Ende des Stillstands: Formel 1 startet den Notbetrieb Von Christian Hollmann, dpa

04.07.2020 14:27

Als erster internationaler Sport kehrt die Formel 1 aus der
Corona-Zwangspause zurück. Dafür unterwirft sich der Renn-Zirkus
einem strikten Hygienekonzept. Die Ungewissheit aber fährt beim
Auftakt in Österreich weiter mit.

Spielberg (dpa) - Zahlen hatten in der Formel 1 schon immer eine
große Bedeutung. Und so verkündet die Rennserie vor dem Neustart in
Österreich stolz und erleichtert diese Hausnummern: 4032 und Null.
Im Klartext: Bei der letzten Testreihe vor dem Comeback in Spielberg
habe es bei den 4032 überprüften Fahrern, Teammitgliedern und
weiteren Mitarbeitern keinen einzigen Corona-Fall gegeben. Jetzt also
mit Vollgas in das verkürzte WM-Jahr. «Das ist eine außerordentliche

Leistung», sagt Weltverbandspräsident Jean Todt am Samstag zu den
Bemühungen der Formel 1 um die Rückkehr auf die Rennstrecke.

Durchaus vergnügt gibt der Franzose in einem kargen Raum über der
Haupttribüne des Red Bull Rings Auskunft über den Stand der Dinge in
der Corona-Krise, die auch den Motorsport lange zum Stillstand zwang.
Vor ihm sitzt ein gutes Dutzend maskierte Journalisten brav auf
Abstand, nicht jede Frage versteht der 74-Jährige wegen der
Entfernung im ersten Versuch. Ein Mikrofon darf nicht herumgereicht
werden - Virusgefahr.

Dabei gehören alle im Raum zu denen, die derzeit mindestens alle fünf
Tage getestet werden, sich ein Stäbchen tief in die Nasenhöhle bohren
lassen. Piloten, Mechaniker, Ingenieure, Streckenposten und jeder
andere, der an diesem Wochenende das Ring-Gelände betritt, muss sich
dem strikten Hygienekonzept unterwerfen. Maskenpflicht auch im
Freien, Fiebermessen und Hände desinfizieren am Eingang, strenge
Unterteilung in Gruppen, die keinen Kontakt miteinander haben dürfen.
Die Formel 1 meint es ernst.

Als erster internationaler Sport nimmt die Rennserie wieder den
Betrieb auf. Zuschauer sind vorerst bei den Rennen nicht zugelassen.
«Es ist seltsam, hier anzukommen, ohne dass Fans da sind oder
Gästebereiche geöffnet werden», sagt Todt, der früher als Teamchef

bei Ferrari mit Rekordweltmeister Michael Schumacher eine Ära prägte.
Er hoffe, dass bald wieder Zuschauer auf die Tribünen dürfen. «Wir
müssen uns aber nach den Bestimmungen im jeweiligen Land richten»,
sagt Todt. Es laufen Gespräche mit den Regierungen.

Erst acht Grand Prix in Europa sind für dieses Jahr im überarbeiteten
Kalender fest terminiert. Das reicht noch nicht, um die Einnahmen
durch Fernsehen und Sponsoren zu retten. Mindestens 15 Rennen sollten
es schon sein. Der ursprüngliche Saisonstart in Australien hatte
kurzfristig abgesagt werden müssen, weil es einen Corona-Fall beim
McLaren-Team gab. Danach wurden wegen der Pandemie neun weitere
Rennen gestrichen oder verschoben.

Kann in diesem Jahr überhaupt noch in Ländern wie den USA, Mexiko
oder Brasilien gefahren werden angesichts hoher Infektionszahlen?
«Das kann man sich wirklich nicht vorstellen», sagt Mercedes-Teamchef
Toto Wolff der BBC. Auch die Formel 1 kann Corona nicht so einfach
davonrasen.

Fia-Präsident Todt erwartet durch die Krise «langfristige
Konsequenzen» für die Formel 1. Auch die großen Hersteller seien
betroffen, viele Menschen würden ihre Arbeitsplätze verlieren. Er
hoffe aber, dass dies «in zwei, drei Jahren nur eine außergewöhnliche

Erinnerung sein wird».

Bis dahin versucht die Formel 1 alles, um die Show am Laufen zu
halten. Kunstflieger malen am Samstag ein paar Rauchkringel in den
Himmel über dem Murtal, bei der Siegerehrung in der Nachwuchsserie
Formel 3 darf sogar Champagner verspritzt werden. Bitte dabei aber
aufpassen, dass die Maske nicht nass wird.