Zäher Datenfluss: Kritik an Behörden nach Lockdown in Leicester

01.07.2020 12:23

London (dpa) - Nach der Wiedereinführung von Kontaktbeschränkungen in
der mittelenglischen Stadt Leicester hat die britische
Ärztegewerkschaft BMA Kritik an den Behörden geübt. Die Regierung
müsse offener und transparenter mit lokalen Daten umgehen, so die
Medizinervereinigung. Leicesters Bürgermeister Peter Soulsby hatte
sich bereits zu Beginn der Woche über den «zutiefst frustrierenden»
Prozess beschwert, an aktuelle Daten zu kommen. Die Stadt mit rund
340 000 Einwohnern unterliegt seit Anfang der Woche wieder
verschärften Kontaktbeschränkungen.

Einem Bericht der «Financial Times» zufolge wurden den lokalen
Behörden in der Stadt die Zahlen über das Infektionsgeschehen erst
mit großer Verzögerung zugänglich gemacht. Veröffentlicht wurden
demnach nur die Testergebnisse aus Krankenhäusern, nicht aber die aus
privaten Laboren - dort wurden aber in der zweiten Juni-Hälfte bis zu
90 Prozent der täglichen Neuinfektionen verzeichnet. Der Anstieg
blieb den örtlichen Behörden damit verborgen.

Die britische Regierung ist seit Monaten wegen ihres Umgangs mit der
Coronavirus-Pandemie in der Kritik. Programme für flächendeckende
Tests und Kontaktverfolgung liefen nur schwerfällig an. Die späte
Einführung von Kontaktbeschränkungen Ende März kostete nach Ansicht
des Wissenschaftlers Neil Ferguson vom Imperial College London
Zehntausende Menschen das Leben. Eine App, die bei der
Kontaktverfolgung helfen sollte, wurde Mitte Juni nach einer
Testphase verworfen.

Kein anderes Land in Europa verzeichnet so viele Todesfälle durch die
Coronavirus-Pandemie wie das Vereinigte Königreich. Dort starben
bislang mehr als 43 700 Menschen, nachdem sie positiv auf das Virus
getestet wurden. Die Zahl der Sterbefälle insgesamt, bei denen die
Lungenkrankheit Covid-19 als Ursache angenommen wurde, liegt bei mehr
als 54 000. Es dürfte aber noch viele unerkannte oder indirekte Fälle

gegeben haben: Die sogenannte Übersterblichkeit für die Zeit der
Pandemie liegt im Vereinigten Königreich bei über 65 000.