Expedition der Superlative - «Polarstern» kehrt aus der Arktis zurück Von Janet Binder, dpa

11.10.2020 04:00

Über ein Jahr lang war der Eisbrecher «Polarstern» unterwegs. In der

Zentralarktis driftete er mit einer großen Eisscholle mit. Am Montag
kehrt das Forschungsschiff nach Bremerhaven zurück. Mit dabei: viele
wertvolle Daten - und Erinnerungen an eine abenteuerliche Zeit.

Bremerhaven (dpa) - Wenn am Montag (12. Oktober) das deutsche
Forschungsschiff «Polarstern» nach einem Jahr in der Arktis in seinen

Heimathafen Bremerhaven zurückkehrt, wird auch Expeditionsleiter
Markus Rex an Bord sein. Der Atmosphärenphysiker hat drei von fünf
Etappen der «Mosaic»-Expedition begleitet und war somit mit am
längsten an Bord. Hinter ihm und seinem Team liegt eine der
abenteuerlichsten Fahrten in der Geschichte der Arktis-Forschung, die
am 20. September 2019 in Norwegen begann - und die wegen der
Corona-Pandemie zeitweise auf der Kippe stand.

Zehn Monate lang driftete die «Polarstern» angedockt an eine riesig
e
Eisscholle durch die Arktis. Den gesamten Eiszyklus vom Gefrieren bis
zur Schmelze zu beobachten, zu messen und zu dokumentieren - das
konnten die Wissenschaftler so zum ersten Mal. Sie versprechen sich
von den gewonnenen Daten wichtige Erkenntnisse über das
Nordpolarmeer - und über den Klimawandel. Kaum eine Region auf der
Erde bekommt ihn so deutlich zu spüren wie die Arktis. 

Nach dem Zerbrechen der Scholle Ende Juli in der sommerlichen Arktis
führte die letzte Etappe die «Polarstern» unter Motor noch einmal

Richtung Nordpol. Was Rex da gesehen hat, hat ihn entsetzt: «Das Eis
am Nordpol war völlig aufgeschmolzen, bis kurz vor dem Pol gab es
Bereiche offenen Wassers.» Dort, wo normalerweise dichtes,
mehrjähriges Eis war, sei die «Polarstern» in Rekordzeit
durchgefahren. «Wir haben dem Eis beim Sterben zugeschaut», sagt
Rex. 

Es ist eines der Erlebnisse, die ihm und seinem Team in Erinnerung
bleiben werden von einer Fahrt der Superlative. Mit 140 Millionen
Euro Budget war es die bisher teuerste und logistisch aufwendigste
Expedition in die zentrale Arktis. Fast 500 Menschen aus allen Ecken
der Welt waren etappenweise an Bord. Rex, der für das
Alfred-Wegener-Institut (AWI) arbeitet, fühlte sich für das
Wohlergehen aller verantwortlich. Er ist nun froh, dass die Reise
ohne größere Blessuren zu Ende geht. Das Schlimmste sei ein Beinbruch
eines Kollegen gleich am Anfang an Bord gewesen. Dazu kamen kleinere
Erfrierungen im Gesicht bei einigen Teilnehmern - bei bis zu minus 42
Grad nichts Ungewöhnliches. «Die verheilten aber problemlos», sagt

Rex.

Dabei hätte viel passieren können. Begegnungen mit Eisbären gab auf
der Scholle viele. An eine besonders brenzlige erinnert sich
Rex: «Der Bär war nur noch 40 Meter vom Eisbärenwächter entfernt.
»
Dem Wächter gelang es erst mit einem Schuss knapp über den
Eisbärenkopf, das Tier zu verjagen. Damit die Wissenschaftler in Ruhe
ihrer Arbeit nachgehen konnten, sicherten Wächter die
Scholle permanent ab. Meist vertrieb bereits Lärm die vierbeinigen
Gäste.

Am Abend des 10. Oktober 2019 war AWI-Fotografin Esther Horvath bei
einem solchen Besuch an Bord. Vom Bug der «Polarstern» aus
fotografierte sie eine Eisbärenmutter und ihr Junges, die das
Forschungscamp erkundeten. «Ich hatte schon in dem Moment das Gefühl,

dass es ein wichtiges Foto sein wird», erzählt sie. Tatsächlich
gewann das Bild den renommierten «World Press Photo Award» in der
Kategorie «Umwelt». 

Auch andere Tiere kamen zu Besuch. Christian Haas, Fahrtleiter
der zweiten Etappe, erinnert sich: «Ein kleiner, niedlicher
Polarfuchs hätte fast das ganze Projekt zum Scheitern gebracht, weil
er mit Vorliebe Strom- und Datenkabel auf dem Eis angeknabbert hat
und sich nicht vertreiben lassen wollte.»

Noch stärker als die Tiere beeindruckte Fotografin Horvath die
Polarnacht. «Dieses tiefe Schwarz hat mich jeden Tag aufs Neue
fasziniert, das war magisch», sagt sie. Von Mitte Oktober vergangenen
Jahres an war es durchgehend dunkel. «Auf der Scholle wurde im Licht

der 'Polarstern' und der Kopflampen gearbeitet. Ich habe mich ständig
wie in einer Kinoszene gefühlt.»

Als die Sonne im März langsam zurückkehrte, war Horvath nicht mehr an
Bord. Miterlebt hat das aber Geophysiker Haas. Für ihn war das
Einsetzen der «nautischen Dämmerung» beeindruckend: «Weil sich di
eser
fahle Lichtschein in der Nähe des Nordpols innerhalb eines Tages um
den kompletten Horizont um uns herumdreht, kann man erahnen, dass die
Erde eine Kugel ist.»

Christian Pilz, Atmosphärenphysiker am Leibniz-Institut für
Troposphärenforschung in Leipzig, hat das Gegenteil der Nacht erlebt:
den Polartag. Er war im Sommer zwei Monate an Bord und hatte wegen
der durchgängigen Helligkeit und Temperaturen um null Grad gute
Arbeitsbedingungen. «In unseren roten Sicherheitsanzügen war es fast

zu warm.» Pilz und seine Kollegen ließen einen Fesselballon von der

Größe eines Linienbusses in bis zu 1000 Meter Höhe aufsteigen, um

dort atmosphärische Parameter wie Turbulenz, Strahlung und
Feinstaubkonzentration zu messen. 

Eigentlich hatte Pilz schon zwei Monate früher an Bord sein sollen.
Doch mit dem Beginn der Corona-Pandemie war zunächst unklar, ob die
«Mosaic»-Expedition fortgesetzt werden kann. Wegen der
Reisebeschränkungen war der vorgesehene Austausch des Teams an Bord
per Flugzeug nicht möglich. Stattdessen fuhren schließlich zwei
Forschungsschiffe mit Wissenschaftlern von Bremerhaven aus los.
Die «Polarstern» unterbrach ihre Drift, die Mannschaften konnten in
Spitzbergen ausgetauscht werden. Die «Polarstern» kehrte zurück an
ihre Scholle und setzte die Drift fort. 

Leiter Markus Rex ist mehr als zufrieden mit dem Verlauf der
Expedition. «Nicht mal Corona hat uns aus der Bahn geworfen», betont
er. «Während der Abwesenheit der 'Polarstern' haben wichtige
Messinstrumente autonom auf der Scholle weitergearbeitet.» In dem
gesamten Jahr seien unzählige Proben und Daten von Eis, Schnee,
Wasser und Luft gesammelt worden. «Die werden noch künftige
Generationen von Wissenschaftlern beschäftigen.»

Neben der vielen Arbeit gab es dabei auch Zeit für Spieleabende,
Sport und Feste. Nicht nur Weihnachten wurde an Bord gefeiert,
sondern auch Geburtstage, so wie der von Markus Rex im November. Auf
der Scholle wurde eine Eisbar aufgebaut, bei minus 30 Grad gab es
Glühwein. Rex: «Der erste Schluck ist noch warm, der zweite kalt und

der dritte ist Eis.»