US-Arbeitsmarkt erholt sich trotz anhaltender Corona-Infektionen Von Jürgen Bätz, dpa

02.07.2020 18:52

Der Arbeitsmarkt in den USA hat sich bis Mitte Juni deutlich von der
Corona-Krise erholt. Präsident Trump jubelt bereits. Doch Experten
zeigen nur verhaltenen Optimismus. Der Grund ist, dass sich die
Corona-Pandemie inzwischen wieder dramatisch zuspitzt.

Washington (dpa) - Fast fünf Millionen Amerikaner haben im Juni
wieder Arbeit gefunden, doch wegen der Zuspitzung der Corona-Pandemie
im Süden des Landes droht neues Unheil. Die Statistiken aus der
größten Volkswirtschaft der Welt hätten am Donnerstag kaum
widersprüchlicher sein können: Die Arbeitslosenquote fiel stärker als

erwartet von 13,3 Prozent im Mai auf 11,1 Prozent im Juni, während
die Zahlen zur Coronavirus-Pandemie neue Negativrekorde erreichten.
US-Behörden meldeten für Mittwoch 50 000 Neuinfektionen - mehr als je

zuvor. Und eine Besserung der Lage schien kurzfristig nicht in Sicht.

Für den Widerspruch zwischen Arbeitsmarktdaten und Infektionen gibt
es eine Erklärung: Die Arbeitslosenquote für Juni beruhte auf Daten,
die nur die Situation bis zur Mitte des Monats abbildeten. Mögliche
Auswirkungen der jüngsten dramatischen Zuspitzung der Pandemie
spiegelten sich darin deshalb noch nicht wider. «Wir erwarten, dass
die Erholung ab jetzt viel holpriger sein wird mit deutlich
langsamerem Zugewinn an neuen Jobs», sagte daher Analyst Michael
Pearce von der Beratung Capital Economics.

In den besonders betroffenen Bundesstaaten im Süden des Landes wie
Florida, Texas, Arizona und Kalifornien wurden Lockerungen der
Corona-Auflagen zuletzt wieder rückgängig gemacht oder verschoben.
Bars, Fitnesszentren und Kinos mussten teils wieder schließen. Auch
Unternehmen wie Apple schlossen vielerorts ihre Läden erneut.
McDonald's verschob Medienberichten zufolge Pläne zur weiteren
Öffnung seiner rund 14 000 Schnellrestaurants in den USA.

Ein Zeichen der anhaltenden Schwierigkeiten waren auch die Neuanträge
auf Arbeitslosenhilfe. In einer separaten Mitteilung vom Donnerstag
hieß es, in der Woche bis einschließlich 27. Juni hätten rund 1,4
Millionen erstmals Unterstützung beantragt, etwa so viele wie auch in
der Vorwoche. Damit erhielten immer noch rund 20 Millionen Menschen
reguläres Arbeitslosengeld. «Unsere Arbeit ist nicht abgeschlossen»,

sagte Finanzminister Steven Mnuchin im Weißen Haus: «Unser Arbeit ist
nicht erledigt, bis jeder einzelne Amerikaner, der seinen Job wegen
Covid verloren hat, wieder Arbeit hat.» Die Konjunkturprogramme in
Höhe von fast drei Billionen US-Dollar hätten geholfen, Wirtschaft
und Arbeitsmarkt zu stabilisieren, sagte er.

Die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft stieg im Juni
um 4,8 Millionen an - fast die Hälfte dieser neuen Jobs gingen auf
das Gastgewerbe zurück, wie die Regierung mitteilte. Analysten hatten
mit einem etwas geringeren Rückgang der Arbeitslosigkeit gerechnet.
Im April hatte die Arbeitslosenquote noch bei 14,7 Prozent gelegen.

US-Präsident Donald Trump erklärte im Weißen Haus, die rasche
Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt habe «alle Erwartungen
übertroffen». Die Wirtschaft erhole sich «schneller und besser» von

der Corona-Krise als angenommen, sagte er. Trump prognostizierte,
dass das Wachstum im dritten Quartal «fantastisch» ausfallen werde.
Er fügte sichtlich erfreut hinzu, dass diese Zahlen unmittelbar vor
der Präsidentenwahl im November bekanntgegeben würden. Trump bewirbt
sich um eine zweite Amtszeit - Zeichen einer wirtschaftliche Erholung
kämen ihm daher höchst gelegen.

Die Bedeutung der Zuspitzung der Coronavirus-Pandemie spielte Trump
herunter. Es gebe vereinzelte Brandherde, diese würden aber schnell
bekämpft, sagte Trump. «Wir löschen die Feuer», sagte er. Die
Demokraten werfen dem Republikaner wegen seiner Zurückhaltung in der
Corona-Krise vor, den Kampf gegen das Virus aufgegeben zu haben. Die
USA hatten die Pandemie nie annähernd unter Kontrolle gebracht: Die
Zahl der täglichen Neuinfektionen fiel nie wirklich unter 20 000.

Der designierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Joe Biden,
machte Trumps verfehlte Corona-Politik für die anhaltend hohe
Arbeitslosigkeit verantwortlich. «Millionen Amerikaner hätten ihre
Jobs noch, wenn Donald Trump seinen Job gemacht hätte», sagte Biden.
Inzwischen habe Trump offenbar «völlig aufgegeben», kritisierte er.


Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie, die zeitweise
landesweit zu Schließungen von Geschäften, Restaurants und Firmen
geführt hatten, haben die US-Wirtschaft schwer getroffen. Mehr als 45
Millionen Menschen verloren seit Mitte März mindestens zeitweise
ihren Job - so viele wie nie zuvor in solch kurzer Zeit. Viele
Analysten rechnen damit, dass die Arbeitslosenquote auch Ende 2020
noch bei knapp zehn Prozent liegen dürfte. Sie hatte im Februar noch
bei 3,5 Prozent gelegen, dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten.

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) bezeichnete den Ausblick für
die weitere wirtschaftliche Entwicklung zuletzt als sehr ungewiss.
«Der Weg nach vorne ist außergewöhnlich unsicher und wird zu einem
großen Teil von unserem Erfolg bei der Eindämmung des Virus
abhängen», sagte Zentralbankchef Jerome Powell am Dienstag im
Kongress. «Eine komplette Erholung ist unwahrscheinlich, solange die
Menschen nicht das Vertrauen haben, wieder einer breitgefächerten
Reihe von Aktivitäten nachzugehen», sagte Powell.

Seit Beginn der Pandemie wurden in den USA Daten der Universität
Johns Hopkins zufolge rund 2,7 Millionen bestätigte Infektionen
gemeldet. Rund 128 000 Menschen starben nach einer Ansteckung mit dem
Erreger Sars-CoV-2, der die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann.