Verluste und Aufwand in Tourismusbranche durch Berliner Corona-Werte

09.10.2020 16:54

Telefone stehen nicht mehr still und Mails häufen sich: Weil in der
Corona-Krise die Einreisebedingungen nach Mecklenburg-Vorpommern für
Berliner verschärft wurden, hat die Tourismusbranche eine Menge
Arbeit. An anderer Stelle droht ihr ein schmerzhafter Rückschlag.

Schwerin/Berlin (dpa/mv) - Die Tourismusbranche
Mecklenburg-Vorpommerns erwartet großen Arbeitsaufwand und hohe
finanzielle Verluste durch die besorgniserregende Corona-Entwicklung
in Berlin. Touristische Anbieter, die in den kommenden Wochen
Besucher aus der Bundeshauptstadt erwarteten, stünden gerade vor
großen Herausforderungen, sagte Tobias Woitendorf, Geschäftsführer
des Landestourismusverbands, der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.
In den Rezeptionen sei sehr viel zu tun, um individuelle Lösungen für
Menschen zu finden, die nicht mehr zu den gebuchten Unterkünften in
Mecklenburg-Vorpommern anreisen könnten.

«Der Krisenmodus, den wir im Frühjahr hatten, kehrt so ein bisschen
zurück in der Branche.», berichtete Woitendorf. Der Tourismusverband
habe hochgerechnet, dass in den Berliner Herbstferien 2020 rund
150 000 Urlauber aus der Bundeshauptstadt nach Mecklenburg-Vorpommern
gekommen wären. Das Ausbleiben dieser Gäste bedeute für die gesamte
Tourismusbranche im Land voraussichtlich einen finanziellen Verlust
von bis zu 50 Millionen Euro. Die Buchungslage sei im Oktober, wie im
Vormonat September, gut gewesen - die Branche habe mit einem guten
Geschäft gerechnet.

«Die Telefone in unserer zentralen Vermittlung haben schon am
Donnerstag sehr oft geklingelt.», sagte Petra Sowada aus der
Verkaufsabteilung der Seetel Hotels, die auf der Ostseeinsel Usedom
16 Objekte mit mehr als 1000 Betten betreibt. Viele Gäste würden
normalerweise in den Berliner Herbstferien aus der Hauptstadt
anreisen. «Natürlich ist jetzt die Enttäuschung groß!», bilanzier
te
Sowada am Freitag nach zahlreichen Telefonaten mit Gästen, die
vertröstet werden mussten. «Größtenteils haben die meisten Gäste
die
Möglichkeit einer Umbuchung oder eines Gutscheins wahrgenommen. Aber
wir haben natürlich auch eine Stornierungswelle erlebt.»

«Bei uns sind es bis zu 15 Prozent Berliner Gäste», rechnete der
Geschäftsführer des Strandhotels Binz auf Rügen, Michael Müller, vo
r:
«Die Leute, die gebucht haben, sind verunsichert. Und wir müssen
ihnen dann leider die schlechten Nachrichten überbringen, dass sie
nicht kommen können.» Im Urlaub in Quarantäne zu gehen, was für
Berliner Gäste möglich wäre, sei für viele nicht sinnvoll.

Im Ostseebad Boltenhagen machen Berliner statistisch gesehen etwa
fünf Prozent der Urlauber aus, deutlich weniger als beispielsweise
auf der Insel Usedom. Trotzdem bedeute die aktuelle Lage einen großen
Aufwand für die Mitarbeiter im Tourismus, berichtete der
Bürgermeister der Gemeinde, Raphael Wardecki: «Man muss auch schauen,
wie sich das entwickelt. In einigen Regionen Nordrhein-Westfalen
sieht es ja gerade auch kritisch aus. Das werden noch ein paar
unübersichtliche Wochen.»

Wirtschaftsminister Harry Glawe sagte, er könne die Sorgen der
Hoteliers und des Gastgewerbes nachvollziehen: «Die Tourismusbranche
begann gerade, sich zu erholen nach dem Corona-Einbruch. Die gesamte
Branche hat mit viel Engagement und ausgereiften Hygienekonzepten
dazu beigetragen, dass ein sicherer Tourismus möglich war.» Umso
härter treffe es sie jetzt, dass Berliner Gäste derzeit nicht kommen
könnten, so der CDU-Politiker. Die Landesregierung habe aber
beschlossen, dass Gäste aus einem Risikogebiet nur dann einreisen
können, wenn ein negativer Covid-19-Test vorliegt und sie sich
anschließend in Quarantäne begeben.

Woitendorf sprach sich aufgrund der aktuellen Lage erneut für
bundesweit einheitliche Regelungen zu Corona-Risikogebieten aus:
«Dann führen solche Situationen, die ja immer wieder kommen können,
nicht zu so vielen Schwierigkeiten, Unsicherheiten und Nachfragen.»

Am Donnerstagnachmittag war bekannt geworden, dass in Berlin die Zahl
der gemeldeten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb der
vergangenen sieben Tage die kritische Marke von 50 überschritten hat.
Regionen, in denen dieser Wert überschritten wird, gelten als
Risikogebiet. In den kommenden beiden Wochen haben die Berliner
Schüler Herbstferien.

Theoretisch können Touristen aus Berlin oder anderen Gebieten, die
den Wert von 50 Corona-Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen
pro 100 000 Einwohner überschritten haben, dennoch nach MV einreisen.

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern reicht es jedoch in
Mecklenburg-Vorpommern nicht, wenn Gäste aus Corona-Risikogebieten
zur Einreise einen maximal 48 Stunden alten negativen Virus-Test
vorlegen. Unabhängig davon müssen sie laut Corona-Landesverordnung
auch eine 14-tägige Quarantäne antreten, die nur bei einem zweiten
negativen Test nach fünf bis sieben Tagen vorzeitig beendet werden
kann.