Mysterium Afrika: Warum hat der Kontinent so wenig Corona-Tote? Von Gioia Forster, dpa

04.10.2020 10:07

Die Corona-Pandemie ist in Afrika nicht so schwer verlaufen, wie
befürchtet. Forscher versuchen nun zu verstehen, warum. Die junge
Bevölkerung ist ein Grund, der Rest ist noch ein Rätsel. Doch Afrika
bietet womöglich den Schlüssel, um das Coronavirus zu verstehen.

Nairobi (dpa) - Die Corona-Prognosen für Afrika waren zu Beginn der
Pandemie katastrophal: Eine rasante Ausbreitung, kollabierende
Gesundheitssysteme, Hunderttausende Tote wurden vorhergesagt. Doch
ein halbes Jahr später ist klar, dass der Kontinent epidemiologisch
nicht so hart getroffen wurde, wie befürchtet. «Afrika hatte seine
eigene Pandemie», sagte jüngst Mark Woolhouse von der Universität
Edinburgh. Die junge Bevölkerung ist dabei ein wichtiger Faktor -
doch Experten rätseln noch immer über etliche andere Gründe, warum
Afrika dem Allerschlimmsten bislang entkommen ist.

Der Kontinent hat bisher rund 1,48 Millionen Covid-19-Fälle
verzeichnet. Weil viele Länder noch immer nicht ausreichend testen,
dürfte die Dunkelziffer sehr hoch liegen. Wie hoch, dafür geben
einige Antikörper-Studien Hinweise: Wissenschaftler einer Studie
in Kenia etwa schätzten, dass etwa 1,6 Millionen Kenianer
Corona-Antikörper hatten - im Gegensatz zu den rund 39 000
Corona-Fällen, die das Land offiziell verzeichnet hat.

Warum hat Afrika dann mit etwa 36 200 Covid-Toten eine
vergleichsweise niedrige Sterberate? Zwar werden sicher viele
Todesfälle nicht diagnostiziert oder verzeichnet, gestehen Politiker
und Forscher ein. Gäbe es aber einen sehr großen Anstieg an
ungeklärten Todesfällen, würde man es merken, meint Pathologin Anne
Barasa von der Universität von Nairobi. In Kenia etwa «gebe es keine
Berichte von mehr Todesfällen und auch Gemeinden haben das nicht
gemeldet».

Forscher sind sich einig: Das Alter der Menschen in Afrika spielt
eine große Rolle. «In den meisten afrikanischen Ländern sind nur rund

drei Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt», erklärt Matshidiso

Moeti, die Afrika-Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In
Deutschland sind es etwa 18 Prozent. Inzwischen ist bekannt, dass vor
allem ältere Menschen an Covid-19 sterben. Das liegt laut Barasa
unter anderem daran, dass mit zunehmenden Alter Krankheiten wie
Diabetes steigen und das Immunsystem schwächer wird.

Doch dies reicht als Erklärung nicht aus. Wissenschaftler der
Universität Dakar (Senegal) und der Universität Leiden (Niederlande)
haben ausgerechnet, dass anhand der Demografie die Sterberate in
Afrika viermal so klein sein sollte wie in Europa oder den USA -
nicht 40-mal, wie sie es sei.

Zunehmend finden Forscher heraus, dass genetische Unterschiede ein
Faktor sind. Einer Studie im Fachjournal «Nature» zufolge gibt es
einen möglichen Zusammenhang zwischen dem uralten Neandertaler-Erbe
in unserem Erbgut und schweren Verläufen von Covid-19. Menschen mit
dieser Genvariante haben demnach ein höheres Risiko, bei einer
Corona-Infektion künstlich beatmet werden zu müssen. Diese
Genvariante finde sich häufig bei Menschen in Südasien und Europa -
in Afrika komme sie aber so gut wie gar nicht vor. Allerdings kann
auch die Genetik nicht ausschlaggebend sein.

Die Lebensbedingungen in Afrika spielen sicherlich eine Rolle. «Das
Virus wird nicht leicht draußen übertragen», sagt Francisca Mutapi
von der Universität Edinburgh. Und in Afrika verbringe ein großer
Teil der Bevölkerung seine Zeit im Freien. Außerdem ist Afrika viel
weniger vernetzt und die Menschen sind nicht so mobil wie in Europa,
so verbreitet sich das Virus weniger leicht.

Für die Parasitologin Maria Yazdanbakhsh ist das Immunsystem
entscheidend - und wie es durch die Umwelt beeinflusst wird. «Ich
glaube, da finden wir den Schlüssel», sagt die Professorin an der
Leiden Universität. Denn die Menschen in Afrika seien ganz anderen
Mikroorganismen und Parasiten ausgesetzt als in Europa oder den USA,
und diese würden das Immunsystem fundamental verändern.

Auch der Virologe Christian Drosten sagte in einem kürzlich
veröffentlichen Interview des World Health Summit, dass etwa
Wurminfektionen in afrikanischen Ländern «universell verbreitet»
seien und das Immunsystem beeinflussten. «Wir kennen zwar die genaue
Auswirkung auf diese spezielle Covid-19 Viruserkrankung nicht, es
könnte aber eine Erklärung sein.»

Um die Pandemie besser zu verstehen ermutigt Yazdanbakhsh Forscher,
den Blick auf Afrika zu richten. Weil der Verlauf dort anders sei,
könne man viel lernen. «Afrika ist eine Quelle der Inspiration.»