Corona-Hotspot Berlin: Ist die Party bald zu Ende? Von Stefan Kruse, dpa

06.10.2020 19:50

Berlin gilt als Metropole zum Feiern und Ausgehen. Das ging auch in
der Corona-Krise lange gut. Doch nun ändert sich das Bild.

Berlin (dpa) - In Berlin steppt der Bär, wird über die bunte Kultur-,
Musik- und Clubszene in der Hauptstadt gerne gesagt. Auch gerne mal
ohne Ab- und Anstand, muss man in Zeiten der Corona-Pandemie
hinzufügen. Polizei und Ordnungsämter mühen sich redlich, führen
«Schwerpunktkontrollen» in der Gastronomie durch oder lösen Partys
auf. Allerdings werden sie der urbanen Feierwut, die sich in Berlin
noch nie besonders stark an Regeln orientierte, nicht Herr.

Und so sind private Feste zu Hause oder in Kneipen und illegale
Partys in Parks, bei denen reichlich Alkohol fließt und vor allem
jüngeren Leuten alles egal zu sein scheint, laut Behörden
mittlerweile Haupt-Infektionsherde. Maske? Mindestabstand? Was war
das noch gleich? Was im Sommer mit niedrigen Infektionszahlen noch
weitgehend gut ging, ist nun zum Problem geworden: Berlin gilt
bundesweit als Corona-Hotspot mit einem aktiveren Infektionsgeschehen
als zu Beginn der Pandemie im Frühjahr.

«Da sind einige Hundert, die unsere Erfolge der gesamten
Stadtgesellschaft der letzten Monate gefährden», kritisiert Berlins
Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) - und geißelt das
«feierwütige Volk». Die Entwicklung setzt den rot-rot-grünen Senat

unter Handlungsdruck, zumal zuletzt wiederholt Bundespolitiker das
Bild einer Hauptstadt zeichneten, die fahrlässig mit der Pandemie
umgehe und Regeln nicht durchsetze. «Es muss in Berlin was
passieren», wurde etwa Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor rund einer
Woche von Teilnehmern einer Videoschalte des CDU-Präsidiums zitiert.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kann nicht verstehen, dass
in Berlin große Partys möglich seien und es Restaurants gebe, wo man
mit Maske angeguckt werde, als wäre man «vom Mond». Bei der
Durchsetzung der Regeln gehe «noch mehr», befand er erst am Montag.
Ein paar Tage zuvor hatten er und Verteidigungsministerin Annegret
Kramp-Karrenbauer (CDU) öffentlich den Kopf darüber geschüttelt, dass

der grün-linksalternativ geprägte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg
keine Hilfe der Bundeswehr bei der Kontaktverfolgung zulässt - obwohl
er zu denen mit den meisten Corona-Neuinfektionen gehört.

Die so Gescholtenen im Senat wollen sich den Schuh eines schludrigen
Umgangs mit der Seuche nicht anziehen. «Ich weiß, dass Berlin etwas
zu tun hat, und ich finde, wir alle müssen auf allen Ebenen besser
werden», sagte Müller. «Aber keiner hat das Recht, mit dem Finger auf

andere zu zeigen.» Der SPD-Mann hat gerade den Vorsitz der
Ministerpräsidentenkonferenz übernommen und will im Kreis seiner
Länderkollegen nicht als Corona-Lachnummer wahrgenommen werden. Auch
deshalb machten er und Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) bei
den Koalitionspartnern Druck, Maßnahmen zu beschließen.

So gelten in Berlin seit vergangenem Wochenende neue Beschränkungen:
Private Feiern im Freien mit mehr als 50 Teilnehmern sind verboten.
In geschlossenen Räumen gilt eine Obergrenze von 25 Teilnehmern. Neu
ist auch eine - bundesweit einmalige - Maskenpflicht in Bürogebäuden.
Am Dienstag legte der Senat nun nach: Ab nächsten Samstag müssen die
meisten Geschäfte sowie alle Restaurants und Bars von 23.00 Uhr bis
6.00 Uhr schließen - damit nachts kein Alkohol mehr unters Volk
gebracht wird. Im Freien dürfen sich nachts nur noch fünf Personen
oder Menschen aus zwei Haushalten versammeln. An privaten Feiern in
geschlossenen Räumen dürfen nur noch maximal 10 Personen teilnehmen.

Hintergrund der Beschlüsse ist ein Kriterium, das bei der Bewertung
des Infektionsgeschehens große Bedeutung hat: Die Zahl der
Neuinfektionen je 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen.
Dieser Wert klettert in Berlin schon länger und betrug am Dienstag
44,2. Im Ländervergleich liegt Berlin damit vorn. Auch beim etwas
aussagefähigeren Vergleich mit anderen großen Metropolen wie München,

Hamburg oder Köln hat Berlin einen hohen Wert - in Frankfurt/Main
indes ist er höher (47,1). In anderen urbanen Zentren gibt es
ähnliche Probleme mit dem Infektionsgeschehen wie in der Hauptstadt.

Was bei der Politik die Alarmglocken jedoch noch lauter schrillen
lässt, sind Daten für die Berliner Bezirke. In Neukölln schnellte der

Wert laut Gesundheitsverwaltung auf derzeit 87,3 Neuinfektionen pro
100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen hoch. In zwei weiteren
Bezirken - Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte - liegt er über 60, in
Tempelhof-Schöneberg weit über 50. Das ist der kritische Grenzwert,
der in der Corona-Pandemie bei der Entscheidung über zusätzliche
Infektionsschutzmaßnahmen eine wichtige Rolle spielt.

Folge: In Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz gilt eine 14-tägige
Quarantänepflicht für rund 1,3 Millionen Einwohner aus diesen
Berliner Bezirken, sollten sie einreisen. Denn das Robert Koch
Institut listet in seinen Übersichten - im Unterschied zu anderen
Großstädten - Berliner Bezirke als einzelne Kommunen auf. Damit
stehen viele Urlaubsreisen in den bevorstehenden Herbstferien auf der
Kippe. Allerdings stellte die Kieler Regierung nun Änderungen bei der
Ausweisung inländischer Risikogebiete an.