Immer mehr Corona-Hotspots - Regierungschefs fordern Party-Verzicht

11.10.2020 04:30

In großen Städten steigen die Corona-Fallzahlen schnell an, immer
mehr Metropolen überschreiten Grenzwerte. Mehrere Ministerpräsidenten
richten drastische Appelle vor allem an junge Leute.

Berlin (dpa) - Immer mehr große Städte in Deutschland werden zu
Corona-Hotspots. Nachdem am Samstagmorgen Köln die Überschreitung der
wichtigen Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in
sieben Tagen gemeldet hatte, folgte am Abend Stuttgart. Auch Berlin,
Frankfurt und Bremen liegen über dieser Schwelle. Deutschlandweit gab
es zum dritten Mal in Folge mehr als 4000 Neuinfektionen binnen eines
Tages. Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete am Samstagmorgen 4721
neue Fälle.

Am Freitag hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den
Oberbürgermeistern der elf größten deutschen Städte über die Lage

beraten. An der Entwicklung in den Ballungsräumen zeige sich, «ob wir
die Pandemie in Deutschland unter Kontrolle halten können oder ob uns
die Kontrolle entgleitet», hatte Merkel betont. Der vereinbarte
Maßnahmenkatalog sieht unter anderem die Entsendung von Experten des
RKI und der Bundeswehr vor, wenn die Schwelle von 35 Neuinfektionen
pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen überschritten wird. Ab 50
Infektionen pro 100 000 Einwohnern soll es neue Beschränkungen geben.
Dazu gehören Erweiterung der Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen,
gegebenenfalls Sperrstunden und Alkoholbeschränkungen für die
Gastronomie sowie Teilnehmerbeschränkungen für Veranstaltungen und
private Feiern.

In Stuttgart meldete das Landesgesundheitsamt am Samstagabend 50,5
Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen. In der
Landeshauptstadt von Baden-Württemberg leben rund 600 000 Menschen.
Die Stadt bereitet derzeit Einschnitte wie die Einführung einer
Sperrstunde, Alkoholkonsum-Beschränkungen und die Maskenpflicht
innerhalb des City-Rings vor. Weiter will die Stadt den
Unterrichtsbeginn an Schulen «entflechten» und Arbeitnehmer zum
Homeoffice ermuntern.

Für die Millionenstadt Köln hatte das NRW-Landeszentrum Gesundheit
die 7-Tage-Inzidenz am Samstag mit 54,8 angegeben. Die Kölner
Stadtverwaltung hatte das Überschreiten der Schwelle erwartet und
deshalb von diesem Samstag an bereits zahlreiche Einschränkungen für
das öffentliche Leben angeordnet.

Auf Straßen und Plätzen darf abends ab 22.00 Uhr kein Alkohol mehr
konsumiert werden. An Wochenenden gilt an Party-Hotspots ein
Verkaufsverbot für Alkohol. Auch dürfen sich nur noch bis zu fünf
Personen aus verschiedenen Haushalten in der Öffentlichkeit treffen.
In Fußgängerzonen müssen die Menschen Masken tragen. Eine Sperrstunde

wie in Berlin werde zunächst aber nicht eingeführt, hatte
Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) am Freitag betont.

In Berlin wurden pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben
Tagen 58,2 Corona-Fälle erfasst, wie am Samstag aus dem
Corona-Lagebericht der Gesundheitsverwaltung hervorgeht. Am
Donnerstag hatte die Hauptstadt den Warnwert erstmals übersprungen.
Seit Samstag müssen hier Restaurants, Bars, Kneipen und die meisten
Geschäfte von 23.00 bis 6.00 Uhr geschlossen sein. Bei privaten
Zusammenkünften in geschlossenen Räumen dürfen nur noch höchstens
zehn Menschen zusammenkommen. Im Freien dürfen sich von 23.00 Uhr bis
06.00 Uhr nur noch fünf Personen versammeln.

Auch in Hamburg gibt es viele Neuinfektionen, mit 38,8 Ansteckungen
je 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche lag die Hansestadt am
Samstag aber noch unter der 50er-Schwelle. Um die Ausbreitung des
Virus abzubremsen, soll aber ab Montag eine verschärfte Maskenpflicht
gelten. In öffentlichen Gebäuden und in Gastronomiebetrieben müsse
dann grundsätzlich ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden, sagte
Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) am Samstag. Auf öffentlichen
Plätzen mit starkem Gedränge sowie auf Demonstrationen und
Großveranstaltungen werde ebenfalls eine Maskenpflicht gelten.

Mehrere Ministerpräsidenten riefen die Bürger eindringlich zu
Achtsamkeit auf. «Es wird langsam gefährlich», sagte Bayerns
Regierungschef Markus Söder (CSU) der «Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung». Corona sei genauso gefährlich wie im Frühjahr. «W
ir
haben fünf vor zwölf. Man darf sich die Lage nicht länger
schönreden», warnte Söder in der «Bild am Sonntag». Der CSU-Chef

machte sich für ein bundeseinheitliches Bußgeld von 250 Euro beim
Verweigern des Tragens von Masken stark. In Bayern gilt dies bereits.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann mahnte in
der «Bild am Sonntag»: «Ich erwarte von den Bürgern, dass sie aus
Verantwortungsbewusstsein nicht mehr alles machen, was sie noch
dürfen». Der Grünen-Politiker fügte hinzu: «Man muss gerade keine

Party bei sich zu Hause oder in der Gaststätte feiern.» Einen
erneuten Lockdown könne sich das Land nicht leisten. «Deshalb ziehen
wir die Schrauben an anderer Stelle an. Partys muss man nicht feiern,
arbeiten und lernen schon.»

Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer appellierte in der «Welt
am Sonntag» ebenfalls an die junge Generation: «Jetzt sind nicht
volle Partys gefragt, sondern Vorsichtsmaßnahmen - und Kontrolle.»
Der CDU-Politiker verteidigte schärfere Regeln. «Wir brauchen jetzt
gewisse Instrumente, um der Lage Herr zu werden. Wir wollen unser
gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben weitgehend erhalten»,
sagte er.