Bayern kündigt Corona-Tests für jedermann an

28.06.2020 10:16

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie richtet sich der Blick zurzeit vor
allem auf die sogenannten Hotspots. Doch wie weit hat sich das Virus
unbemerkt schon in der Allgemeinbevölkerung ausgebreitet? Bayern
macht den Bürgern nun ein ungewöhnliches Angebot.

München/Gütersloh (dpa) - In Bayern soll sich künftig jeder auf das
Corona-Virus testen lassen können - ganz unabhängig davon, ob er
Symptome hat. Die Tests sollen «massiv» ausgeweitet werden, wie
Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Sonntag in München
erklärte. Sie kündigte eine «Corona-Testoffensive» an: «Allen
Bürgerinnen und Bürgern Bayerns wird deshalb zeitnah angeboten, sich
bei einem niedergelassenen Vertragsarzt auch ohne Symptome testen zu
lassen.» Die Kosten will der Freistaat übernehmen.

Generell gilt: Im Kampf gegen das Virus sind inzwischen in ganz
Deutschland Tests in vielen Fällen auch ohne akute
Krankheitsanzeichen möglich - besonders in sensiblen Bereichen wie
Kliniken, Pflegeheimen, Schulen und Kitas. Bundesgesundheitsminister
Jens Spahn (CDU) hatte vor knapp drei Wochen eine Verordnung
verkündet, die eine Reihe zusätzlicher Testmöglichkeiten auf
Kassenkosten festlegt. Bis dahin gab es Tests auf Kassenkosten in der
Regel nur bei Infektionsverdacht - also wenn man Symptome wie Fieber,
Husten, Halsschmerzen oder Geruchs- und Geschmacksstörungen hatte.

Bayern ist aber das erste Bundesland, das künftig Tests für jedermann
vorsieht. «Ein Eckpunkt unseres Bayerischen Testkonzepts ist, dass
alle Personen, die auf eine Infektion auf SARS-CoV-2 getestet werden
wollen, Gewissheit darüber erhalten sollen, ob sie sich infiziert
haben», betonte Huml. Die Kosten übernimmt nach Angaben ihres
Ministeriums der Freistaat, sofern kein Anspruch auf Kostenerstattung
durch eine andere Stelle wie eine Krankenkasse besteht. Es sei «ein
ergänzendes Angebot, das vollständig aus staatlichen Mitteln getragen
wird», sagte ein Sprecher auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Nach dem massiven Coronavirus-Ausbruch beim Fleischbetrieb Tönnies im
Kreis Gütersloh ist die Zahl der Infizierten auch in der übrigen
Bevölkerung dort «merklich» gestiegen. Wie der Kreis am Samstagabend

mitteilte, wurden in den vergangenen sieben Tagen bis Freitag 75
Menschen positiv auf das Virus getestet, die keinen Bezug zu dem
Unternehmen haben. Das waren 28 mehr als im Vergleichszeitraum einen
Tag zuvor. Grund für den Anstieg sei wohl vor allem die Ausweitung
der Tests, viele der Infizierten zeigten aber keine Symptome,
erklärte die Behörde.

In den Kreisen Gütersloh und Warendorf gelten wegen des
Corona-Ausbruchs in dem Tönnies-Werk mit mehr als 1500 infizierten
Mitarbeitern seit vergangenen Mittwoch wieder verschärfte
Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Alle Bürger können sich
freiwillig testen lassen. Von den Tests in der Allgemeinbevölkerung
erhofft sich das Gesundheitsministerium ein Bild, inwieweit sich das
Virus ausgebreitet hat. Da die verschärften Auflagen bis zum 30. Juni
befristet sind, muss spätestens am Dienstag eine Entscheidung über
Auslaufen oder Verlängerung fallen.

Nach den Vorfällen bei Tönnies muss die Fleischindustrie in
Nordrhein-Westfalen künftig Beschäftigte auf ihre Kosten mindestens
zwei Mal pro Woche auf das Coronavirus testen lassen. Die neue
Vorgabe gilt ab 1. Juli für Schlachthöfe, Zerlegebetriebe und
fleischverarbeitende Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten, wie das
Landesministerium für Arbeit und Gesundheit in Düsseldorf mitteilte.

Auch in Bayern soll ein Schwerpunkt der Tests auf Schlachthöfen und
Fleischverarbeitungsbetrieben liegen. Ziel sei, «größeren
Ausbruchsgeschehen wie in Gütersloh vorzubeugen», sagte die
Gesundheitsministerin. In 33 weiteren ausgewählten Fleischbetrieben
sollen die Mitarbeiter in Bayern reihenweise getestet werden. «Dabei
wollen wir auch herausfinden, ob die hohe körperliche Belastung oder
die Arbeit bei ungünstigen Klimabedingungen mögliche weitere
Risikofaktoren für eine Corona-Infektion darstellen», sagte Huml.

Bei den ersten umfassenden Corona-Reihentestungen von Mitarbeitern an
51 Schlachthöfen in Bayern waren nach Ministeriumsangaben insgesamt
110 Menschen positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden.