Die Öresundbrücke - Eine skandinavische Lebensader wird 20 Von Steffen Trumpf, dpa

30.06.2020 08:01

Am 1. Juli 2000 wurde mit der Öresundverbindung zwischen Malmö und
Kopenhagen eine der spektakulärsten und längsten Brücken Europas
eröffnet. Die Öresundregion ist seitdem stark zusammengewachsen. 20
Jahre danach gibt es wegen der Corona-Krise aber auch Reibungspunkte.

Kopenhagen (dpa) - Dass die Schweden eines Tages nicht mehr nach
Dänemark gelassen werden, das hätten sich die Skandinavier am 1. Juli
2000 nicht ausmalen können. Damals weihten die Dänen und Schweden
voller Stolz ihr wohl größtes gemeinsames Projekt der jüngeren
Geschichte ein: Mit der Öresundbrücke schufen sie eine Lebensader,
durch die die Region rund um die dänische Hauptstadt Kopenhagen und
die drittgrößte Stadt Schwedens, Malmö, zu einer Einheit
zusammenwuchs. 20 Jahre später haben die hohen Corona-Zahlen bei den
einen dafür gesorgt, dass die Grenze der anderen für sie seit Monaten
dicht ist - aus der Verbindung ist somit vorübergehend auch eine
Abgrenzung geworden.

«Wir sind seit 20 Jahren vereint - und wir werden das immer sein»,
beteuern die Betreiber der Öresundverbindung dennoch. Ungeachtet der
Corona-Krise soll am Jahrestag gewürdigt werden, wie fast 16
Kilometer Stahl und Beton die 3,5 bis 4 Millionen Menschen in der
Region seit der Einweihung durch Dänemarks Königin Margrethe II. und
Schwedens König Carl XVI. Gustaf näher zusammengebracht haben.

«Tausende Menschen auf dem Weg zum Studium, zur Arbeit und in die
Freizeit - rund um die Uhr, das ganze Jahr über», heißt es auf der
Webseite der Betreiber stolz. Wissen und Inspiration würden ebenso
konstant über den Öresund ausgetauscht wie Waren, Arbeitskräfte und
Kultur. Gefeiert werden kann das coronabedingt zwar nicht mit großen
Festen, dafür aber unter anderem mit einem online übertragenen
Minikonzert auf einem der über 200 Meter hohen Brückenpylone. Das
Jubiläumsmotto: «Zusammen bauen wir Brücken.»

Die Öresundverbindung zwischen Kopenhagen und Malmö besteht nicht nur
aus der Öresundbrücke, sondern zudem noch aus der künstlichen Insel
Peberholm und dem Drogdentunnel. Doch wer an die Verbindung denkt,
der hat automatisch zuerst die Brücke an sich im Kopf: Über eine
Gesamtlänge von 7845 Metern erstreckt sie sich über die namensgebende
Meeresenge, den Öresund, während auf ihr Züge, Lastwagen und Autos
entlangfahren, unter ihr Containerschiffe passieren und sich über ihr
Flugzeuge im Landeanflug auf den Flughafen Kopenhagen befinden.

Mehr als 114 Millionen Wagen sind seit der Eröffnung über die Brücke

gefahren. Das Bauwerk ist zum Wahrzeichen der Metropolregion und zum
zentralen Schauplatz der auch in Deutschland erfolgreichen Krimiserie
«Die Brücke» geworden. Für Tausende Pendler stellt sie den täglic
hen
Weg zur Arbeit dar. Sie teilen sich die Brücke vor allem im Sommer
mit den Touristen, die heute die größte Kundengruppe ausmachen.

Zu Spitzenzeiten fahren mehr als 30 000 Fahrzeuge täglich über den
Öresund, darunter normalerweise auch die von vielen deutschen
Schweden-Urlaubern - die wundern sich nicht selten über die satten
Preise, die die Fahrt über die Brücke per Pkw oder Wohnmobil kostet.

Tja, und dann kam Corona. Dänemark hat sich Mitte März abgeriegelt
und dabei auch seine Grenzen für Ausländer ohne triftigen
Einreisegrund geschlossen. Schweden wählte dagegen bekanntermaßen
einen freizügigeren Weg und ließ auch seine Grenzen für EU-Bürger
offen. In der Region führte das zu einem Ungleichgewicht: Auf der
einen Seite des Öresunds blieben in Malmö Schulen, Kindergärten und
auch Restaurants, Cafés, Kneipen und Geschäfte geöffnet, auf der
anderen Seite in Kopenhagen wurde all das geschlossen und in den
vergangenen Monaten erst schrittweise wieder aufgemacht.

Die Dänen haben die Pandemie mit ihren strikten Maßnahmen unter
Kontrolle gebracht, nirgends außer sonst noch in Irland sind die
Menschen laut einer neuen Untersuchung des EU-Parlaments so zufrieden
mit dem Anti-Corona-Kampf ihrer Regierung wie in Dänemark. Schweden
dagegen ringt noch immer mit hohen Infektions- und Todeszahlen, die
die Werte des gesamten restlichen Skandinaviens weit übersteigen.

Die Schweden fühlen sich dabei vom Rest Skandinaviens allein
gelassen. Finnland, Norwegen, Dänemark: Ihre wichtigsten Partner
ließen sie bei ihren jüngsten Grenzöffnungen weitgehend außen vor.

Die dänischen Grenzen sind seit Samstag für Urlauber aus fast allen
EU-Ländern offen - nur für Portugiesen und alle Schweden außer
denjenigen aus der nördlichen Provinz Västerbotten nicht. «Die Grenze

nach Dänemark bleibt geschlossen», schrieb die wichtigste
südschwedische Zeitung «Sydsvenskan» nach der Ankündigung enttäus
cht.

Nach Dänemark reisen dürfen die meisten Schweden wie andere nur, wenn
sie dafür einen triftigen Einreisegrund haben - Berufspendler oder
Partner von Dänen kommen also weiter ins Land. Die Lage der Menschen
aus Südschweden ist noch unklar: Medienberichten zufolge können sie
zumindest dann einreisen, wenn sie einen negativen Corona-Test aus
den vergangenen 72 Stunden vorweisen können.

Der Frust bei den Schweden sitzt tief. Manche sprechen von
Diskriminierung, andere haben Verständnis für die Vorsicht der Dänen.

«Der Bescheid zur geschlossenen Grenze ist natürlich traurig», sagte

die Vorsitzende der Kommunalverwaltung von Malmö, Katrin Stjernfeldt
Jammeh. «Aber jetzt muss unser Fokus darauf liegen, die
Infektionsausbreitung niedrig zu halten und zurückzudrängen.»

Schwedens Außenministerin Ann Linde wies jüngst darauf hin, dass die
Lage in Grenzgebieten wie der Region Skåne (Schonen) weitaus besser
sei als in Stockholm - und auch besser als in Kopenhagen: «Man kann
ja sehen, dass es in Kopenhagen deutlich mehr Tote und Infizierte
gibt als in Skåne», sagte sie dazu der Zeitung «Dagens Nyheter».

Schaut man nur auf die Öresundregion, sieht die Lage in der Tat
anders aus als im gesamten Landesvergleich: In der Hauptstadtregion
Kopenhagen gab es bis Freitag 7334 bestätigte Infektionen und 353
Todesfälle, in Skåne nur 2952 Fälle und 236 Tote. Linde konstatierte:

«Wenn man das vergleicht, dann ist Skåne gut durchgekommen und
Kopenhagen schlecht.»