Medizin-Nobelpreis an Entdecker des Hepatitis-C-Virus

05.10.2020 13:40

Sie entdeckten einen potenziell tödlichen Erreger und machten
Blutspenden wesentlich sicherer: Drei Virusforscher erhalten den
Medizin-Nobelpreis. Millionen Menschen verdanken ihnen ihr Leben.

Stockholm (dpa) - Für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus bekommen
Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton (Großbritannien) und Charles
M. Rice (USA) in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin. Das teilte
das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Dank der
Entdeckungen der drei Preisträger könnten die vom Virus verursachten
Erkrankungen der Leber inzwischen geheilt werden, hieß es vom
Nobelkomitee. Der Preis gehe «an drei Forscher, die einen
maßgeblichen Anteil am Kampf gegen die durch Blut übertragene
Hepatitis geleistet haben».

Die Krankheit sei ein großes globales Gesundheitsproblem und
verursache bei Menschen rund um den Globus Zirrhose und Leberkrebs,
hieß es weiter. Nach WHO-Angaben sterben jährlich weltweit fast
400 000 Menschen infolge einer Hepatitis-C-Infektion, 71 Millionen
Menschen sind chronisch infiziert. Europa gehört zu den stark
betroffenen Regionen.

Der 1935 in New York geborene Harvey J. Alter zeigte zunächst, dass
ein bis dato unbekanntes Virus eine chronische Hepatitis auslösen
kann. Dem 1949 geborenen Briten Michael Houghton gelang es, das Genom
des neuen Virus zu isolieren. Es bekam den Namen Hepatitis-C-Virus.
Charles M. Rice, 1952 in Sacramento (USA) geboren, lieferte
schließlich den Beweis dafür, dass das Hepatitis-C-Virus allein
Hepatitis verursachen kann.

Unter Hepatitis versteht man allgemein eine Entzündung der Leber. Sie
kann auch Folge von Alkoholmissbrauch, Umweltgiften oder einer
Autoimmunerkrankung sein, wird in den meisten Fällen aber von Viren
hervorgerufen. Das Hepatitis-A-Virus wird meist über verunreinigtes
Wasser oder Lebensmittel übertragen, Hepatitis B und C hingegen über
Blut. Heute kennt man noch zwei weitere Hepatitis-Varianten, D und E.

Dank der Entdeckung des Hepatitis-C-Virus gebe es heute
hochempfindliche Bluttests zum Nachweis des Erregers, schreibt das
Nobelkomitee in seiner Begründung für die Preisvergabe. In der Folge
kämen Infektionen nach Bluttransfusionen in vielen Ländern der Welt
heute praktisch nicht mehr vor. Auch die Entwicklung antiviraler
Medikamente sei ohne die Entdeckung des Erregers nicht möglich
gewesen. Hepatitis C ist heute grundsätzlich gut zu behandeln, aber
bei weitem nicht alle Betroffenen weltweit haben Zugang zu einer
Therapie. Eine effektive Impfung gegen das Virus gibt es noch nicht.

Die Erforschung der Hepatitis-Erreger hat bereits vielen
Wissenschaftlern Ruhm und Ehre eingebracht - auch einem deutschen.
Der Heidelberger Virologe Ralf Bartenschlager bekam 2016 den
renommierten Lasker-Preis für klinisch-medizinische Forschung. Ihm
war es gelungen, das Virus im Labor zu vermehren. Den Preis erhielt
Bartenschlager gemeinsam mit dem jetzigen Nobelpreis-Träger Charles
M. Rice. Dass der Deutsche am Montag nicht auf der Liste der
Nobelpreis-Träger stand, stieß bei Fachkollege Michael Manns von der
Medizinischen Hochschule Hannover auf Bedauern: «Die Auszeichnung ist
absolut verdient und überfällig. Ich hätte mir gerne noch einen
vierten Preisträger gewünscht, Ralf Bartenschlager aus Heidelberg. Er
hätte es auch absolut verdient.»

Auch Alter und Houghten sind für ihre Hepatitis-Forschung bereits mit
dem Lasker-Preis geehrt worden. Der US-Forscher Baruch Blumberg
wiederum erhielt 1976 den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung des
Hepatitis-B-Virus.

In Deutschland sind vor allem Menschen von Hepatitis C betroffen, die
sich Drogen spritzen. Denn das Virus kann durch gemeinsames Benutzen
von Spritzbesteck und Zubehör übertragen werden. Studien zufolge
seien zwischen 37 und 75 Prozent der Menschen in Deutschland, die
sich Drogen spritzen, mit dem Erreger infiziert, heißt es beim Robert
Koch-Institut (RKI). Selten wird der Erreger nach Angaben der
Deutschen Aidshilfe auch beim Sex übertragen. Das betreffe vor allem
Männer, die Sex mit Männern haben. In Deutschland erkrankten laut RKI

im Jahr 2019 knapp 6000 Menschen, insgesamt sind schätzungsweise 250
000 Menschen infiziert.

Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist in diesem Jahr mit zehn
Millionen schwedischen Kronen (rund 950 000 Euro) dotiert, eine
Million Kronen mehr als im Vorjahr.

Seit 1901 haben 219 Menschen den Medizin-Nobelpreis erhalten,
darunter 12 Frauen. Der erste ging an den deutschen Bakteriologen
Emil Adolf von Behring für die Entdeckung einer Therapie gegen
Diphtherie. Vor 25 Jahren bekam als erste deutsche Frau Christiane
Nüsslein-Volhard diese Auszeichnung.

Im vergangenen Jahr erhielten William Kaelin (USA), Peter Ratcliffe
(Großbritannien) und Gregg Semenza (USA) den Preis. Sie hatten
entdeckt, wie Zellen den Sauerstoffgehalt wahrnehmen und sich daran
anpassen.

Mit dem Medizin-Preis startete der Nobelpreis-Reigen. Am Dienstag und
Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Preises
benannt. Am Donnerstag wird bekanntgegeben, wer den diesjährigen
Literatur-Nobelpreis erhält und am Freitag der Träger des
diesjährigen Friedensnobelpreises. Die Reihe der Bekanntgaben endet
am folgenden Montag, 12. Oktober, mit dem von der schwedischen
Reichsbank gestifteten sogenannten Wirtschafts-Nobelpreis.

Die feierliche Vergabe aller Auszeichnungen findet traditionsgemäß am
10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.