelarten gehört zum Unesco-Weltnaturerbe.

Es ist nicht der erste Umweltskandal in Russland. Die Liste allein in
diesem Jahr ist schon lang: Im Frühjahr liefen in der Nähe des
Nordpolarmeeres in der Industrieregion Norilsk 21 000 Tonnen Öl auf
dem Gelände eines Heizkraftwerkes aus. Danach gelangten aus einem
anderen Kraftwerk in der Gegend 44,5 Tonnen Kraftstoff in die Umwelt.
Zudem brannte in der Nähe von Norilsk eine Müllkippe mit
Industrieabfällen.

Zwei Mülldeponien in der Nähe von Petropawlowsk-Kamtschatski auf
Kamtschatka gerieten zunächst als Auslöser für das Tiersterben in
Verdacht. Das Institut für Vulkanologie und Seismologie hat aber nach
eigenen Angaben keine Hinweise gefunden. Auch ein Schießplatz der
Armee komme nicht infrage, teilten die Experten am Montag mit. Dort
würden weder Raketentreibstoffe noch Schmierstoffe gelagert.

Die Hauptversion der Behörden für die Verschmutzung sind
mikroskopisch kleine Algen, die Giftstoffe produzieren und deshalb
für den Tod Hunderter Meerestiere verantwortlich sind. Doch das
Misstrauen ist groß. Nachdem der Strand von toten Tieren gereinigt
war, veröffentlichten staatliche Stellen ein Video mit der Botschaft:
Alles ist wieder in Ordnung. Doch schon Tage danach berichtete
Greenpeace von neuen angeschwemmten toten Tieren.

Russlands Umweltminister Dmitri Kobylkin behauptete in der
vergangenen Woche: «Es gibt keine Katastrophe. Niemand ist gestorben
oder verletzt worden.» Die Umweltschützer von WWF sehen das völlig
anders: Zu Wochenbeginn seien an noch mehr Stellen tote Meerestiere
gefunden worden. Sie dringen nun darauf, dass schnell geklärt wird,
warum beispielsweise toten Seeigeln Stachel ausgefallen sind.
Gouverneur Solodow hat bereits um internationale Hilfe gebeten.