IW: Etliche Branchen auch 2021 noch mit Corona-Nachwirkungen

30.06.2020 06:15

Der «Lockdown» wegen der Corona-Pandemie hat der deutschen Wirtschaft
schwer zugesetzt. Ab dem dritten Quartal soll es wieder aufwärts
gehen. Doch nicht alle Branchen werden sich schnell erholen.

Frankfurt/Köln (dpa) - Viele Wirtschaftsverbände erwarten nach dem
Konjunkturabsturz in der Corona-Krise schon 2021 wieder kräftiges
Wachstum. Allerdings werden nach Einschätzung des arbeitgebernahen
Instituts der deutschen Wirtschaft (IW/Köln) die Zuwächse nicht
überall ausreichen, um auf Vorkrisenniveau zurückzukehren. «Das
Produktionspotenzial dürfte in der Industrie und auch im
Dienstleistungsbereich wohl auch in 2021 vielfach deutlich
unterausgelastet bleiben», schreibt das IW auf Grundlage einer am
Dienstag veröffentlichten Umfrage unter Wirtschaftsverbänden. In
einigen Bereichen werde die Wirtschaftsleistung erst im Jahr 2022
wieder das Niveau von vor der Corona-Krise erreichen.

«Wir haben das Tal der Tränen erreicht, da wird langsam der Blick
nach oben gerichtet», sagte IW-Direktor Michael Hüther der Deutschen
Presse-Agentur in Frankfurt. «Im dritten Quartal sollte es schon eine
positive Entwicklung geben. Aber es bleibt im zweiten Halbjahr 2020
noch sehr mühsam.»

Das IW befragt regelmäßig Branchenverbände nach ihren
Produktionserwartungen, Beschäftigungsperspektiven und
Investitionsplanungen. An der aktuellen Sonderumfrage in der
Corona-Krise beteiligten sich 31 Verbände - aus Industrie,
Bauwirtschaft und dem Dienstleistungssektor.

Fast unisono berichten die Branchen von katastrophalen Ergebnissen im
vom «Lockdown» geprägten zweiten Quartal des laufenden Jahres. 5 der

31 Verbände - darunter die Automobilbranche und das Gastgewerbe -
gehen davon aus, dass die Produktion in ihrem Wirtschaftszweig im
Zeitraum April bis einschließlich Juni um mindestens 50 Prozent unter
dem Niveau des Vorjahreszeitraums liegen wird. In weiteren 11
Wirtschaftsbereichen wird mit einem Rückgang um 20 bis 50 Prozent
gerechnet. Einzig im Finanzbereich gehen die Verbandsvolkswirte dem
IW zufolge von einer derzeit höheren Geschäftstätigkeit aus.

«Die Branchen werden unterschiedlich schnell aus der Situation
herauskommen», prognostizierte Hüther. «Der stationäre Einzelhandel

zum Beispiel hatte schon vorher strukturelle Probleme angesichts des
wachsenden Onlinehandels. Bei Hotels und Gaststätten wird sich die
Lage schnell normalisieren, zumal jetzt auch mehr Urlaub in
Deutschland gemacht wird. Die Bauwirtschaft dürfte mit kleineren
Schleifspuren davonkommen», sagte der IW-Direktor.

«Besonders schwer scheint es mir in der Automobilindustrie zu sein»,
ergänzte Hüther. «Denn der Umstieg auf alternative Antriebe fordert
diese Schlüsselbranche ohnehin erheblich.»

Ab dem dritten Quartal 2020 wird insgesamt mit einer allmählichen
Erholung der Wirtschaft gerechnet. Dennoch stellen sich zum Beispiel
das Hotel- und Gastgewerbe sowie Teile der Metallindustrie darauf
ein, dass sie auch in der zweiten Hälfte dieses Jahres noch
erhebliche Einbußen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum werden
verkraften müssen. Für 2021 prognostizieren 20 Verbände dann zum Teil

kräftiges Wachstum gegenüber dem Krisenjahr 2020.

Hüther zeigte sich zuversichtlich, dass die Wirtschaft in Deutschland
nicht noch einmal fast komplett lahmgelegt wird, sollte die Zahl der
Corona-Infizierten wieder deutlich ansteigen. «Erstens lernen wir
gerade, wie wir das regional machen können, und zweitens ist ein
Eingriff in Grundrechte nicht beliebig machbar.» Dazu komme: «Das
massive Einschreiten von Regierungen und Zentralbanken verpufft nicht
einfach. Von daher bin ich ganz zuversichtlich», sagte Hüther.

Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) pumpen über
Anleihenkäufe Milliarden ins System, die Bundesregierung hat für die
Jahre 2020 und 2021 ein insgesamt 130 Milliarden Euro schweres
Konjunkturpaket aufgelegt.

«Es ist sinnvoll, dass das staatliche Konjunkturprogramm befristet
ist. Es geht dabei um Mobilisierung privater Nachfrage, das kann man
nicht ewig machen», befand Hüther. «Die Frage darüber hinaus ist:
Sind die Investitionsbedingungen in Deutschland angemessen? Hier
halte ich eine Überprüfung des Unternehmenssteuerrechts für zentral.
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