Trump nach Corona-Infektion: Die «wahre Prüfung» kommt erst noch

04.10.2020 12:29

«Ich werde bald zurück sein», kündigt Trump vom Krankenhaus aus an
-
nach einem Tag, der von Verwirrung und widersprüchlichen Aussagen zu
seinem Gesundheitszustand geprägt war. Die entscheidenden Stunden
stehen wohl erst noch bevor.

Washington (dpa) - US-Präsident Donald Trump hat nach einer
Corona-Infektion die zweite Nacht in Folge in einem
Militärkrankenhaus verbracht. In einer Videobotschaft aus dem
Krankenhaus sagte der 74-Jährige: «Ich fange an, mich wieder gut zu
fühlen.» Doch «die wahre Prüfung» komme erst noch. Auch vom Leiba
rzt
gab es keine Entwarnung: «Während er noch nicht über den Berg ist,
bleibt das Team vorsichtig optimistisch», erklärte Arzt Sean Conley
in der Nacht zum Sonntag. Die Stunden zuvor waren geprägt von
widersprüchlichen Aussagen zu Trumps Gesundheitszustand, zum
Zeitpunkt der positiven Corona-Diagnose und zur Behandlung.

Von einem «Glaubwürdigkeitsproblem» des Weißen Hauses und «Fragen

über die Fähigkeit der Regierung, die Wahrheit zu sagen», sprach etwa

der Sender CNN. Die Verwirrung um Trumps Zustand sorgte für weitere
Turbulenzen im ohnehin chaotischen Wahljahr. In knapp einem Monat, am
3. November, stellen sich Trump und sein demokratischer
Herausforderer Joe Biden zur Wahl.

Nach den Angaben von Arzt Conley hat Trump «erhebliche» Fortschritte
seit seiner Corona-Diagnose gemacht. Er habe kein Fieber mehr und
brauche keinen zusätzlichen Sauerstoff. Die Sauerstoffsättigung von
Trumps Blut habe zuletzt bei 96 bis 98 Prozent gelegen. Das ist ein
wichtiger Wert: Wenn Covid-19 die Lunge angreift, wird der Körper
schlechter mit Sauerstoff versorgt.

Darüber hinaus habe Trump ohne Komplikationen eine zweite Dosis des
Medikaments Remdesivir erhalten. Es hemmt ein Enzym der Viren, das
für deren Vermehrung nötig ist. Der Arzt hatte zuvor eine fünftägig
e
Behandlung Trumps mit dem Mittel in Aussicht gestellt. Außerdem habe
Trump bereits gearbeitet und sich ohne Schwierigkeiten in seinem
Quartier im Krankenhaus, zu dem auch Büroräume gehören, bewegt.

Das Weiße Haus veröffentlichte Bilder, auf denen zu sehen war, wie
Trump von einem Schreibtisch und einem Konferenztisch in der Klinik
aus Dokumente bearbeitete. Auf einem der Bildern trug er dabei einen
Anzug ohne Krawatte, auf dem anderen ein weißes Hemd. Der Präsident
vermittelte Zuversicht: «Ich denke, ich werde bald zurück sein»,
sagte er in der Videobotschaft.

Trump war am Freitagabend per Hubschrauber in das Militärkrankenhaus
Walter Reed nördlich von Washington geflogen worden. Nach
CNN-Informationen habe er zunächst gezögert, sich in der Klinik
behandeln zu lassen. Unter Berufung auf informierte Kreise berichtete
der Sender, Trumps Berater mussten ihn im Weißen Haus erst davon
überzeugen, an Bord der Marine One zu steigen. Trump habe vermeiden
wollen, ernsthaft krank zu erscheinen. Hochrangige
Regierungsmitarbeiter entschieden den Angaben zufolge, Trump erst
nach Börsenschluss ins Krankenhaus zu bringen, um einen Absturz der
Aktienkurse zu vermeiden.

Wie die «New York Times» unter Berufung auf mehrere Ärzte schrieb,
beträgt die kritische Zeitspanne nach einer Corona-Infektion, in der
sich der Zustand eines Patienten verschlechtern kann, etwa sieben bis
zehn Tage. Trumps Behandlung ziele darauf ab, einen schweren
Krankheitsverlauf zu verhindern. Gleichzeitig sei sie ein Hinweis
darauf, dass der Zustand des Präsidenten möglicherweise nicht immer
so gut war, wie seine Ärzte offiziell berichteten, hieß es weiter.

Am Samstag war die Verwirrung über Trumps Zustand groß: Erst
zeichneten Conley und sein Ärzteteam ein positives Bild. Wenige
Minuten später hieß es unter Berufung auf eine informierte Person:
«Wir befinden uns noch immer nicht auf einem klaren Weg zu einer
vollständigen Genesung.» Die nächsten 48 Stunden seien entscheidend.

Die anonyme Quelle war laut Medienberichten Stabschef Mark Meadows.

Im TV-Sender Fox News bestätigte Meadows dann, dass Trumps
Corona-Infektion einen schwereren Verlauf genommen hatte als zunächst
dargestellt. «Gestern waren wir wirklich besorgt», sagte Meadows am
Samstagabend. «Er hatte Fieber, die Sauerstoffsättigung seines Bluts
war rapide gefallen.»

Nach Medienberichten wurde Trump am Freitag im Weißen Haus
zusätzlicher Sauerstoff zugeführt, bevor er ins Krankenhaus geflogen
wurde. Das Weiße Haus hatte am Freitag noch betont, dass Trump nur
leichte Erkrankungssymptome habe und nur als Vorsichtsmaßnahme in die
Klinik gebracht worden sei. Trump wurde nach offiziellen Angaben am
Donnerstag positiv auf das Coronavirus getestet. Trumps Arzt Conley
wich einer genauen Antwort auf die Frage aus, ob Trump zusätzlich
Sauerstoff erhalten habe.

Trump verteidigte in seiner Videobotschaft seine Vorgehensweise in
den vergangenen Monaten, in denen er viele öffentliche Auftritte und
Wahlkampfreisen absolvierte - und dabei oft auf Vorsichtsmaßnahmen
wie das Tragen einer Maske verzichtete. «Ich hatte keine Wahl, ich
konnte nicht einfach nur im Weißen Haus bleiben», sagte er. Mit Blick
auf die US-Präsidentenwahl sagte er, er wolle «den Wahlkampf so
abschließen, wie er begonnen hat».

Nach Trumps Ansteckung richtet sich der Fokus insbesondere auf eine
Veranstaltung mit dem Präsidenten, bei der viele der nun Infizierten
waren: Die Vorstellung der konservativen Juristin Amy Coney Barrett
als Kandidatin für den freien Posten am Supreme Court vor einer Woche
im Rosengarten des Weißen Hauses. Mehr als 100 Menschen kamen dort
zusammen. Teilnehmer umarmten sich und schüttelten Hände, nur wenige
aber trugen Masken oder hielten Abstand, wie auf Fotos zu sehen ist.

Es scheine «sehr wahrscheinlich», dass die Häufung der Infektionen
bei republikanischen Spitzenvertretern auf dieses Event zurückgeht,
sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter CNN. Bei mindestens sieben
Teilnehmern seien Tests positiv ausgefallen: Neben dem Präsidenten
und First Lady Melania Trump auch bei der früheren Trump-Beraterin
Kellyanne Conway, den Senatoren Mike Lee und Thom Tillis, dem
Präsidenten der katholischen Universität Notre Dame, John Jenkins,
und einem Reporter.

Darüber hinaus wurde mittlerweile auch bekannt, dass sich unter
anderem auch der frühere Gouverneur von New Jersey, Chris Christie,
sowie Trumps Wahlkampfchef, Bill Stepien und der Senator Ron Johnson
mit dem Virus angesteckt haben. Der positive Test von Trump-Beraterin
Hope Hicks am Donnerstag hatte zahlreiche Tests im Umfeld des
Präsidenten nach sich gezogen.

Solange Trump als Wahlkämpfer ausfällt, sollen seine Kinder und
Vizepräsident Mike Pence für ihn einspringen. Trumps Wahlkampfteam
rief dafür am Wochenende die «Operation MAGA» aus - in Anlehnung an
das Motto «Make America Great Again», mit dem es Trump vor vier
Jahren ins Weiße Haus geschafft hatte. Pence soll am 8. Oktober einen
ersten Wahlkampfauftritt für Trump in Peoria in Arizona absolvieren.
Für den Tag davor ist seine TV-Debatte mit der demokratischen
Vize-Kandidatin Kamala Harris in Salt Lake City angesetzt.

Herausforderer Biden will als Zeichen Transparenz die Ergebnisse
seiner Corona-Tests künftig veröffentlichen. «Vizepräsident Biden
wird regelmäßig getestet, und er wird das Ergebnis eines jeden Tests
veröffentlichen», erklärte ein Sprecher von Bidens Wahlkampfteam,
Andrew Bates, am Samstag. Der 77-Jährige war zuletzt am Freitag
negativ getestet worden. Ein weiterer Corona-Test ist nach Angaben
des Senders CNN am Sonntagvormittag geplant.