Türkische Charme-Offensive gegen Reisewarnung zunächst erfolglos Von Michael Fischer, Mirjam Schmitt und Linda Say, dpa

02.07.2020 16:07

Für die Türkei steht viel auf dem Spiel. Millionen deutsche Urlauber
strömen in einem normalen Sommer an die türkischen Strände. Dieses
Jahr sind es bislang deutlich weniger. Das wollen zwei türkische
Minister aus dem Badeort Antalya mit einer Charme-Offensive ändern.

Berlin (dpa) - Die Reisewarnung für die Türkei wegen der
Corona-Pandemie bleibt auch nach dem Besuch einer hochrangigen
türkischen Regierungsdelegation in Berlin auf unabsehbare Zeit
bestehen. Bundesaußenminister Heiko Maas sagte seinem Kollegen Mevlüt
Cavusoglu am Donnerstag lediglich zu, neue Daten zur Infektionslage
und Gesundheitsversorgung in der Türkei zu prüfen. Er betonte, dass
man ein abgestimmtes Vorgehen in der EU anstrebe.

Cavusoglu warf der Europäischen Union vor, Reisebeschränkungen für
die Türkei aus «politischen Motiven» aufrechtzuerhalten. Er betonte,

dass die Türkei ein sicheres Reiseland sei. «In Sachen Gesundheit
sind Deutschland und die Türkei zwei der besten Länder auf der Welt.»

Die Bundesregierung hat die im März wegen der Corona-Pandemie
verhängte weltweite Reisewarnung inzwischen für 32 europäische Länd
er
aufgehoben. Für die Türkei und etwa 160 weitere Länder gilt sie aber

nach jetzigem Stand bis zum 31. August weiter. Die Türkei trifft das
als drittbeliebtestes Urlaubsland der Deutschen nach Spanien und
Italien besonders hart. Außerdem hat die Bundesregierung die Türkei
zusammen mit 125 anderen Ländern als Corona-Risikogebiet eingestuft.

Die türkische Regierung protestiert seit Wochen dagegen und schickte
am Donnerstag eine große Delegation nach Berlin, um noch einmal für
eine Aufhebung der Einschränkungen zu werben. Angeführt wurde sie von
Cavusoglu und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy. Beide kommen aus
dem beliebtesten Badeort der Deutschen in der Türkei, aus Antalya.
Unterstützt wurden die beiden von der stellvertretenden
Gesundheitsministerin Emine Alp Mese.

Gegenüber Maas schlug Cavusoglu einen auffallend freundlichen Ton an,
sprach von «meinem Freund Heiko» und wandte sich ihm bei der
Pressekonferenz stets zu, wenn er über Urlaub in der Türkei sprach.
«Wichtig ist hier, dass Deutschland diese Reisewarnung überprüfen
muss, nämlich im Rahmen von objektiven Daten. Unsere deutschen
Freunde wollen in der Türkei Urlaub machen.» Das war seine
Hauptbotschaft in Berlin.

Seine Kritik richtete er nicht an Berlin, sondern an Brüssel. Die
EU-Staaten hatten am Dienstag beschlossen, dass wegen der
Corona-Krise eingeführte Einreisebeschränkungen in die EU für
zahlreiche Länder, darunter die Türkei, über den 1. Juli hinaus
aufrechterhalten werden. Lediglich Menschen aus 14 Ländern dürfen
wieder einreisen. Diese Liste soll alle zwei Wochen überarbeitet
werden.

Für die Bundesregierung ist sie eine wichtige Grundlage für die
Entscheidung über die wegen der Corona-Pandemie verhängten
Reisewarnungen. Für ein Land, aus dem niemand einreisen darf, lässt
sich diese kaum aufheben. Maas sagte dazu: «Nur wenn wir in Europa
möglichst im Gleichklang handeln ist es auch möglich, das Virus in
seiner Ausbreitung zu kontrollieren.»

Cavusoglu forderte, die EU-Liste müsse unter «objektiven Kriterien»
bewertet werden. Einige Länder, die Brüssel auf die Liste der Staaten
aufgenommen habe, aus denen Menschen wieder in die EU einreisen
dürften, stünden schlechter da als die Türkei, sagte er. «Da sehen

wir, dass mit politischen Motiven entschieden wurde.»

Cavusoglu versorgte Maas mit neuen Informationen über den Umgang mit
der Pandemie in der Türkei und wies den Vorwurf zurück, dass Urlauber
in der Türkei mit Medikamenten zwangsbehandelt würden, die in
Deutschland nicht zugelassen seien. «Ob türkischer oder deutscher
Staatsbürger, oder Bürger eines Drittlandes. Niemand darf zu einer
Behandlung gezwungen werden. Niemandem darf ein Medikament
aufgezwungen werden.» Maas nannte diese Aussage einen wichtigen
Fortschritt.

Flüge in die Türkei gibt es inzwischen wieder. Die Hotels in der
Türkei müssen sich an zahlreiche Richtlinien halten, an Stränden etwa

gilt ein Sicherheitsabstand, am Pool gibt es nur abgepackte
Handtücher, und in Flughäfen und Hotels werden Wärmebildkameras
eingesetzt. Die Regierung hat ein Zertifikationsprogramm entwickelt,
an dem sich Gastronomen und Hotels freiwillig beteiligen können. Auch
deutsche Firmen wie der Tüv Süd stellen Inspektoren.

Durch die Corona-Pandemie sind die Tourismuszahlen in der Türkei
stark eingebrochen. Im Mai kamen rund 30 000 Besucher in das Land und
damit 99,26 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, wie das
Tourismusministerium am Montag mitteilte. In den ersten fünf Monaten
des Jahres gingen die Besucherzahlen demnach im Vergleich zum
Vorjahreszeitraum um 66,35 Prozent zurück. Aus Deutschland kamen von
Januar bis Mai laut Tourismusministerium rund 357 000 Besucher - im
gleichen Zeitraum 2019 waren es rund 1,2 Millionen. Insgesamt machten
vergangenes Jahr nach offiziellen Angaben mehr als fünf Millionen
Deutsche dort Urlaub. Der Tourismus ist einer der wichtigsten
Wirtschaftszweige für die Türkei.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir warnte die Bundesregierung, dem
Drängen der Türkei auf eine Aufhebung der Reisewarnung nachzugeben.
«Corona-Reisewarnungen sind in Deutschland keine Verhandlungsmasse
für politische Deals - sie dienen dem Gesundheitsschutz, und das muss
auch Präsident Erdogan begreifen», sagte er dem Redaktionsnetzwerk
Deutschland (RND/Donnerstag). Die Reisewarnung für die Türkei müsse
so lange aufrechterhalten werden, wie die Türkei vom Robert
Koch-Institut als Risikogebiet ausgewiesen werde.