Studie: Herzschwäche im Osten weitaus häufiger als im Westen

01.07.2020 11:58

Herzschwäche ist im Osten viel weiter verbreitet und es sterben
deutlich mehr Menschen daran als im Westen. Der Grund ist unklar.

Greifswald (dpa) - 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es in
Ostdeutschland viel mehr Krankenhausaufnahmen wegen Herzschwäche als
in Westdeutschland. Auch sterben im Osten deutlich mehr Menschen an
Herzschwäche, die auch Herzinsuffizienz genannt wird. Das geht aus
einer am Mittwoch veröffentlichten Studie der HFA Discoveries hervor,
einer wissenschaftlichen Plattform der Europäischen Gesellschaft für
Kardiologie (ESC). Herzinsuffizienz gilt als häufigster Grund für
Krankenhauseinweisungen in Deutschland.

Bislang seien die Forscher davon ausgegangen, dass sich Anzahl und
Dauer der Krankenhausaufenthalte und auch die Zahl der Toten durch
Herzschwäche nach der Wiedervereinigung angleichen würden, sagte
Erstautor Marcus Dörr von der Universitätsmedizin Greifswald. «Diese

Hypothese musste verworfen werden - und in der Tat wurde das
Gegenteil festgestellt», erklärte Dörr.

In der aktuellen Studie wurde die Entwicklung zwischen den Jahren
2000 und 2017 untersucht. Die ausgewerteten Daten stammen aus der
Gesundheitsberichterstattung des Bundes, einer jährlichen Erhebung
von stationären Routinedaten. Die Wissenschaftler stellten fest, dass
die absolute Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund von
Herzinsuffizienz in ganz Deutschland von 2000 bis 2017 dramatisch
zunahm, nämlich um 93,9 Prozent (von 239 694 Fällen pro Jahr auf
464 724 Fälle pro Jahr). Dieser Anstieg war in Ostdeutschland (+118,5

Prozent) deutlich stärker als in Westdeutschland (+88,3 Prozent).

2017 war die Herzinsuffizienz mit einem Anteil von 8,2 Prozent an den
Todesfällen im Krankenhaus dort mit Abstand die häufigste
Todesursache. Im Osten gab es 64 beziehungsweise 65 Todesfälle je
100 000 Einwohner in den Jahren 2000 und 2017, im Westen in denselben
Jahren 39 beziehungsweise 43 Todesfälle je 100 000 Einwohner.

Dörr zufolge lässt sich der Unterschied nicht mit dem vier Jahre
höheren Durchschnittsalter im Osten erklären. «Eine mögliche
Erklärung für unsere Befunde könnte in der unterschiedlichen
Prävalenz (Häufigkeit) von Risikofaktoren liegen, welche die
Entstehung sowie das Fortschreiten und damit die Notwendigkeit für
eine Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz beeinflussen», sagte er.
So kämen Bluthochdruck, Diabetes und Adipositas in Ostdeutschland
häufiger vor als in Westdeutschland. Verschiedene Strukturen der
Patientenversorgung könnten die Unterschiede zumindest teilweise
erklären, sagte Dörr. Noch seien die Gesundheitssysteme nicht
vollständig angeglichen.

Professor Andreas Stang vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen
Herzstiftung sagte, die Studie sei so neu, dass er sie noch nicht
kenne. Im Durchschnitt sei aber die Bevölkerung im Osten aber kränker
als im Westen. So seien Adipositas, Bluthochdruck und Diabetes
mellitus wesentlich häufiger als in westdeutschen Bundesländern.
«Dies löst mehr und schwere Herzkrankheiten aus», sagte er.

Dörr erklärte, weitere Forschung sei nötig. Zudem sei herauszufinden,

ob solche regionalen Unterschiede auch in anderen europäischen
Ländern bestehen.