«Spiegelbild für die Beziehung» - Warum Küssen wichtig ist Von Corinna Schwanhold, dpa

05.07.2020 05:00

Jack und Rose im Film «Titanic», Harry Potter und Ginny Weasley oder
Susi und Strolch: Romantische Küsse dürfen in vielen Filme nicht
fehlen. Auch im echten Leben ist Knutschen für Beziehungen wichtiger
als Sex, meinen manche Psychologen.

Berlin (dpa) - Der Puls beschleunigt sich, der Blutdruck steigt, die
Wangen werden rot. Ein wahrer Hormon-Cocktail flutet den Körper,
darunter Oxytocin, Serotonin und Dopamin - besser bekannt als
Kuschel- und Glückshormone. Nebenbei werden bis zu 34 Gesichtsmuskeln
aktiv, wandern Millionen Bakterien von einem Mund in den anderen. Die
körperlichen Auswirkungen von Küssen sind gut erforscht. Mit dem 6.
Juli gibt es sogar einen Internationalen Tag des Kusses. Und dennoch
wird die jahrtausendealte Kulturpraxis zu wenig beachtet - das meint
zumindest der Psychologe und Buchautor Wolfgang Krüger.

«Küssen wird in der Öffentlichkeit meist behandelt wie die kleine
Schwester der Sexualität. Dabei ist sie das nicht - im Gegenteil,
Küssen ist für Paare viel wichtiger», sagt Krüger. Es sei ein wahre
s
Spiegelbild für den Zustand einer Beziehung. Viele Partnerinnen und
Partner würden sich zwar Sorgen machen, dass ihre Sexualität
einschlafe. Das erste Indiz für Probleme in der Beziehung seien aber
fehlende Küsse.

«Das mag vielleicht seltsam klingen, aber küssen ist etwas viel
Intimeres als Sex. Sexualität kann auch sehr distanziert sein, indem
ein Programm abgespult wird», sagt Krüger. Beim Küssen müsse man si
ch
dagegen auf sein Gegenüber einlassen, spüre sein Tempo, seinen Geruch
und Geschmack. «Beim Küssen merkt man, ob das Gegenüber einfühlsam

ist und soziale Antennen hat. Gleichzeitig gehört zu einem guten Kuss
Leidenschaft und die Fähigkeit sich zu steigern.»

Ob flüchtiges Gute-Nacht-Bussi oder romantisches Knutschen bei einem
Date - durchschnittlich küssen Menschen etwa zwei bis drei Mal am
Tag. Wer 70 Jahre alt wird, hat etwa 76 Tage seines Lebens mit Küssen
verbracht. Tendenz steigend, meint zumindest Krüger. Begrüßungsküss
e
unter Freunden, wie sie in Frankreich oder Italien schon lange üblich
sind, würden auch in Deutschland immer häufiger.

Wer annimmt, dass Küssen in allen Teilen der Welt verbreitet sei, hat
trotzdem weit gefehlt. Eine Studie des Kinsey Instituts an der
Indiana University ist 2015 zu dem Ergebnis gekommen, dass
romantisches Küssen nur bei 46 Prozent der 168 untersuchten Kulturen
verbreitet ist. Insbesondere im Mittleren Osten, in Nordamerika und
Europa werden demnach viele Bussis verteilt. Bei afrikanischen
Kulturen südlich der Sahara, auf Neuguinea oder in Zentralamerika
spiele der mit Liebe und Sexualität verbundene Kuss eher keine Rolle.

Die Studie ist nur eine von vielen wissenschaftlichen Untersuchungen
rund ums Küssen. Mit der Philematologie gibt es sogar einen ganzen
Wissenschaftszweig, der sich mit dem Knutschen beschäftigt. Schon in
den 1960er-Jahren hat eine deutsche Langzeitstudie erstaunliche
Ergebnisse zutage gefördert. Ehemänner, die ihrer Frau morgens einen
Abschiedskuss geben, lebten durchschnittlich fünf Jahre länger,
schrieben die Forscher damals. Neuere Studien haben etwa
herausgefunden, dass die meisten Küsser ihren Kopf nach rechts neigen
und dass Küssen Heuschnupfen und Dermatitis verringern kann.

Warum Menschen mit dem Küssen angefangen haben, ist dagegen nicht
abschließend geklärt. Der inzwischen verstorbene Verhaltensforscher
Irenäus Eibl-Eibesfeldt vermutete dahinter einen wenig romantischen
Grund: Die frühen Menschen hätten Nahrung vorgekaut und sie
anschließend ihrem Nachwuchs in den Mund geschoben. Andere Forscher
meinen dagegen, dass sich unsere Vorfahren ähnlich wie Tiere im
Intimbereich beschnüffelt hätten - und ihre Kontaktversuche mit der
aufrechten Haltung nach oben verlagert hätten.

Heute ist bekannt, dass sich auch einige Tiere küssen. Affen und
einige Fisch-Arten pressen ihre Münder gegeneinander. Das sei dennoch
etwas ganz Anderes als bei Menschen, ist sich Wolfgang Krüger sicher.
Für sie seien Kussrituale vor dem Einschlafen oder zum Abschied
genauso wichtig wie leidenschaftliche Küsse.

Und wie sieht es mit dem Knutschen in Zeiten von Corona, den
Abstandsgeboten und Gesichtsmasken aus? Krüger beobachtet in
Therapiesitzungen zumindest bei Paaren zwei gegenläufige
Auswirkungen. «Manche reden wieder viel mehr miteinander und küssen
sich auch häufiger.» Andere kämen mit der Zwangsnähe dagegen nicht

klar, stritten sich ständig und hätten keinen Körperkontakt mehr.
«Das ist ein Problem. Eine Beziehung, in der nicht mehr geküsst wird,
hat den Charme einer Jugendherberge», sagt Krüger. Paaren, die sich
wieder nahekommen wollen, gebe er daher eine Aufgabe: Sie sollen sich
küssen, «bis ihnen vor Leidenschaft der Kopf wegfliegt.»